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News: Das frühe 'schwache Geschlecht'

In Deutschland werden jedes Jahr 40 000 Kinder zu früh geboren. Zwar können Mediziner inzwischen selbst winzige Leichtgewichte retten, doch für manche Neugeborenen kommt der Start einfach doch zu früh, und sie sterben. Darunter sind prozentual seit jeher mehr männliche Kinder. Amerikanische Wissenschaftler haben zu diesem Phänomen jetzt neue Ergebnisse vorgelegt.
Rund acht Prozent der Kinder kommen zu früh zur Welt, das heißt mehr als zehn Wochen vor dem errechneten Geburtstermin. Bei Leichtgewichten unter 1000 Gramm, liegt die Sterblichkeit bei zehn Prozent. Dennoch hat sich die Sterberate von Neugeborenen, die das zweite Lebensjahr nicht erreichen, stetig verkleinert: Im Jahr 1900 starben in Deutschland von 1000 Neugeborenen noch 265 Kinder, 1991 waren es nur noch etwa 6,8. Verantwortlich dafür ist die bessere medizinische Versorgung vor und nach der Geburt. Jedoch ließ sich dabei eine Diskrepanz noch nicht beseitigen: Die Mehrheit der verstorbenen Neugeborenen sind männlichen Geschlechtes. Seit langem vermuten Wissenschaftler hinter dieser Problematik eine evolutionäre Taktik. Doch ob dahinter tatsächlich eine genetisch bedingte Selektion steht, konnten sie bisher nicht nachweisen. Eine neue Untersuchung zu diesem Thema veröffentlichte jetzt David Stevenson vom Department of Pediatrics der Stanford University in Kalifornien (Archives of Disease in Childhood, Fetal and Neonatal Edition 2000).

Stevenson und seine Kollegen erfassten dabei über zwei Jahre hinweg mehr als 6500 Kleinkinder bis zu einem Alter von zwei Wochen, in zwölf Regionen der USA. Die Babys waren alle Frühgeburten und wogen deutlich weniger als das Normalgewicht von drei Kilogramm. Sie wurden bis zu einem Alter von vier Monaten beobachtet. Die Mütter der Jungen nahmen vor den Wehen weniger Steroide ein als die der Mädchen, um die Lungen der männlichen Föten nicht in der Entwicklung zu behindern. Ansonsten gab es keine geschlechtsspezifischen Behandlungen.

Unter den beobachteten Jungen war die Säuglingssterblichkeit wie erwartet höher als bei den Mädchen: Bei den Jungen starb einer von vieren, bei den Mädchen eines von sieben. Dieser Unterschied war schon bis zu einem Alter von drei Tagen deutlich erkennbar. Außerdem litten die Jungen zu einem größeren Prozentsatz an Komplikationen. Sie hatten eine schwächere Lungenfunktion und benötigten häufiger künstliche Beatmung. Ebenso gab es unter ihnen mehr Neugeborene, die wiederbelebt werden mussten. Hinzu kamen häufigere Infektionen der Harnwege und Gehirnblutungen.

Warum die männlichen Säuglinge anfälliger sind als die weiblichen, ist aber nach wie vor unklar, sagen die Autoren: "Der biologische Mechanismus, der zu dem männlichen Nachteil oder dem weiblichen Vorteil führt, ist nicht bekannt. Bis die Wissenschaft diesen Mechanismus entdeckt, wird die Absicht der Natur hierbei im Dunkeln liegen."

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