Chinesisches Cuju: Von wegen Mutterland des Fußballs!

In der Geschichte des chinesischen Kaiserreiches gilt die Song-Dynastie als Blütezeit: Buchdruck, Schießpulver, Papiergeld – das und noch viel mehr wurde zwischen den Jahren 960 und 1279 entwickelt oder fand erstmals breite Anwendung. Die Regierung brachte Sozialprogramme auf den Weg, unterhielt einen Postdienst, förderte Wissenschaft und Literatur. Und sie erfreute sich an einem Spiel, das heute, tausend Jahre später, als eine der ältesten Frühformen des Fußballs gilt: Cuju, gesprochen »Tsu-dschü« und wörtlich übersetzt »Balltreten«.
Während der Song-Dynastie soll insbesondere Kaiser Taizu ein talentierter Cuju-Spieler gewesen sein. Ein Gemälde zeigt ihn in weißer Kleidung, wie er gegen einen braunen Lederball tritt, beobachtet von hohen Beratern. »In der Song-Zeit war Cuju eine beliebte Freizeitbeschäftigung«, sagt der Schweizer Sinologe Hans Ulrich Vogel. »Ein Zeugnis für die Entwicklung einer urbanen Gesellschaft.«
Hans Ulrich Vogel ist einer von wenigen westlichen Wissenschaftlern, die Cuju erforscht haben. Er hat chinesische Quellen erfasst und Gedichte ins Deutsche übersetzt, er hat meterlange Bildrollen studiert und antike Reliefplatten analysiert. Und so beschreibt Vogel in mehreren Aufsätzen, wie Cuju, von ihm auch als »Kickball« bezeichnet, die Entwicklung der chinesischen Zivilisation flankierte – und das über Jahrhunderte.
In der Song-Dynastie schlossen sich Spieler zu Gemeinschaften zusammen, einer frühen Form heutiger Vereine. Sie traten vor Adelshäusern auf, trugen regionale Meisterschaften aus und verteilten Leitfäden für die technischen Feinheiten ihrer Sportart. Diese Gruppen beschrieben Cuju als einen Segen für die Gesundheit. Ein Spiel, das die Muskeln stärkt, die Verdauung fördert, die Schwindsucht verzögert. Viele Spieler orientierten sich am Konfuzianismus, traten für Weisheit und Gutmütigkeit ein. Wer Profi werden wollte, musste eine Aufnahmeprüfung bestehen.
Anstoß vor mehr als zweitausend Jahren
Doch die Wurzeln des Ballspiels reichen viel weiter zurück. In historischen Quellen wurde Cuju erstmals im dritten vorchristlichen Jahrhundert erwähnt. In der Han-Dynastie, die bis 220 n. Chr. andauerte, erlebte das Spiel eine erste Blüte. Eine Reliefplatte, die das Grab einer wohlhabenden Familie bedeckte, zeigt Freizeitaktivitäten der damaligen Zeit. Zu sehen ist auch ein Künstler, der mit Bällen jongliert.
Kaiser Taizu der Song-Dynastie soll ein begabter Spieler gewesen sein. Diese Abbildung, die wohl auf ein Gemälde des um die Mitte des 12. Jahrhunderts tätigen Hofmalers Su Hanchen zurückgeht, zeigt ihn im Kreise seiner Berater beim Schuss.
Abbildungen wie diese hat das Züricher FIFA-Museum, das die Geschichte des Fußballs nachzeichnet, für eine digitale Ausstellung zusammengetragen. Zu den Objekten gehören: ein Bronzespiegel, auf dem Männer und Frauen bei einem Cuju-Spiel abgebildet sind. Eine fünf Meter lange Bildrolle, die Vergnügungen bei einem Festival zeigt, darunter Cuju. Und eine Seidenmalerei von Kindern im Garten, die sich einen Ball zuspielen.
Zudem gibt die Ausstellung in Grafiken einen Eindruck wieder, wie die Spielfelder einst ausgesehen haben könnten. Über die Jahrhunderte bildeten sich unterschiedliche Formen von Cuju heraus, die zum Teil parallel existierten. Spieler traten allein oder in der Gruppe an. Beim Zhuqiu galt es für zwei Teams, den Ball in ein Netz zu befördern, das in der Mitte an Bambusstangen über dem Feld angebracht war. Beim Baida ging es um das Jonglieren des Balles, der nicht den Boden berühren durfte. Der Einsatz der Hände war untersagt; Füße, Oberkörper und Knie waren erlaubt. In vielen Fällen achteten Schiedsrichter auf die Einhaltung der Regeln.
Experten optimierten luftgefüllte Bälle
Anfangs waren die Bälle mit Federn oder Haaren gefüllt. Doch über die Generationen hinweg verbesserte sich die Herstellung. In der Blütezeit bestand ein Ball aus einer Tierblase mit genähter Lederhülle. Das Gewicht: 560 Gramm, knapp hundert Gramm schwerer als ein heutiger Fußball. An Kaiserhöfen wurden Experten mit der Produktion und Optimierung der Bälle beauftragt.
»Die Lederhülle aber, die ihn schmückt, macht ihn zu einem kostbar Ding.«
Aus der »Ode an den mit Luft gefüllten Ball« von Zhong Wupo
In seiner Forschung hat sich der Sinologe Hans Ulrich Vogel mit den unterschiedlichen Motivationen befasst. In der frühen Phase während der Han-Dynastie gehörte Cuju zum militärischen Training. Soldaten spielten für die Stärkung von Körper, Teamgeist und Disziplin. Im Verlauf der Jahrhunderte nahm die physische Bedeutung jedoch ab, sagt Vogel: »Aus Cuju wurde zunehmend eine akrobatische Spielart.«
In späteren Epochen diente Cuju eher der Unterhaltung und wurde in Zeremonien am Hofe aufgeführt. Hans Ulrich Vogel ist in der chinesischen Literatur auf etliche Beschreibungen und Gedichte gestoßen. Im 9. Jahrhundert zum Beispiel verfasste Zhong Wupo eine »Ode an den mit Luft gefüllten Ball«. Darin hieß es: »Die Lederhülle aber, die ihn schmückt, macht ihn zu einem kostbar Ding. Der Flaum, der diesen Ball umhüllt, ist doch nicht abgenutzt. Warum hat denn noch niemand seine schöne Form besungen?«
Einige Gedichte, Rollbilder und Holzschnitte zeigen, dass auch Frauen Cuju gespielt haben, aber wohl unter erschwerten Bedingungen. Schönheitsnormen im kaiserlichen China verlangten, dass Frauen möglichst kleine Füße haben. Daher wurden insbesondere den Mädchen in höher gestellten Familien die Füße gebrochen und abgebunden. »Frauen haben den Ball mit Schultern und Knien jongliert«, sagt der Sportwissenschaftler Kaixiao Jiang. »Es waren oft Akrobatinnen, die damit ein männliches Publikum unterhielten.«
Harte Strafen gegen die Dekadenz
Kaixiao Jiang hat in Peking studiert und später an der Loughborough University in England promoviert. In Aufsätzen hat er sich mit Cuju befasst, auch mit dessen Niedergang während der Ming-Dynastie ab dem 14. Jahrhundert. Das Spiel wurde nun mit einem ausschweifenden Lebensstil gleichgesetzt. Kaiser Hongwu sah darin eine Ablenkung von militärischen Pflichten und verbot es für Soldaten und Beamte. »Wer beim Spielen ertappt wurde, konnte hart bestraft werden«, sagt Kaixiao Jiang. »Ein Mittel war die Amputation der Beine.«
Nicht nur Kaiser, auch Kinder vergnügten sich mit dem Ball. Das zeigt dieser Ausschnitt aus der Bildrolle »Hundert Kinder im ewigen Frühling«, die ebenfalls dem Song-Maler Su Hanchen zugeschrieben wird.
Während der Qing-Dynastie ab Mitte des 17. Jahrhunderts dehnte sich das chinesische Kaiserreich enorm aus. Es kam zu Aufständen, Traditionen verloren an Bedeutung, auch Cuju geriet mit der Zeit in Vergessenheit. Überdies schätzten die Herrscher nun Ringen als sportliches Element der militärischen Schule. Im 19. Jahrhundert konkurrierten dann europäische Mächte um Einfluss in China. Sie brachten ihre eigenen Gebräuche mit, auch im Sport.
Erst ab den 1980er-Jahren warfen chinesische Universitäten einen intensiven Blick auf die Geschichte von Cuju. Sie fühlten sich bestärkt, als der langjährige FIFA-Präsident Sepp Blatter das Spiel im Jahr 2004 als »älteste Frühform des Fußballs« bezeichnete. In jenem Jahr feierte der Weltfußballverband seinen hundertsten Geburtstag und in China fand die Asienmeisterschaft statt. Blatter gab eine Pressekonferenz in Peking. Im Gegenzug erhielt er bei einer Zeremonie die Nachbildung eines historischen Cuju-Balles.
Die FIFA holt Cuju wieder auf die Bühne
Dieser Vorstoß der FIFA war unter Sporthistorikern umstritten. Kickspiele mit Bällen hatte es auch in anderen frühen Zivilisationen gegeben: bei den Maya, im antiken Rom oder in Griechenland. Cuju nimmt hier keine Sonderstellung ein. Allerdings sind seine Ursprünge wesentlich besser dokumentiert. »Die FIFA nahm diese Forschungen für ihre eigene Politik dankbar auf«, sagt der britische Sportökonom Simon Chadwick. »Es gibt heute nicht mehr viele Industrieländer, in denen der Fußball wachsen kann. Für die FIFA ist China ein großer und lukrativer Zukunftsmarkt.«
Die Nationalmannschaft Chinas, lange Zeit das bevölkerungsreichste Land der Welt, hat bislang erst einmal an der Weltmeisterschaft teilgenommen. Das war 2002 in Südkorea und Japan, wo es in der Vorrunde ohne ein einziges erzieltes Tor ausschied. Korruption und Missmanagement erschwerten den Aufbau von Talentakademien. Und auch kulturelle Faktoren spielen eine Rolle: Viele Eltern und Großeltern, lange geprägt durch die Ein-Kind-Politik der Kommunistischen Partei, lehnen körperliche Sportarten mit Verletzungsgefahr für ihren Nachwuchs ab. Zudem hat Bildung oft den höheren Stellenwert. Statt auf dem Platz zu stehen, sollen sich Kinder und Jugendliche lieber früh auf die schweren Aufnahmeprüfungen der Universitäten vorbereiten.
Simon Chadwick erforscht die Verbindungen von Fußball und Wirtschaft in Europa und Asien. Er glaubt, dass die FIFA unter Sepp Blatter zunächst das Interesse der chinesischen Politik wecken wollte. Und das schien zu wirken. Die Volksrepublik nahm Cuju 2006 in das nationale immaterielle Kulturerbe auf. Schulen und Vereine, die Cuju in traditioneller Kleidung aufführten, erhielten nun Förderung. Zudem wurde in der ostchinesischen Provinz Shandong, historisch einem der ersten Cuju-Zentren, ein großes Fußballmuseum gebaut.
Der chinesische Staatspräsident Xi Jinping nutzt die chinesische Ballsporttradition für diplomatische Gesten – hier im Jahr 2017 bei einem Treffen mit dem damaligen IOC-Präsidenten Thomas Bach.
Inzwischen spielt China den Cuju-Rückpass
Die Erzählungen von Cuju als dem ältesten Fußball-Ahn prägten auch die große Investitionswelle in den 2010er-Jahren. Staatsnahe Unternehmer finanzierten Transfers von teuren Fußballern aus Europa zu chinesischen Klubs und sicherten sich darüber hinaus Beteiligungen an europäischen Vereinen. Das Ziel, so ließ Staatspräsident Xi Jinping mitteilen: China solle langfristig zu einer Fußballmacht aufsteigen. Doch noch ist dieses Ziel in weiter Ferne, zumindest sportlich.
Politisch sieht das anders aus. Immer wieder einmal lässt Xi Jinping die Cuju-Geschichte in seine Auslandsreisen einfließen. 2015 besuchte er mit dem damaligen britischen Premierminister David Cameron die Fußballakademie von Manchester City und überreichte dem Klub die Replik eines Cuju-Balles. Ausgerechnet in England, das sich selbst als »Mutterland des Fußballs« versteht.
»Das war kein harmloses Geschenk«, sagt Simon Chadwick. »Es war eine Machtdemonstration.« China, das während der Opiumkriege im 19. Jahrhundert von den Briten gedemütigt wurde, gehört heute zu den wichtigsten Investoren und Handelspartnern im Vereinigten Königreich. Rund um die Reise von Xi wurden milliardenschwere Verträge zwischen beiden Staaten abgeschlossen.
Ein antikes Spiel als Soft Power. Mithilfe von Cuju will China seine Bedeutung in der Weltgeschichte zum Ausdruck bringen. Und die Erzählung einer historischen Kontinuität über fast zwei Jahrtausende. Dass die letzte »echte« Cuju-Partie vor Jahrhunderten zu Ende ging? Spielt dabei fast keine Rolle.
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