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Ornithologie: Damenwahl

Wenn bei Vögeln Frauen die Wahl haben, gibt es für die Männer nichts mehr zu lachen. Äußerlichkeiten zählen dann mehr als innere Werte, und auch ein Seitensprung wird gerne mal riskiert. Sogar bei den Sprösslingen haben die Damen noch den Daumen drauf - und geben einem Geschlecht mitunter den Vorzug.
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Schwarzhaarig, blond oder doch feurig rot? Ist doch nicht so entscheidend, denkt sich der kultivierte Erdenbürger, der auf innere Werte setzt. Prachtfinken sehen das anders: Schwarzköpfige Gouldamadinen (Erythrura gouldiae) paaren sich am liebsten mit Partnern, die mit schwarzem Kopfschmuck locken, während ihre rot gefärbten Artgenossen gleichfalls rote Gefährten bevorzugen.

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Gouldamadinen | Gouldamadinenweibchen (unten) bei der Partnerwahl. Hier gilt: gleich und gleich gesellt sich gern und das schwarzköpfige Männchen wird bevorzugt.
Ist aber kein Partner mit dem favorisierten Aussehen verfügbar, begnügen sie sich auch mit andersfarbigen Exemplaren. Allerdings hat ihr Nachwuchs in diesem Fall schlechtere Chancen: Die Jungvögel sind kleiner und sterben häufiger. Aber was ist der Grund für diese Benachteiligung? Sind die Mischlinge genetisch schlechter ausgestattet?

Um dies zu beantworten, paarte ein Forscherteam um Sarah Pryke von der Macquarie University in Sydney 200 Finkenweibchen nacheinender jeweils mit einem gleich- und mit einem andersfarbigen Männchen [1]. Die entstandenen Gelege zeigten dabei von Anfang an Unterschiede: Hatten die Partner die gleiche Kopffarbe, dann legte das Weibchen mehr und größere Eier, und ihre Jungen wuchsen schneller.

Wenn die Wissenschaftler nun gleichfarbigen Eltern Nachwuchs von gemischten Paaren unterschoben, wuchs dieser plötzlich schneller heran als in seinem eigenen Nest. Nicht allein seine genetische Ausstattung, sondern auch der Einfluss der Eltern spielte also eine Rolle. Tatsächlich beobachteten sie, dass die Jungvögel von ihrer Mutter – nicht aber von ihrem Vater – besser gefüttert wurden, wenn diese glaubte, dass ihr Erzeuger den gleichen Kopfschmuck trug wie sie.

Stimmt also die Mutter ihre Investition in den Nachwuchs auf die vermeintliche Fitness des Partners ab – und das nur auf Grund seines Aussehens? Mit einem Trick versuchten die Forscher, den Finkendamen besser auf die Spur zu kommen: Sie färbten rotköpfige Männchen schwarz ein, um den Weibchen falsche Tatsachen vorzugaukeln.

Tatsächlich legten schwarzköpfige Weibchen selbst dann größere und mehr Eier, wenn sie mit einem solchen Blender verpaart wurden, während rotköpfige Weibchen ihren Aufwand wegen des vermeintlich schlechteren Partners senkten. Schon bei der Eiablage werden also die Chancen des Nachwuchses von der Mutter beeinflusst.

Der Grund könnte trotzdem in den Genen liegen: Wenn Sprösslinge aus gemischten Verbindungen genetisch schlechter ausgestattet sind und damit weniger Aussichten haben, selbst Nachwuchs zu zeugen, dann lohnt sich aus evolutionärer Sicht die Investition in sie nicht. Durch diese Konzentration auf bestimmte Partner könnte sich auf Dauer sogar eine neue Art herausbilden.

Die Gelege der zwangsverheirateten Prachtfinken zeigten aber noch etwas anderes: Während bei einheitlichen Partnern das Geschlechterverhältnis des Nachwuchses ausgewogen war, schlüpfte bei bunten Eltern zu 80 Prozent männlicher Nachwuchs – selbst wenn es sich um die Küken umgefärbter Männchen handelte.

Mütter können also offensichtlich das Tochter-Sohn-Verhältnis ihres Geleges beeinflussen. Ein Vorteil wäre es für sie allemal – sterben doch Töchter von gemischten Gouldamadinenpaaren viel häufiger als ihre Söhne. Eine Investition in männliche Nachkommen lohnt sich also noch eher, wenn frau schon mit einem minderwertigen Partner vorlieb nehmen muss.

Tatsächlich wurde bei Vögeln schon seit einiger Zeit vermutet – aber bisher nicht eindeutig nachgewiesen –, dass sie das Geschlechterverhältnis ihres Nachwuchses der partnerschaftlichen Fitness anpassen können. Auch Scott Johnson und seine Kollegen von der Towson University widmeten sich dieser These, sie hatten jedoch einen anderen gefiederten Gesellen im Visier: den Hauszaunkönig (Troglodytes aedon) [2].

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Hauszaunkönig | Die eigentlich monogam lebenden Hauszaunkönige gehen gern mal fremd. Bei ihrem Nachwuchs finden sich dann mehr Söhne als Töchter – um die vorteilhaften Eigenschaften des Nebenmannes besser zu nutzen.
Bei 2345 Nestlingen von 270 verschiedenen Zaunkönigmüttern herrschte auf den ersten Blick ein ausgewogenes Verhältnis von Männchen und Weibchen vor. Vaterschaftstests brachten es aber ans Licht: Etwa 15 Prozent der Nachkommen der eigentlich monogam lebenden Vögel stammten aus Seitensprüngen, und unter diesen fanden sich überdurchschnittlich viele Söhne – fast ein Zehntel mehr als beim Nachwuchs mit dem eigenen Partner.

Bevorzugt lassen sich die Weibchen mit besonders schönen Hähnen ein. Die Forscher vermuten daher, dass bei einem Seitensprung mit einem höherwertigen Partner neue förderliche Allele weitergegeben werden, was die evolutionäre Fitness des Nachwuchses erhöht. Da die männlichen Nachkommen später viel stärker konkurrieren, weil sie sich um Nistplätze und Partnerinnen streiten müssen, ist es für sie wichtiger, vorteilhafte Eigenschaften vom Vater zu erben – weshalb sich auch hier eine Verschiebung des Verhältnisses zugunsten von Söhnen lohnt.

Während bei den Gouldamadinen aber mehr Männchen geboren werden, wenn der Partner potenziell minderwertig ist, ist es bei den Hauszaunkönigen genau umgekehrt: mehr Söhne mit dem besseren Partner. Bei beiden scheint diese Anpassung jedoch zu ihrem Vorteil zu sein.

Bleibt noch die Frage, wie die Mütter das eigentlich machen? Hierüber gibt es bisher nur Spekulationen, Hormone werden genauso ins Spiel gebracht wie unterschiedliche Wachstumsraten, selektive Abtreibung oder eine ungleiche Verteilung der Geschlechtschromosomen.

Die Macht der Frauen scheint also bei manchen unserer gefiederten Freunde weitreichend zu sein – doch natürlich tun sie das alles nur zum Vorteil ihrer lieben Kleinen. Als Fazit bleibt: Äußerlichkeiten sind bei der Partnerwahl manchmal doch wichtig, und ein Seitensprung kann Vorteile haben – ein Schelm aber, wer nun Böses denkt und diese Erkenntnis auf den Menschen überträgt.
12. Woche 2009

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 12. Woche 2009

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  • Quellen
[1] Pryke,S. et al.: Genetic Incompatibility Drives Sex Allocation and Maternal Investment in a Polymorphic Finch. In: Science 323, S. 1605–1607, 2009.
[2] Johnson, S. et al.: Extra-pair young in house wren broods are more likely to be male than female. In: Proceedings of the Royal Society B 10.1098/rspb.2009.0283, 2009.

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