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Verhaltensbiologie: Daneben gequakt

Attacke! Der Anblick einer Schallblase und fremdes Revieranspruchsgequake im eigenen Terrain bringen manche Pfeilgiftfrösche so in Rage, dass sie dem eingedrungenen Artgenossen sofort und wenig zimperlich zu Leibe rücken. Lässt er sich nicht durch pures Anrempeln vertreiben, werden die Verteidiger handgreiflich bis zum Ringkampf. Was aber, wenn gar nicht der Geselle vor ihnen tönt, sondern ein Lautsprecher in reichlicher Entfernung?
Eindringling unerwünschtLaden...
Wir fallen immer wieder darauf herein: Fasziniert folgen wir den gut gespielten Mundbewegungen einer Puppe und jedem Wort, das sie sagt – falsch! Lauschen wir doch nur dem, was der Puppenspieler für sie spricht – aber ein guter Bauchredner wird uns immer glauben machen, die Laute stammten aus dem stummen Mund an seiner Seite. Selbst wenn er sich ein gutes Stück entfernt befindet oder Gehörtes und Gesehenes nicht ganz synchron sind, lassen wir uns täuschen.

Nur wir? Keineswegs. Im Tiefland-Regenwald Französisch-Guyanas würden wir Verbündete finden, die sich genauso von Bauchrednern in die Irre führen lassen. Allerdings steckt für sie dahinter ganz und gar kein Spiel: Stimmen bedeuten bei den Braunschenkel-Baumsteigern (Epipedobates femoralis), um die es hier geht, Revieranspruch. Und wenn diese in ihrem eigenen Terrain erklingen, werden die kleinen Frösche sehr schnell sehr wütend – Eindringlinge haben mindestens mit einem heftigen Rempler, wenn nicht mit einem ausgedehnten Ringkampf zu rechnen.

Ein Phänomen, an dem Peter Narins von der Universität von Kalifornien in Los Angeles und seine Kollegen um Walter Hödl an der Universität Wien schon seit Jahren forschen. So haben die Wissenschaftler ein rein äußerlich verblüffend übereinstimmendes Ebenbild der Pfeilgiftfrösche erfunden, das ferngesteuert quaken kann – und daher so manche Froschattacke über sich ergehen lassen musste. Allerdings nur, wenn zum Quaken auch die ebenfalls auf Knopfdruck aufzupustende Schallblase erschien: Reines Reviergequake reichte nicht, die lebenden Pseudo-Artgenossen zu reizen. Ebenso passierte nichts, wenn der technische Eindringling einen dicken Hals riskierte, aber stumm blieb.

Doch zurück zum Bauchrednereffekt: In ihren letzten Experimenten platzierten Narins und seine Mitarbeiter nun den Modellfrosch im Freiland vor Baumsteiger-Männchen, ließen aber den Ruf vom Tonband über einen als Zweig getarnten Lautsprecher in verschiedenen Entfernungen erschallen. Was geschah? Die Kombination aus Gesehenem und Gehörten passte den angestammten Revierbesitzern wie erwartet überhaupt nicht: Intensiv untersuchten die meisten das technische Spiegelbild – aber auch den Lautsprecher. Solange zwischen ihm und dem Tiermodell nur bis zu zwölf Zentimeter lagen, fielen die echten Frösche auf das Bauchrednerspielchen herein und wurden gegenüber dem Konkurrentenabbild handgreiflich. Bei mehr als 25 Zentimetern Abstand hingegen hüpften die Baumsteiger zwar ebenfalls zur Geräuschquelle – sie war in diesem Fall der Hauptanziehungspunkt –, erkannten aber weder sie noch das sich lautlos aufplusternde Gegenüber als Pseudorivalen: Die Ohrfeigen blieben aus.

Ähnliches zeigte sich, wenn das Modell zwar in einem quakte und den Hals blähte, dies aber mit zeitlichem Versatz: Solange die Schallblase mindestens direkt nach dem letzten Ruf erschien, reagierten die Pfeilgiftfrösche gewohnt ungehalten. Sobald aber nach dem letzten Quak eine Pause eintrat, bis die Blase zu sehen war, blieb der Pseudo-Artgenosse von Handgreiflichkeiten weit gehend verschont.

Ob Frosch, ob Mensch, Bauchredner müssen wohl eines beherzigen: Die Täuschung funktioniert eben nur in Grenzen. Und mit sehr unterschiedlichen Risiken.
25.01.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 25.01.2005

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