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Kunstraub: Das Erbe schützen

Statuen, Reliefs, antike Kunstgegenstände - das kulturelle Erbe vieler Völker weckt Begehrlichkeiten zahlungskräftiger Sammler, denen es nicht reicht, die einzigartigen Stücke in Ausstellungen oder vor Ort zu bewundern. Kambodscha wehrt sich nun mit gezielter Öffentlichkeitsarbeit gegen den illegalen Ausverkauf.
Kopflose Buddha-Statue
"Angkor – Göttliches Erbe Kambodschas" heißt eine aktuelle Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn. Nie zuvor wurden in Deutschland so umfassend und so ausführlich Kunst und Kultur des Volkes der Khmer präsentiert.
"Khmerkunst steht hoch im Kurs"
(Bessy Otero)
Um das Erbe aber ist es schlecht bestellt. Rücksichtslos und hemmungslos werden die alten Tempel der mächtigen Gottkönige der Khmer von Kunsträubern ausgeweidet. Buddhas werden enthauptet, die einzigartigen Tempelreliefs, die Apsaras, von der Wand geschlagen. Sammler in Tokio und New York, Berlin und Beijing zahlen für antike Kunst aus Kambodscha Höchstpreise. "Khmerkunst steht hoch im Kurs", klagt Bessy Otero, Countrymanagerin von der Organisation Heritage Watch in Phnom Penh.

Mit Worten wider den Kunstraub

Heritage Watch, Phnom Penh | Zimmer mit Aussicht: die Büros von Heritage Watch im Dachgeschoss eines Geschäftshauses in Phnom Penh mit Aussicht auf Königspalast und National Museum
Heritage Watch ist für die alte Khmerkultur so etwas wie Greenpeace für die Umwelt. Die Schützer von Gräbern und Tempeln fühlen sich zwar durch den Greenpeace-Vergleich geschmeichelt, distanzieren sich aber gleichzeitig auch: "Wir gehen nicht so aggressiv vor." Will heißen: Sie ketten sich nicht an Buddha-Statuen, um ihren Abtransport zu verhindern. Sie blockieren keine LKWs, die Apsaras tonnenweise über die Grenze nach Thailand schmuggeln. Sie liefern sich auch keine Feuergefechte mit Kunsträubern, von denen viele bewaffnet sind.

Angkor Wat | Immer noch prächtig, aber heute ausgeplündert von Kulturräubern: das Weltkulturerbe Angkor Wat
Heritage Watch setzt auf die Durchsetzung von Gesetzen, vertraut auf die Macht von Worten und Medien. Wenn die Menschen über die Bedeutung der Kunst und historischen Stätten aufgeklärt sind, dann entzieht das langfristig den Kunsträubern den Boden, so das Kalkül. Die Zielgruppen der Kampagnen der kleinen Organisation sind zahlreich: die Kambodschaner selbst, die Mitarbeiter der in Kambodscha arbeitenden Hilfs- und Entwicklungsorganisationen, die Landminenräumtrupps. Kathy Fossati, Kommunikationschefin von Heritage Watch in Phnom Penh, sagt: "Wenn die bei ihrer Arbeit im Dschungel auf antike Stätten stoßen, müssen sie in der Lage sein, diese als solche auch zu erkennen."

Die in diesem Monat zusammen mit dem kambodschanischen Tourismusministerium gestartete Kampagne "The Heritage Friendly Tourism Campaign" hat die immer zahlreicher werdenden Kambodscha-Besucher im Visier, die in diesem Jahr erstmalig wohl die Millionengrenze überschritten hat.
"Wenn die Tempel durch Kunstraub zerstört werden, dann bleiben auf lange Sicht die Touristen weg"
(Kathy Fossati)
Mit einer Fülle von Maßnahmen sollen Urlauber und Tourismusindustrie als Partner im Kampf gegen den Kunstraub gewonnen werden. Mehr als hundert Unternehmen aus der Tourismusbranche wie das Boutiquehotel Shinta Mani oder auch das cool-elegante "De LaPaix" in Siem Reap, dem Ausgangstor zu Angkor, haben von Heritage Watch das Gütesiegel "Heritage Friendly Business" erhalten. Wer sich solchen Hotels oder Tourveranstaltern anvertraut, kann sicher sein, dass Kultur und Traditionen der Khmer mit Respekt behandelt werden. Auch wird er kein Reliefchen oder Buddhachen als Schnäppchen unter der Hand angeboten bekommen.

Den Wert bewusst machen

Heritage-Watch-Kampagne | Mit gezielter Öffentlichkeitsarbeit will Heritage Watch über den Kunstraub aufklären – und aufrütteln, um weitere Mittäterschaft zu verhindern.
Besonders stolz ist Fossati auf "The Heritage Insight Lecture Program". In Siem Reap lebende und arbeitende international renommierte Archäologen, Historiker, Restauratoren und Künstler können von Touristengruppen als Experten gebucht werden, um so aus erster Hand mehr über die Geschichte Angkors und das prähistorische Angkor zu erfahren. "Indem wir dieses akademische Wissen einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen, hoffen wir ein größeres Verständnis der Probleme zu erreichen, denen sich Kambodscha gegenübersieht."

Beten im Nationalmuseum | Kunst für uns – Objekte der Verehrung für die Khmer: Kambodschaner kommen selbst ins Nationalmuseum, um zu Buddhas zu beten.
John McDermott hat keine Sekunde gezögert, als Heritage Watch ihn bat, sich für die Einsichten in die Geschichte und Geschichten von Angkor zur Verfügung zu stehen. Es gehe nicht nur um die Vermittlung von Wissen und Fakten, sagt der Fotograf und Galerist aus Siem Reap. "Jeder Beteiligte hat seine persönliche Verbindung zu Angkor. Ob als Künstler oder Wissenschaftler, jeder von uns ist Angkor auch emotional verbunden." McDermotts Thema wird sein, wie sich Angkor durch Kunstraub, aber auch durch den Tourismus verändert. "Tausende Touristenfinger lassen die Reliefs speckig werden. Wände werden mit Graffiti bemalt. Aber auch Dinge wie Hinweis- und Verbotsschilder und Abriegelungen verändern den Ort. Ich habe Fotos von Angkor, die man heute nicht mehr machen könnte. Dabei sind die erst sechs, sieben Jahre alt."

Eine andere Zielgruppe der Präventionsarbeit von Heritage Watch sind die Kambodschaner selbst. So mancher der bitterarmen Bauern ist für ein paar Dollar bereit, der Kunstraubmafia zu Diensten zu sein.
"Ob als Künstler oder Wissenschaftler, jeder von uns ist Angkor auch emotional verbunden"
(John McDermott)
Prähistorische Perlen oder Töpferwaren, ein paar tausend Jahre alte Knochen aus den Gräbern ihrer Vorfahren verkaufen sie für ein paar Dollar an die Zwischenhändler, die sie für ein paar hundert oder auch ein paar tausend weiterverkaufen. "Den Kambodschanern müssen wir klar machen, dass ihr antikes Erbe die Hauptattraktion für Touristen und damit eine nachhaltige Einkommensquelle ist. Wenn die Tempel durch Kunstraub zerstört werden, dann bleiben auf lange Sicht die Touristen weg", betont Fossati und fügt hinzu: "Kunst und Kultur sind eben keine erneuerbaren Ressourcen."

Internationale Drahtzieher im Hintergrund

Aufklärungscomic | Buddhistischer Mönch als Aufklärer (aus einer Aufklärungsbroschüre von Heritage Watch)
Das große Problem sind die Hintermänner und Drahtzieher. Kambodscha hat durchaus harte Gesetze gegen den Kunstraub. Aber es fehlt an den Möglichkeiten, diese auch nachhaltig in die Tat umzusetzen. Zwar werden immer wieder Händler, Schmuggler und auch Käufer gefasst. So mancher Fall endet aber nicht vor Gericht. Zudem stehen Teile des Militärs in Kambodscha und in Thailand in dem Verdacht, an dem lukrativen Kunstraub beteiligt zu sein. "Für den Schmuggel bedarf es einer umfangreichen Logistik. Statuen zum Beispiel sind zum Teil groß und schwer, die schmuggelt man nicht mal eben unter der Jacke über die Grenze. Auch für den eigentlich Raub und den Transport müssen große Werkzeuge und Maschinen her. Da müssen viele geschmiert werden, um das nicht zu sehen."

Kopflose Buddha-Statue | Dieser Buddha-Statue in Angkor Wat haben Kunsträuber den Kopf abgeschlagen. Fromme Buddhisten haben der kopflosen Statue eine gelbe Schärpe als Zeichen ihrer Verehrung Buddhas umgelegt.
Die Konterbande wird von Kambodscha nach Bangkok oder nach Singapur geschmuggelt und geht von dort in alle Welt. Beide Länder haben die Unesco-Konvention gegen illegalen Handel mit Kulturgut nicht unterzeichnet. Den wichtigsten Ansatzpunkt sieht Heritage Watch denn auch in den Käuferländern. "In den USA gibt es eine spezielle Gesetzgebung, die Handel mit Khmer-Kunst genau reglementiert. Dadurch ist die Einfuhr innerhalb eines Jahres um 75 Prozent zurückgegangen.

Ein Dorn im Auge von Heritage Watch ist auch das internationale Auktionshaus Sotheby's. Von den zwischen 1988 und 2005 von Sotheby's in New York versteigerten 348 antiken Khmerobjekten hätten achtzig Prozent keine Herkunftsnachweise gehabt, schreibt Terressa Davies, bis zum Sommer dieses Jahres Countrymanagerin von Heritage Watch in Kambodscha, in ihren Analysen über die Rolle von Sotheby's im Handel mit Antiquitäten.
"Kunst und Kultur sind eben keine erneuerbaren Ressourcen"
(Kathy Fossati)
"Wenn ein Auktionshaus die Herkunft eines Objektes nicht angibt, dann hat das gewöhnlich zwei Gründe – entweder ist die Herkunft ist nicht bekannt, oder sie ist bekannt, aber nicht ganz sauber. Beide Möglichkeiten lassen vermuten, dass das Objekt zu einem bestimmten Zeitpunkt seiner Geschichte illegal erworben worden ist", schlussfolgert Davies. Die Expertin räumt jedoch ein, dass eine direkte Verwicklung von Sotheby's in den illegalen Handel mit Khmerkunst nicht belegt ist: "Es gibt keinen direkten Beweis, aber die Indizien sind in großer Zahl vorhanden."

Die Ausstellung in Bonn ist zwar kein direkter Programmteil der Kampagne von Heritage Watch. Aber von der Ausstellung, die auch nach Berlin und Zürich gehen wird, erhoffen sich Heritage Watch und die Kambodschaner, dass die Besucher erfahren, welch große Bedeutung die Kunst für die nationale Identität und Spiritualität der Khmer bis heute hat. Hab Touch, stellvertretender Direktor des Nationalmuseums in Phnom Penh, Leihgeber der ausgestellten Buddhas, Vishnus und Apsaras in der Kunsthalle, sagt: "Unser Land war lange Zeit durch Krieg, die Herrschaft der Roten Khmer und durch Bürgerkrieg verschlossen. Jetzt können die Menschen herkommen, und ich hoffe, durch solche Ausstellungen wird das Interesse an Kambodscha geweckt."

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