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News: Das älteste Boot von Afrika

Ein eleganter, schlanker Einbaum überstand wohlbehalten 8000 Jahre fünf Meter tief im Boden der Savanne. Damit ist er 5000 Jahre älter als die Pyramiden in Ägypten.
Archäologische Weltsensation in der westafrikanischen Savanne, und das Deutsche Schiffahrtsmuseum leistete einen wichtigen Beitrag, daß der große Coup trotz schwierigster Bedingungen auch glückte: Dr. Per Hoffmann, DSM-Spezialist für die Konservierung archäologischer Schiffsfunde und soeben aus dem Nordosten Nigerias nach Bremerhaven zurückgekehrt, leitete die Bergung eines eleganten, schlanken Einbaums, mit dem vor 8 000 Jahren Afrikaner über Flüsse und Seen gepaddelt oder gestakt waren, und brachte auch noch die Konservierung auf den Weg. Der aufsehenerregende Fund, eines der drei ältesten Boote der Welt, wird als "Boot von Dufuna" in die internationale Geschichte der Archäologie eingehen.

Ein Rinderhirt war bereits vor Jahren auf den Einbaum gestoßen, als er einen Brunnen für sein Vieh graben wollte. Er ahnte, daß sein Fund von großer Bedeutung sein könnte, und setzte einen Mann davon in Kenntnis, der bereits seit Mitte der achtziger Jahre in diesem Landstrich grub – den Archäologie-Professor Peter Breunig von der Universität Frankfurt.

Der legte 1994 mit nigerianischen Kollegen und den Dorfbewohnern von Dufuna das Kanu frei, nahm ein Stückchen Holz für die Altersbestimmung mit, grub das Boot wieder ein, fuhr nach Hause und dachte nach. Als er erfuhr, das Boot sei 8 000 Jahre alt, hatte er sein Ziel klar vor Augen: Das Kanu, 8,40 Meter lang und nur 50 Zentimeter breit, sollte auf jeden Fall geborgen werden.

So kam es im März und April dieses Jahres zu einer gemeinsamen Kampagne der Universität Frankfurt am Main, des Deutschen Schiffahrtsmuseums (DSM) in Bremerhaven und der Universität Maiduguri in Nigeria. Zwischen den beiden beteiligten Universitäten besteht ein gemeinsames Forschungsprojekt im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft eingerichteten Sonderforschungsbereiches.

Die Bergung gestaltete sich außerordentlich schwierig. Das Boot lag in steinharter, trockener Erde in einem ehemaligen Flußbett des Kamadugu Gana, der in den Tschad-See fließt. Bei Temperaturen zwischen 43 und 56 Grad Celsius hackten die Männer des Dorfes unter angeregten Diskussionen und viel Gelächter in einer Woche eine riesige 12 mal 16 Meter große Grube aus (Hoffmann: "Darin hätte man ein Hochhaus gründen können..."), bis sie in fünf Metern Tiefe auf das Boot stießen. Es lag völlig erhalten wie vor 8 000 Jahren im Grundwasser. Um dieses Wasser entstand schnell eine Legende: Durch die Berührung mit dem alten Boot hat es eine Heilwirkung bekommen, und die Dorfbewohner und Hirten tranken es für ihre eigene Gesundheit und salbten sich damit.

Dr. Hoffmann hätte am liebsten ein steifes, maßgeschneidertes Tragegestell aus Kanthölzern anfertigen lassen, aber er befand sich 100 Kilometer von der nächsten Stadt entfernt mitten in der ausgedörrten Savanne. Mit dem Zimmermann des Dorfes, dem er sich mit Zeichensprache verständlich machte, fand er auch ohne Kanthölzer eine Lösung. Er baute mit seinen Helfern eine Trage aus frisch gehauenen Stämmen, die er mit Seilen aus geflochtenen Palmenblättern verband, und polsterte sie mit Strohmatten aus. Auf dieses Gestell hob man das Kanu und beförderte das Paket über mehrere Stufen aus der Grube und schließlich in eine vorgefertigte Blechkiste, in der man dem kostbaren Fund ein weiches Bett aus Sand und nassem Schaumstoff bereitet hatte.

Der Transport auf einem viel zu kleinen Lastwagen über unsägliche Buschpfade zur 40 Kilometer entfernten Straße und dann weitere 200 Kilometer nach Damaturu, der Provinzhauptstadt, war eine zu starke Belastung für das empfindliche Boot. Einige Risse und Brüche ließen sich trotz aller Vorsicht des Fahrers nicht vermeiden.

Nach den Vorgaben des Bremerhavener Experten hatte man in Damaturu ein hübsches, zweckmäßiges Gebäude mit einem passenden Konservierungsbecken gebaut, in dem das Kanu nun liegt. Dr. Hoffmann hat ein Konservierungsprogramm entworfen, das auf den Erhaltungszustand des Bootes zugeschnitten ist und gleichzeitig die bescheidenen materiellen und personellen Bedingungen in Damaturu berücksichtigt.

Als Stabilisierungsmittel wählte er niedermolekulares Polyethylenglykol 200 (PEG 200), da ein Tränkbad mit dieser Chemikalie nicht beheizt zu werden braucht und, einmal eingerichtet, nur eine minimale Pflege und Aufsicht erfordert. Zum Glück für die Archäologen fand sich ein großherziger Sponsor: Das Schweizer Chemieunternehmen Clariant hat die 3 000 Kilogramm PEG gespendet und kostenlos bis nach Damaturu geliefert.

Das älteste Boot Afrikas befindet sich nun in der Obhut von Musa Hambolu, Archäologe und Direktor des Nationalmuseums in Maiduguri, und von Abubakar Garba, Historiker an der Universität Maiduguri und örtlicher Koordinator des gemeinsamen Forschungsprojektes. In ein bis zwei Jahren wird die Stabilisierung des empfindlichen Holzes abgeschlossen sein. Dann wird das Boot im Mittelpunkt eines neuen Museums in Damaturu stehen. Noch in diesem Sommer wollen die Nigerianer mit den Bauarbeiten beginnen.

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