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News: Das Ganze sind zwei Hälften

Rechts- oder Linkshändigkeit beim Menschen wird durch die jeweils auf der anderen Körperseite liegende Großhirnhälfte koordiniert. Jetzt haben amerikanische Forscher erste Hinweise darauf gefunden, dass Erinnerungsvermögen auch mit Händigkeit verknüpft ist und innerhalb der Familie vererbt werden kann.
In der Steinzeit waren gute Reaktionen lebensverlängernd und magenfüllend: Auge in Auge mit einem Büffel griff unser Vorfahr sofort zur Keule – und er tat es immer mit derselben Hand. Der Mensch ist Rechts- oder Linkshänder und bevorzugt auch eines seiner Beine. So übt Händigkeit den Umgang mit Waffen und Werkzeugen und hilft Bewegungsabläufe zu automatisieren. Sie kann innerhalb von Familien vererbt werden.

Im Gehirn ist es ähnlich: Nur äußerlich sind die beiden Großhirnhälften symmetrisch, innerlich ist Arbeitsteilung angesagt. Links werden alle Gedanken analysiert und in eine Reihenfolge gebracht. Das Intellektuelle und Abstrakte wohnt hier, und auch Denken, Sprache und Lesen werden links gesteuert. Rechts dagegen sind Gefühle, Kreativität, räumliche Relation und Körperbewusstsein zu Hause. Diese Hemisphäre hat den ganzheitlichen Überblick. Die Gehirnhälften steuern jeweils die Motorik der gegenüber liegenden Körperseite, Rechtshänder werden also von der linken Hemisphäre koordiniert.

Arbeitsteilung heißt aber nicht Isolation: Die zahlreichen Nervenstränge des so genannten Corpus callosum sorgen für die Kommunikation der beiden Gehirnhälften miteinander. Bei komplexen Erinnerungsleistungen wie Ereignissen - nicht bei reinen Fakten - sind nun beide Gehirnhälften und damit ein aktiver Corpus callosum gefragt, fanden Stephen Christmann und Ruth Propper von der University of Toledo in Ohio heraus. Sie testeten Mitglieder aus Familien mit Rechts- und Linkshändern versus Menschen mit "nur" Rechtshänderverwandtschaft und fanden bei ersteren ein besseres Erinnerungsvermögen für komplexe Ereignisse.

Also müssen diese Menschen einen schnelleren und aktiveren Corpus callosum haben, schlossen die Forscher aus ihren Ergebnissen. Den erklären sie durch das schlummernde Erbe der rechts- und linkshändigen Verwandtschaft: Dadurch sind Verbindungen in beide Hirnhälften und in beide Körperhälften in ihren Nachkommen gut ausgebildet, auch wenn diese wiederum Rechts- oder Linkshänder sind.

Anders bei Mitgliedern von reinen Rechtshänderfamilien: Hier ist nur eine Verbindung, nämlich die von der linken Hirnhälfte zur rechten Körperseite gut ausgebildet und kann demzufolge auch nur vererbt werden. Schlechteres Erinnerungsvermögen bei komplexen Ereignissen ist die Folge.

"Beide Hemisphären des Großhirns sind praktisch in alle Aufgaben des täglichen Lebens mit einbezogen", erklärt Christmann. "Komplexes Erinnerungsvermögen hat nichts mit der Dominanz nur einer Gehirnhälfte zu tun, wie es so oft behauptet wird". Die Ergebnisse beruhen bis jetzt auf Tests mit Versuchspersonen, eine eventuelle genetische Grundlage der neuen Theorie liegt noch im Dunkeln.

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