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News: Das frohe Lied einer parasitenarmen Jugend

Für manche Vogelweibchen ist der beste Gatte der mit dem größten Vokabular. Auf den ersten Blick scheint dies ein seltsames Kriterium zu sein, um sich einen Partner zu suchen. Letztendlich wird das Männchen mit dem größten Territorium besser in der Lage sein, für die Brut zu sorgen, und ein Männchen, das länger singt, ist möglicherweise gesünder. Warum sollte dann die Komplexität des Gesangs überhaupt von Interesse sein? Ein Team von Biologen schlägt eine Antwort auf diese Frage vor: Vögel mit einem größeren Repertoire an Gesangs-'Silben' waren in ihrer Jugend weniger von Parasitenbefall betroffen.
Die Evolutionsbiologin Kate Buchanan von der University of Stirling in Schottland beobachtetet diesen unwahrscheinlich klingenden Zusammenhang beim Schilfrohrsänger, einem Vogel, der in Afrika überwintert und dann nordwärts nach England fliegt, um dort zu brüten. Dabei gelangen die Männchen zuerst auf die britische Insel, um ihr Territorium abstecken zu können. Wenn sich die Weibchen zeigen, versuchen die Männchen diese durch eine ausgefeilte Balz anzuziehen. Im Singflug schießen sie bis zu vier Meter empor und segeln dann wie ein Fallschirm hinab – dies alles mit Gesang begleitend. Jeder Gesang besteht dabei typischerweise aus sieben oder acht wiederholten "Silben" , aber der "Wortschatz" erreicht bei einigen Männchen manchmal bis zu siebzig solcher Silben.

Buchanan und drei Kollegen nahmen Blutproben von 73 Rohrsängern, um deren Parasitenbefall zu testen, und analysierten außerdem ihren Gesang (Animal Behavior). Sie erwarteten, daß die Anzahl der Parasiten mit steigender Dauer des Gesangs abnehmen sollte, berichtet Buchanan, weil ein befallener Vogel weniger Energie aufwenden kann. "Wir waren jedoch überrascht, daß eine viel stärkere Verbindung zur Komplexität des Gesangs bestand", sagt sie. Vögel, die parasitenfrei waren, besaßen eine größere Vielfalt an Silben (im Durchschnitt 65) in ihrem Vokabular als Vögel mit Parasiten (55). Weil der Schilfrohrsänger den größten Teil seines Gesanges sehr früh in seinem Leben lernt, deuten diese Ergebnisse darauf hin, daß die Weibchen mit der Komplexität des Gesanges weniger die aktuelle körperliche Verfassung des Männchens bewerten als vielmehr dessen Gesundheit und Widerstandsfähigkeit seit der Kindheit.

"Wir wissen, daß Weibchen Männchen mit einem komplexeren Gesangsrepertoire bevorzugen" , sagt William Searcey, ein Verhaltensökologe an der University of Miami in Florida. "Aber der Grund für diese Bevorzugung war bislang rätselhaft." Der Schilfrohrsänger reiht sich damit in eine wachsende Liste von Arten ein – darunter die Schwalbe und die Felsentaube –, deren Weibchen dafür bekannt sind, parasitenfreien Männchen zu bevorzugen. Bei den meisten dieser Vögel jedoch zeigt das Gefieder den Gesundheitszustand an. Der Rohrsänger ist das erste Beispiel eines Vogels, dessen Gesang seine Verfassung widerspiegelt.

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