Grüngas für den Heizungskeller: »Dann gehört Biomethan nicht in die Gastherme«

Frau Thrän, die Bundesregierung will konventionelle Heizungen weiter zulassen. Ab 2029 sollen neu installierte Anlagen dann aber zu zehn Prozent mit Grüngas oder Grünöl befeuert werden. Ist das ein Signal, auf das Erzeuger von Biogas und Bioöl gewartet haben?
Ja, ich denke, es ist ein Signal, aber doch mit sehr großen Fragezeichen. Denn es ist nicht absehbar, wie viel Grüngas oder -öl überhaupt gebraucht wird. Vier Dinge sind dabei unklar. Erstens: Wie umfänglich und wie schnell soll der Anteil von Grüngas und Grünöl nach 2029 in dem geplanten Gesetz steigen? Zweitens: Die Anforderung gilt nur für Neuanlagen. Wie viele Leute würden sich überhaupt noch eine neue Gasheizung einbauen; Wärmepumpen sind unter dem Strich schließlich günstiger. Und, drittens: Wie geht es mit dem Gasnetz weiter? Eigentlich sollte es zurückgebaut werden, da auch der Gasbedarf bis 2045 stetig abnimmt. Wenn sich weiterhin jeder an einem beliebigen Ort eine Gasheizung einbauen kann, müsste man ebenfalls das gesamte Gasnetz erhalten und es mit sehr viel Grüngas füllen. Viertens wissen auch die Erzeuger von Biogas und Bioöl, dass man mit den geplanten Maßnahmen die Klimaziele verfehlen wird.
Grüngas – vielen Menschen war dieser Begriff bis vor Kurzem völlig unbekannt. Was ist das überhaupt?
Grüngas bezeichnet Erdgasersatzstoffe mit weniger schädlicher Klimawirkung. Im Eckpunktepapier werden Biomethan, also aufbereitetes Biogas, darüber hinaus Wasserstoff und Wasserstoffprodukte genannt. Theoretisch könnte man auch ein Erdgassubstitut gewinnen, indem man Holz vergast. Allerdings gibt es hierfür bislang keine Anlagen. Und die Rolle von Wasserstoff im Eckpunktepapier ist denkbar niedrig: ein Prozent im Gasnetz ab 2028. Für die Heizungen wichtiger ist Biomethan, also aufbereitetes Biogas. Mit der sogenannten Biotreppe sollen ab 2029 zehn Prozent des Erdgases ersetzt werden.
Wie viel Grüngas haben wir denn im Moment im Netz?
Ein Prozent geht als Grüngas durchs Netz, wobei es sich dabei größtenteils um Biomethan handelt, also methanisiertes Biogas. Biogas selbst kann man nicht ins Netz einspeisen, weil es hierfür nicht rein genug ist.
Wie viele Haushalte könnte man aktuell damit beheizen?
Mit dem Grüngas, das heute im Netz ist, ungefähr zwei Prozent aller Haushalte, beziehungsweise knapp vier Prozent der Haushalte, die Gas als Wärmequelle nutzen. Wenn man weiterdenkt: Würde man unser Biogas komplett in Biomethan umwandeln, könnten wir ungefähr zehn Prozent unseres Wärmebedarfs damit decken. Insgesamt brauchen wir heute jährlich 550 Terawattstunden an Wärme. Darin steckt aber auch der Wärmebedarf der Industrie. Lässt man den außen vor, könnte man mehr als zehn Prozent der Wärme in den Haushalten decken. Aber dann fehlt das Biogas im Verkehr und bei der Stromerzeugung.
»Mancherorts würden wir Gefahr laufen, ein Erdgasnetz aufwendig zu betreiben, an dem nur noch drei Haushalte hängen«
Das klingt so, als könnte man in Zukunft also schon noch einige Gasthermen klimaneutral mit Grüngas versorgen?
Wenn nicht so viele Thermen neu ans Netz kommen, dann würde das gehen. Momentan werden jährlich etwa 200 000 Gasheizungen eingebaut, Tendenz fallend. Wenn wir irgendwann bei weniger als 100 000 neuen Geräten pro Jahr ankommen, dann könnte man die möglicherweise schon mit Biomethan betreiben. Für die Erzeuger von Biogas wäre das interessant, denn sie hätten damit einen weiteren Absatzmarkt.
Wenn man es mit der Energiewende bis 2045 aber ernst meint und sie kostengünstig gestalten will, dann gehört Biomethan nicht in Thermen. Man braucht es stattdessen für Hochtemperaturprozesse in der Industrie oder, um Dunkelflauten zu überbrücken.
Und der Knackpunkt ist das Erdgasnetz. Für eine so geringe Zahl an Gasthermen wäre es überdimensioniert. Mancherorts würden wir Gefahr laufen, ein Erdgasnetz aufwendig zu betreiben, an dem nur noch drei Haushalte hängen. Das würde teuer, entweder für die drei Haushalte oder für die Allgemeinheit. Auch deswegen ist es einfach nicht sinnvoll, Biomethan in Gaskessel zu packen.
Wäre es dennoch sinnvoll, in Deutschland mehr Biogas zu erzeugen?
Wir nutzen ja schon viel Biogas, und bereits heute haben wir Umweltprobleme mit Mais-Monokulturen. Die heutige Biogasmenge zu erhöhen, halte ich nicht für sinnvoll – wir sollten eher darauf schauen, dass das Biogas sinnvoll im Energiesystem verwendet wird.
Wie würde ein Szenario aussehen, in dem wir deutlich mehr Biogas erzeugen?
Das würde nur durch den Anbau von noch mehr Energiepflanzen gelingen, die aktuell schon 75 Prozent der Energie für Biogasanlagen liefern. Die Mengen an anderer Biomasse wie Gülle oder Abfälle lassen sich nicht mehr so stark steigern. Heute bauen wir auf 1,3 Millionen Hektar Energiepflanzen an. Das sind etwa elf Prozent der gesamten Ackerfläche in Deutschland. Wenn wir nun noch mehr Energiepflanzen anbauen, im schlimmsten Fall auf trockengelegten Moorböden, würden wir damit dem Klima mehr Schaden zufügen, als dass es ihm nützt. Statt über den Anbau von mehr Energiepflanzen zu verhandeln, sollten wir lieber überlegen, wie man vorhandene Biomasse besser nutzt, indem man beispielsweise den Anteil von Reststoffen wie Gülle, Ernteresten oder Nahrungsmittelabfällen in der Biogaserzeugung erhöht. Wenn wir hier gute Lösungen finden, könnte der Anteil von Energiepflanzen im Biogas in einigen Jahren vielleicht nicht mehr 75, sondern nur noch 60 Prozent betragen.
Aus welchen Pflanzen werden Biogas und Bioöl heute eigentlich gewonnen?
Hauptpflanze für Biogas ist mit über 60 Prozent Mais, gefolgt von Gras und Getreide. Vereinzelt finden sich auch bestimmte Sorghumarten oder die Durchwachsene Silphie. Ganz überwiegend ist es aber Mais, denn damit erreicht man pro Hektar mit Abstand am meisten Ertrag. Bioöl wird aus Ölpflanzen wie Raps oder Sonnenblumen gewonnen.
Mehr Biogas zum Heizen zu verwenden, würde auch bedeuten: Man muss mehr davon in Biomethan umwandeln, um es ins Erdgasnetz einspeisen zu können. Geht das mit Biogasanlagen in Deutschland überhaupt, die häufig eher klein sind und Wärme und Strom für den lokalen Bedarf erzeugen?
Die Randbedingungen für eine höhere Einspeisung von Biomethan ins Netz sind nicht schlecht. Die meisten Biogasanlagen wurden vor ungefähr 20 Jahren gebaut, und momentan ist die Branche ohnehin im Wandel, weil die Förderung durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz ausläuft. Betreibern von Biogasanlagen stehen nur zwei Wege offen: Einerseits können sie ihre Anlage mit anderen Anlagen durch ein Mikrogasnetz verbinden. Das Biogas aus diesem Netz kann dann zentral aufbereitet und ins Erdgasnetz eingespeist werden. Für den Großteil der bestehenden 10 000 Anlagen wäre das eine Option. Ein anderer Weg ist, dass man kleine Anlagen flexibler betreibt, sodass sie immer dann Strom produzieren, wenn es an Wind und Sonnenlicht fehlt und zugleich Energie gebraucht wird, zum Beispiel frühmorgens oder am Abend. Dafür muss man die Anlagen zwar größer bauen, man braucht aber insgesamt nicht mehr Biogas und keine Aufbereitung.
»Eigentlich wollten wir Biomasse auf Flächen mit niedrigen Erträgen anbauen; am Ende wurde es häufig der Maisacker auf bestem Boden«
Der flexiblere Betrieb der Biogasanlagen muss dann auch vonseiten des Gesetzgebers eingefordert werden, oder?
Schon heute ist es ja so, dass die Energieerzeugung von Biogasanlagen nur noch für zwölf und künftig sechs Stunden am Tag vergütet wird, um das Biogas dann zur Stromerzeugung zu nutzen, wenn die Nachfrage nach Strom größer ist als das, was Sonne und Wind liefern können. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung: das Biogas dort einzusetzen, wo es wirklich gebraucht wird. Das Gebäudemodernisierungsgesetz könnte beim Strukturwandel in der Branche durchaus Orientierung bieten. Alle wissen, dass auch Biomethan irgendwann gebraucht wird, um Industrieprozessen bei der Klimaneutralität zu helfen und Dunkelflauten zu überbrücken, aber der Weg dahin ist bislang nicht so klar.
Könnte man Biogas denn nicht auch importieren?
Das könnte man über das Gasnetz. Momentan stehen Importe aus der Ukraine in der Diskussion. Das Land hat sehr große landwirtschaftliche Flächen, auch entlang seines Pipelinesystems. Und es gibt Böden, die durch den Krieg in einem Zustand sind, in dem kein Nahrungsmittelanbau möglich ist. Mittelfristig wäre da vielleicht das ein oder andere möglich, aber im Moment ist das reine Spekulation. Und ich erinnere noch einmal an die Anfänge des Biogasbooms: Eigentlich wollten wir Biomasse auf Flächen mit niedrigen Erträgen anbauen. Am Ende wurde es häufig der Maisacker auf bestem Boden. Daher gilt auch für Importe: Biogas ist nur so nachhaltig wie die Biomasse, aus der es erzeugt wurde.
Neben den Gasthermen gibt es in deutschen Heizungskellern auch noch Ölheizungen. Ließen sich diese leichter vollständig mit Bioöl versorgen?
In Deutschland wurden 2025 etwa 20 000 Ölheizungen gebaut, das ist nur ein kleiner Teil der insgesamt verbauten Heizungen. Mindestens bei den Neuanschaffungen spielen Ölheizungen also keine nennenswerte Rolle mehr. Bioöl könnte man zwar Heizöl zumischen, perspektivisch sollte man das aber lieber als flüssigen Treibstoff für Flugzeuge nutzen, weil es dort wenig Alternativen für Kerosin gibt. Für die Wärmeversorgung gibt es Wärmepumpen.
»Wenn das Gesetz so bleibt, wie es jetzt formuliert wurde, wird man damit die Klimaschutzziele nicht schaffen«
Man könnte doch ebenso synthetische Brennstoffe in Ölheizungen verfeuern, oder?
Das wäre möglich. Aber synthetische Brennstoffe, die man auch E-Fuels nennt, sind noch einmal teurer als Biokraftstoffe, und das werden sie wahrscheinlich noch relativ lange bleiben. Bei Wasserstoff haben wir dasselbe Problem.
Dient das geplante Gebäudemodernisierungsgesetz dem Klimaschutz?
Vieles ist noch unklar bei der geplanten Novelle. Eines ist aber sicher: Wenn es so bleibt, wie es jetzt formuliert wurde, wird man damit die Klimaschutzziele nicht schaffen. Wir haben uns im Gesetz darauf verpflichtet, die Treibhausgasemissionen bis 2045 auf null zu reduzieren, was ohnehin schon schwierig ist. Noch schwieriger wird es, wenn wir ab 2029 mit zehn Prozent Biogas in Heizungen und einem Prozent Grüngasanteil anfangen, der in den Folgejahren auch noch sehr stark steigen müsste. Es ist nicht nur zu langsam, es stellt sich zudem die Frage: Könnte man die Energiewende nicht auch kostengünstiger erreichen?
Wie lautet Ihre Antwort?
Eindeutig: ja. Wir haben modelliert, über welchen Weg man am günstigsten hin zu Netto-Null-Emissionen kommt. Der kostenoptimale Weg beginnt mit vielen Wärmepumpen und den richtigen Gedanken darüber, wo man in 15 Jahren Biomethan einsetzen möchte. Es verstärkt in Gasthermen zu packen, ist jedenfalls kein Weg in die richtige Richtung.
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