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Darwinjahr 2009: Darwins Prophet

Ohne ihn wäre Charles Darwin in Deutschland bei Weitem nicht so bekannt: Ernst Haeckel verbreitete die Evolutionstheorie und prägte biologische Begriffe wie "Ökologie". Doch seine zweifelhaften gesellschaftspolitischen Ansichten schmälerten den Ruf des Zoologen.
Kunstformen der NaturLaden...
"Fast alle Schlüsse, zu denen ich gekommen, finde ich durch diesen Naturforscher bestätigt, dessen Kenntnisse in vielen Punkten viel vollkommener sind als die meinen." Charles Darwin (1809-1882) wusste die Bedeutung seines deutschen Kollegen zu schätzen. In der Tat hatte sich Ernst Haeckel, den der Schöpfer der Evolutionstheorie hier lobend erwähnt, als Wegbereiter des damals noch heiß umstrittenen "Darwinismus" bewährt.

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Ernst Haeckel | Der deutsche Zoologe Ernst Haeckel (1834-1919) definierte den Begriff "Ökologie" und wirkte als Wegbereiter der darwinschen Evolutionstheorie. Seine gesellschaftspolitischen Ansichten blieben jedoch umstritten.
Schon als Schüler zeigte sich Ernst Heinrich Philipp August Haeckel, der vor 175 Jahren am 16. Februar 1834 in Potsdam geboren wurde, fasziniert von den Reiseberichten Darwins. Der belesene Sprössling einer typischen Familie des Bürgertums interessierte sich für die Natur; seine Freizeit verbrachte er mit Botanisiertrommel und Schmetterlingsnetz. Sein Entschluss, Biologe zu werden, ließ sich damals nur über den Umweg eines Medizinstudiums verwirklichen, das er in Berlin, Würzburg und Wien absolvierte.

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Radiolarien | Ernst Haeckel begeisterte sich schon früh für Radiolarien. Dank seiner künstlerischen Ader konnte er die marinen Einzeller in beeindruckender Schönheit darstellen. Hier ist die Bildtafel Nr. 71 aus den "Kunstformen der Natur" zu sehen.
Dabei vergaß er jedoch nicht seine zweite Passion: die Kunst. Der talentierte Zeichner spielte anfangs gar mit dem Gedanken, Landschaftsmaler zu werden, doch seine Faszination für die Formen der Natur hielt ihn in der Forschung.

Am meisten begeisterte er sich für Radiolarien. Die Einzeller mit ihrem bizarren Skelett und ihren geometrischen Formen zogen den jungen Forscher derart in ihren Bann, dass er sich mit einer Arbeit über diese Meeresorganismen habilitierte. 1862 wurde der erst 28-Jährige von der Universität Jena zum Professor für Zoologie berufen; seiner Alma Mater blieb er bis zum Ende seiner Lehrtätigkeit 1909 treu.

Haeckels zoologische Studien zogen ihn an die Küsten Italiens und Griechenlands, auf die Kanaren und in die Türkei. Neben Radiolarien – seine Bücher darüber gelten immer noch als Standardwerke – beschäftigte er sich mit Quallen, von denen er hunderte neue Arten beschrieb. Vieles, was heutige Biologen über die Biodiversität des Meeres wissen, geht auf die Arbeiten des Zoologen zurück. Dabei fielen ihm vor allem die vielfältigen Beziehungen der Meerestiere untereinander auf, die durch komplizierte Nahrungsketten miteinander verknüpft sind. Quasi nebenbei begründete Haeckel damit eine neue Wissenschaftsdisziplin: die Ökologie.

Der Darwinist

1859 nahm Haeckels Leben eine entscheidende Wende. Charles Darwins "Entstehung der Arten" war erschienen, und sofort zeigte sich der deutsche Biologe für die Ideen seines englischen Kollegen hellauf begeistert.
"Fast alle Schlüsse, zu denen ich gekommen, finde ich durch diesen Naturforscher bestätigt"
(Charles Darwin über Ernst Haeckel)
Endlich ließ sich die Entstehung der Lebewesen einfach und elegant durch das Zusammenspiel von Mutation und Selektion erklären. Von nun an gab es für den jungen Professor nur noch ein Thema: die Evolution. Statt sich wie zuvor auf das Sammeln und Beschreiben von Lebewesen zu beschränken, konnte er jetzt die Ähnlichkeiten zwischen Organismen als echte Verwandtschaft interpretieren.

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Biogenetische Grundregel | Haeckels "Biogenetisches Grundgesetz" wird heute in abgeschwächter Form als biogenetische Grundregel interpretiert: Die Embryonen von Hai (1), Schaf (2) und Mensch (3) offenbaren ähnliche Anlagen von Auge (a), Ohr (b) und Kiemen (c).
Haeckel war davon überzeugt, dass jedes Lebewesen als Embryo die gesamte Evolution noch einmal durchläuft. Sein hieraus destilliertes "Biogenetisches Grundgesetz" ("die Ontogenie ist eine Rekapitulation der Phylogenie") gilt zwar in dieser strengen Formulierung längst als überholt, heutige Biologen gehen jedoch nach wie vor davon aus, dass Embryonen in frühen Entwicklungsstadien noch viele Relikte aus der Stammesgeschichte zeigen.

In seinem Versuch, die Evolution zu rekonstruieren, ordnete Haeckel Organismen nach ihrer Verwandtschaft und entwickelte hieraus Stammbäume. Wie selbstverständlich platzierte er den Menschen zwischen den Affen – eine damals noch revolutionäre These. Wütende Attacken auf den "Affen-Professor aus Jena" von Seiten der Kirche wie von wissenschaftlichen Kollegen blieben nicht aus.

Der Basler Zoologe Ludwig Rütimeyer (1825-1895) warf ihm sogar Fälschung vor. Haeckel hatte das "Biogenetische Grundgesetz" mit drei Bildern illustriert – jeweils von Embryonen eines Hundes, eines Huhns sowie einer Schildkröte. Die fehlenden Unterschiede zwischen den Abbildungen bewiesen für ihn die Richtigkeit seines Gesetzes. Wie Rütimeyer jedoch nachweisen konnte, hatte Haeckel in Wirklichkeit dreimal denselben Holzschnitt verwendet.

Bewusst gefälscht hatte er seine Abbildungen wohl nicht. Denn in der Tat sehen die verschiedenen Embryonen zwar nicht identisch, aber doch sehr ähnlich aus. Haeckel blieb seitdem als Betrüger verschrien, seine Gegner nutzten den Vorfall, um ihn ins Abseits zu drängen.

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Haeckels Stammbaum des Lebens | In Ernst Haeckels Stammbaum des Lebens nimmt der Mensch als "Krone der Schöpfung" eine Spitzenposition ein.
In der Öffentlichkeit bekannt wurde Haeckel weniger durch seine eigene Forschung als durch sein Engagement für die Verbreitung der darwinschen Evolutionstheorie. Der streitbare Biologe verschanzte sich nicht in seinem Studierzimmer – er wollte Darwins Lehre unter die Leute bringen.

Bei zahlreichen Vorträgen vor Laienpublikum predigte er seine Weltanschauung, die er 1899 in seinem Buch "Die Welträthsel" formuliert hatte: den Monismus. In dieser Lehre von der Einheit von Materie und Geist, von Gott und Natur zeigt sich Haeckels besondere Religiosität – ein Pantheismus, der stark von den Vorstellungen des Dichters und Naturwissenschaftlers Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) beeinflusst war.

Auf Grund seiner beißenden Kritik an Christentum und Kirche riefen ihn seine Anhänger 1904 auf dem Internationalen Freidenkerkongress in Rom zum "Gegenpapst" aus. Zwei Jahre später gründete Haeckel eine Organisation, die für die Verbreitung seiner Ansichten sorgen sollte: Der "Deutsche Monistenbund" gab populärwissenschaftliche Zeitschriften heraus und erwies sich als nahezu parteipolitisch organisierte Vereinigung mit Ortsgruppen in ganz Deutschland.

Der Künstler

Ein ganz anderer Haeckel offenbarte sich in den 1899 bis 1904 erschienenen "Kunstformen der Natur". Statt nüchterner wissenschaftlicher Zeichnungen sind hier aufwändige Kupferstiche zu sehen, mit denen Haeckel die Formen der Biologie als prachtvolle Ornamente präsentierte. Die von ihm geliebten streng symmetrischen Radiolarien tauchen wieder auf, neben kunstvoll gewundenen Quallententakeln, bunten Seeanemonen und bizarren Krebsen.

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Discomedusae | Auch Quallen zeichneten sich in Haeckels "Kunstformen der Natur" durch einen hohen ästhetischen Wert aus, wie hier die Bildtafel Nr. 8 ("Discomedusae").
Die Komplettausgabe war ein riesiger Erfolg, die in keinem bildungsbürgerlichen Haushalt fehlen durfte. Der Biologe beeinflusste damit in hohem Maß die Kunst zu Beginn des 20. Jahrhunderts. So ließ sich der französische Architekt René Binet (1866-1911) von Haeckels "Kunstformen" inspirieren: Sein von ihm entworfenes Tor zur Pariser Weltausstellung 1900 hatte die Gestalt einer riesigen Radiolarie.

Doch nicht nur für die Kunst sollte die Biologie das Vorbild liefern. Sämtliche Lebensbereiche wollte Haeckel nach der Natur gestalten – auch Politik und Gesellschaft. Und "Natur" hieß bei Haeckel vor allem – Evolution und Selektion. So setzte er sich für Eugenik ein und befürwortete, behinderte Neugeborene zu töten. Er erstellte Stammbäume der Menschen und entwarf eine "Hierarchie der Rassen": Afrikaner und Aborigines, deren Lebenswert seiner Ansicht nach kaum höher anzusetzen sei als der von Affen, siedelte er ganz unten an, an der Spitze stand der "weiße" Europäer.

Der Mystiker

Derartige Vorstellungen haben den Ruf des Evolutionsbiologen nachdrücklich als Vordenker des Nationalsozialismus ruiniert. In der Tat versuchte später die thüringische NSDAP den Professor als ihr geistiges Vorbild darzustellen. Allerdings waren Haeckels Positionen zur damaligen Zeit keinesfalls die Ausnahme. Um die Jahrhundertwende unterstützten viele Intellektuelle die Lehre von der Eugenik, Rassismus war weit verbreitet. Haeckel sprang auf diesen Zug auf und lieferte die vermeintliche biologische Grundlage.

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Die Welträthsel | 1899 erschien Ernst Haeckels Buch "Die Welträthsel". Darin trat der streitbare Zoologe für eine "monistische Philosophie" ein.
Nicht nur mit diesen sozialdarwinistischen Positionen entfernte er sich immer weiter von der empirischen Wissenschaft. Schließlich verabschiedete sich der Zoologe gänzlich aus der Forschung und konzentrierte sich auf die Verbreitung des Monismus. In seinem letzten, zwei Jahre vor seinem Tod am 9. August 1919 erschienenen Buch "Kristallseelen – Studien über das anorganische Leben" gab er jede Unterscheidung zwischen belebter und unbelebter Materie auf. Weit entfernt von nüchterner Naturwissenschaft war der Mystiker in ihm endgültig durchgebrochen.

Haeckel genießt heute einen zwiespältigen Ruf. Maßgeblich trug er dazu bei, die Evolutionstheorie nach Deutschland zu importieren, und lieferte wichtige Impulse für die gesamte Biologie. Der von ihm geprägte Begriff "Ökologie" ist heute aus Wissenschaft und Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. Und das "Biogenetische Grundgesetz" erlebt momentan mit "Evo-Devo" (Evolutionary Developmental Biology) – eine Synthese von Erkenntnissen aus der Evolutionsforschung und der Entwicklungsbiologie – eine ungeahnte Renaissance.

Andererseits aber haben seine extremen Ansichten auch bewirkt, dass sich viele von der Evolutionstheorie abwandten. Seine radikale und politische Interpretation des Darwinismus und die Vermischung von Wissenschaft und Mystik überschatten heute oft seine wissenschaftlichen Leistungen. Ernst Haeckel wollte mit der Biologie letztlich alles erklären – und landete damit in der Sackgasse des Biologismus.
8. Woche 2009

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 8. Woche 2009

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