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Vogelorientierung: Da vorne beim Kirchturm geht's links

Die moderne Technik macht's möglich: GPS-Sender im Miniaturformat geben die exakte Flugroute von Tauben preis. So lässt sich erschließen, nach welcher Methode die Vögel navigieren.
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Allmorgendlich geht ein Rauschen durch den Speisesaal des Zauberinternats Hogwarts, wenn ganze Schwärme von Eulen die Tageszeitung, Briefe und Päckchen bei den Adressaten abliefern. Die Posteulen in Harry Potters Zauberwelt sind perfekte Briefträger: Absolut zuverlässig bringen sie ihre Fracht an den richtigen Bestimmungsort, wo auch immer dieser sein mag. Damit sind sie den Brieftauben unserer realen Welt bei weitem überlegen – Tauben finden immerhin nach Hause zurück in den heimischen Schlag.

Inwieweit sie diesen anhand von Landmarken orten oder ob sie sich in der Nähe des Schlages an anderen Faktoren orientieren, darüber sind sich die Ornithologen nicht im Klaren. Nach der derzeit gängigen Ansicht nutzen Tauben landschaftliche Besonderheiten lediglich bei der Erkennung der aktuellen Position, die zielgerichtete Orientierung übernimmt nach der Positionsbestimmung eine Art Peilkompass.

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Taube mit Sender | Mit Hilfe von GPS-Sendern auf den Rücken der Tauben ließen sich die Flugrouten auf fünf Meter genau beobachten.
Vielleicht hangeln sich die Vögel, die sehr stark auf ihr visuelles System ausgerichtet sind, aber doch an Landmarken sukzessive heimwärts, vermuteten Jessica Meade, Dora Biro und Tim Guilford von der Universität Oxford und rückten dieser Frage nun mit High-Tech zuleibe. Sie statteten fünfzehn Tauben (Columba livia) mit Mini-GPS-Sendern aus. Damit konnten sie auf fünf Meter genau die Flugroute der Vögel verfolgen – so exakt, wie kaum jemals zuvor. Zunächst durften die gefiederten Probanden den Heimflug trainineren: Sie wurden mehrfach in bis zu sieben Kilometer Entfernung vom Taubenschlag freigelassen, jedoch niemals in der Nähe des für den Test vorgesehenen Startplatzes.

Für die Testflüge unterteilten die Forscher ihre Versuchstiere in zwei Gruppen: Die erste startete 24 Mal in fünf Kilometern Entfernung vom Taubenschlag. Diese sieben Tiere hatten beim Heimflug lediglich das GPS-Gerät zu schleppen. Die zweite Testgruppe bekam zusätzlich einen Magneten angeklebt, der verhinderte, dass sich die Tiere am Erdmagnetfeld orientieren konnten. Diese Vögel flogen 20 Mal an einem anderen, 5,3 Kilometer vom Schlag entfernten Ort in Richtung Heimat los.

Die Tauben störte es bei ihrem Heimflug überhaupt nicht, wenn ihr Magnetsinn durch den angeklebten Magneten beeinträchtigt war: Beide Gruppen fanden von Flug zu Flug einen besseren Heimweg. Flogen sie anfangs große Umwege und irrten in der Nähe des Taubenschlages noch etwas herum, so entschieden sie sich nach wenigen Flügen für eine Route, der sie bei späteren Testflügen immer folgten. Diese Routen variierten von Vogel zu Vogel; im Laufe der Zeit wurden sie zwar kürzer, entsprachen aber dennoch nicht der direkten Verbindung.

Nur zwei Tiere brachen aus diesem Schema aus: Eine Taube fand gleich beim ersten Testflug den für sie optimalen Weg, den sie dann stets wieder einschlug, und eine andere konnte sich bis zum letzten Flug nicht für eine einheitliche Route entscheiden. Dieses Tier war jedoch, wie sich später herausstellte, auf einem Auge blind.

Da der Wind bei den einzelnen Testflügen aus unterschiedlichen Richtungen wehte, halten es die Wissenschaftler für unwahrscheinlich, dass die Tauben sich am Geruch der Umgebung orientierten. Auch eine magnetfeldgestützte Navigation schließen sie aus, da auch die Vögel mit irritiertem Magnetsinn genau wie die Vergleichsgruppe nach und nach eine individuelle Flugstrecke entwickelte. Deswegen – und weil nur die einäugige Taube keine persönliche Flugroute etablierte – vermuten die Forscher, dass die Tiere anhand von Landmarken nach Hause fanden.

Ob sich die Tauben dabei ausschließlich an landschaftlichen Orientierungspunkten heimwärts hangeln oder ob sie diese Informationen mit Kompassdaten abgleichen und bis in welche Entfernung von heimischen Taubenschlag diese Technik funktioniert, das wollen die Ornithologen in weiteren Versuchen herausfinden.
16.12.2004

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 16.12.2004

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