Geologie der Curlingsteine: Olympisches Curling braucht einzigartigen Granit

Bei vielen Sportarten beflügelt hoch spezialisierte Ausrüstung oder Bekleidung die Elite zu neuen Bestleistungen. Bei den Olympischen Winterspielen treibt eine Sportart diese Spezialisierung auf die Spitze, bei der man es auf den ersten Blick vielleicht nicht erwarten würde: Curling. Sämtliche der rund 20 Kilogramm schweren Steine, die hier bei Olympia über das Eis geschoben werden, stammen von nur zwei Orten auf der Welt. Dabei handelt es sich um eine kleine Insel in Schottland namens Ailsa Craig und den Granitsteinbruch Trefor in Wales.
Warum ist das Gestein von diesen Orten so unschlagbar gut dafür geeignet, über eine Eisfläche in einen Zielbereich zu gleiten? Könnte man passende Steine nicht auch irgendwo anders finden? Die Antworten darauf kennt Derek Leung von der University of Regina im kanadischen Saskatchewan.
Der Mineraloge und begeisterte Curler ist früher für das Team Hongkong angetreten. Leung hat seine beiden Interessen miteinander verbunden, indem er mineralogische Analysen von Curlingsteinen durchgeführt hat – die ersten seit dem Jahr 1890. Nach mehr als 100 Jahren interessierte Leung, was die moderne Wissenschaft über das Material verrät.
Ein typisch käselaibförmiger Curlingstein besteht aus zwei Hauptteilen: der Lauffläche und der seitlichen Schlagfläche. Erstere ist an der Unterseite des Steins und konkav geschliffen, sodass nur ein ringförmiger Bereich über das Eis gleitet. Letztere zieht sich als Band rund um den Stein. Hier kollidiert dieser mit anderen Steinen, um idealerweise einen gegnerischen aus dem Zielbereich zu schlagen oder einen des eigenen Teams näher heranzubringen.
Der feinkörnigste Granit der Welt
Jede Oberfläche braucht bestimmte Eigenschaften, um ihre Aufgabe optimal zu erfüllen. Hier kommen Ailsa Craig und der Trefor-Steinbruch ins Spiel. Von ersterem Ort stammen Curlingsteine bereits seit dem frühen 19. Jahrhundert; Trefor kam hinzu, als Curling nach dem Zweiten Weltkrieg zunehmend populärer wurde. In den Steinbrüchen gibt es jeweils zwei Arten von Gestein, die für Curlingsteine verwendet werden: »Common Green« und »Blue Hone« von Ailsa Craig sowie »Blue Trefor« und »Red Trefor«.
Bei allen vier Arten handelt es sich um Granite. Sie entstehen, wenn Magma, das heißt geschmolzenes Gestein, abkühlt und kristallisiert. Die Steine von Ailsa Craig gingen vor etwa 60 Millionen Jahren hervor, während sich der Atlantische Ozean formte. Bei dieser sogenannten Riftbildung drang Magma in eine relativ flache Schicht der Erdkruste. Der Granit von Trefor hat seinen Ursprung in einer Gebirgsbildung vor etwa 400 bis 500 Millionen Jahren, die als Kaledonische Orogenese bezeichnet wird. Geologisch gesehen ist das noch nicht sehr lange her. Leung zufolge könnte das vorteilhaft sein, »da junges Gestein wahrscheinlich weniger stark durch verschiedene tektonische Ereignisse beansprucht wurde«, bevor es den Belastungen des Curlings ausgesetzt wird.
Nach gängiger Meinung galten Gesteine von diesen beiden Quellen als ideal, da sie nur sehr wenig Quarz enthalten sollten. Das spröde Mineral ist für die teuren Steine, die ständig gegeneinanderknallen, weniger geeignet. Immerhin kosten Curlingsteine circa 600 Euro pro Stück oder mehr und werden in der Regel 50 bis 70 Jahre lang verwendet. Leung stellte allerdings fest, dass alle vier Gesteinsarten Quarz enthalten. Unter dem Mikroskop »fand ich jedoch fast keine Brüche«, sagt er, wahrscheinlich aufgrund ihres jungen Alters.
Blue Hone aus Ailsa Craig wird häufig für die Lauffläche verwendet; die Hersteller schneiden einen Kreis aus dem Boden des Hauptsteins heraus und setzen eine Scheibe aus Blue Hone ein. Leung stellte fest, dass dieser Stein kleine, ziemlich gleichmäßige Korngrößen aufweist. Dies ist ideal für jahrzehntelanges Gleiten über das Eis – größere Körner werden eher aus dem Laufring herausgerissen und hinterlassen Löcher in der Oberfläche, die zu unvorhersehbarem Verhalten führen können. Der außergewöhnlich feinkörnige Blue Hone besitzt außerdem kaum Poren. Daher kann Wasser weniger leicht eindringen und Brüche verursachen.
Für die Schlagfläche hingegen »sollte man größere Unterschiede in der Korngröße haben«, erklärt Leung, weil »dies bestimmte Arten von Schäden verhindert«, wenn die Steine aufeinanderprallen. Common Green, Blue Trefor und Red Trefor eignen sich alle gut dafür, weshalb sie für den Hauptstein verwendet werden. Die Schlagfläche entsteht durch Bearbeitung des Hauptsteins.
Die Curlingsteine der Zukunft
Die Steine für die Olympischen Winterspiele 2026 in Mailand und Cortina werden aus Common Green hergestellt; für die Lauffläche wird Blue Hone verwendet. Grundsätzlich gibt es keinen Grund, warum Steine aus anderen Gegenden nicht für Curling geeignet sein sollten. Schließlich verwendeten die Curler bereits vor mehr als 100 Jahren Steine aus ganz Schottland, dem Geburtsort des Sports.
Ailsa Craig und der Trefor-Granitsteinbruch wurden wahrscheinlich im Lauf der Zeit aufgrund einer Kombination mehrerer Merkmale zu den bevorzugten Bezugsquellen: wegen der guten Spieleigenschaften, aus Gründen der Tradition und wegen standardisierter Fertigungsverfahren. Sprengungen zum Abbau sind in Ailsa Craig, heute ein unbewohntes Vogelschutzgebiet, nicht mehr erlaubt. Wegen der Einschränkungen würde eine andere Bezugsquelle dazu beitragen, die Curling-Klubs bei steigender Nachfrage zukunftssicher zu versorgen.
Daran arbeitet Leung. Ein Versuch in Kanada in den 1950er-Jahren scheiterte: Das magmatische Gestein namens Anorthosit, das im Norden Ontarios abgebaut wurde, platzte schon nach kurzem Gebrauch ab. Mit einem besseren Wissen darüber, welches Gestein am besten geeignet ist, sollte es jedoch möglich sein, eine alternative Quelle zu finden. »Wir könnten nach Gesteinen suchen, die in einer ähnlichen Umgebung wie Ailsa Craig entstanden sind«, sagt Leung – vielleicht in Nova Scotia, das auf der gegenüberliegenden Seite des atlantischen Riftsystems liegt. Er hofft, eines Tages mit Betreibern von Steinbrüchen zusammenzuarbeiten, um Proben zur Analyse zu erhalten. Wenn Leung geeignete Granite findet, würde er sie gerne zu Curlingsteinen verarbeiten lassen und sie selbst auf dem Eis ausprobieren.
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