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Schöninger Speere: Das Leben unserer Ahnen

Das Paläon im niedersächsischen Schöningen öffnet ein Fenster in den Alltag vor 300 000 Jahren. Gezeigt werden sensationelle Funde aus der Eiszeit.
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Die Pferde wähnen sich wohl in Sicherheit: Was soll ihnen auf dieser weiten, kühlen Steppe auch viel passieren? Sollte sich ein Raubtier nähern, würden sie es auf mehr als 100 Meter Entfernung erspähen. Im Galopp aber halten sie einen Feind leicht auf Distanz. Und in friedlichen Zeiten gibt es ganz in der Nähe kühles Wasser aus einem See. Genau dieses Gewässer und der Sumpf an seinen Ufern aber werden den Tieren zum Verhängnis. Denn plötzlich tauchen Raubtiere auf zwei Beinen auf, die den Pferden schon öfter begegnet sind. Meist gehen die Zweibeiner leer aus, weil selbst ein Fohlen sie leicht abhängt. Diesmal aber laufen einige wenige dieser seltsamen Wesen aus der offenen Steppe auf die Pferde zu. Ein Wiehern alarmiert die Herde, die Tiere fliehen wie immer in solchen Situationen von den Feinden weg. Dort aber blinkt das Wasser des Sees, vor seinem Ufer bremst ein Streifen Sumpf die Flucht. Schnell holen die Zweibeiner auf, weil ein oder zwei Pferde in den Morast geraten sind und kaum weiter galoppieren können. Im ersten Moment sieht es nach einer klassischen Pattsituation aus: Die Pferde stecken im Sumpf fest, während die Zweibeiner sich nicht in den Nahkampf wagen. Schließlich ist eine 600 Kilogramm schwere Stute ein viel zu gefährlicher Gegner für einen Angreifer, der gerade einmal ein Zehntel dieses Gewichts auf die Waage bringt. Die Zweibeiner aber haben eine solche Pattsituation schon öfter erlebt und daher eine Waffe für den Fernkampf mitgebracht: Aus vielleicht 15 Metern Entfernung wirft einer von ihnen einen Speer aus Fichtenholz, dessen Holzspitze mit solcher Wucht die starke Pferdehaut durchschlägt, dass die Waffe das Herz durchbohrt. Danach warten die Zweibeiner mit einer weiteren Überraschung auf: Mit scharfkantigen Abschlägen aus Feuerstein ziehen sie dem toten Pferd das Fell ab und feiern anschließend ein Festmahl mit riesigen Fleischportionen. Das Fell aber erweist sich als nützlicher Überwurf, der die beißende Kälte der eisigen Winter von der kaum behaarten Haut der Zweibeiner abhält und ihnen so durch die kalte Jahreszeit hilft.

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Blick in den Spiegel | Was tun gegen den wachsenden Kreationismus? Die Wissenschaftler empfehlen Aufklärung und publikumswirksame Ausstellungen. Wie hier im "Paläon" in Schöningen, wo man den Schädel eines Homo heidelbergensis und die Rekonstruktion des Gesichts daraus ansehen kann.

So ähnlich könnte sich die Jagd abgespielt haben, die rund 300 000 Jahre später zu einer Weltsensation wird. Denn die Zweibeiner mit den Holzspeeren kennen Frühmenschenforscher als Homo heidelbergensis, der einerseits mit Homo erectus, dem Vorfahren des modernen Menschen Homo sapiens, eng verwandt ist und der andererseits ein Vorfahre der Neandertaler ist. Dieser Menschenart aber hatte bisher kaum jemand zugetraut, so raffiniert zu jagen und so ausgetüftelte Präzisionswaffen wie die Speere zu benutzen, mit denen auch in heutiger Zeit ein Olympiasportler nicht völlig abgeschlagen auf den Rängen landen würde. Erst als sehr viel später die Speere der Jäger aus der Altsteinzeit in einer Braunkohlegrube bei der kleinen Stadt Schöningen im äußersten Osten von Niedersachsen auftauchen, lernen Archäologen, wie gut organisiert die Vorfahren der Neandertaler damals bereits waren.

Um diese Weltsensation für Archäologen auch interessierten Laien zu zeigen, hat die Stadt Schöningen das Forschungs- und Erlebniszentrum "paläon" gebaut; das Land Niedersachsen machte dafür 15 Millionen Euro locker. Seit dem 25. Juni 2013 erleben dort die Besucher nicht nur, wie Homo heidelbergensis gejagt haben könnte, sondern erfahren auch, wie die Gegend bei Schöningen in der Altsteinzeit aussah und mit welchen Methoden Archäologen dieser Epoche ihre Geheimnisse entreißen. "Die Schöninger Speere sind eine Art Fenster zurück in die Vergangenheit", erklärt der Archäologe und Paläon-Geschäftsführer Florian Westphal.

Allzweckwerkstoff Holz

Womit er eigentlich erheblich untertreibt. Haben die Forscher um Hartmut Thieme, der im Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege die Ausgrabungen in Schöningen bis 2008 unter seinen Fittichen hatte, und seinen Nachfolger Thomas Terberger doch viel mehr gefunden als die acht Speere, die in der Mitte der 1990er Jahre eine Weltsensation bedeuteten. Es kamen nicht nur die Knochen von Pferden zum Vorschein, die vor 300 000 Jahren offensichtlich einer Homo-heidelbergensis-Gruppe zum Opfer gefallen waren, sondern auch die Überreste einer ganzen Reihe anderer Tierarten. Vor allem aber tauchten neben den Speeren auch andere Jagdwaffen und eine Reihe von Gerätschaften aus Holz auf.

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Paläon in Schöningen | Für die große Ausstellung rund um die Schöninger Speere wurde ein eigenes Museum errichtet: das Paläon.

"Nirgendwo sonst auf der Erde wurde aus den Epochen vor dem Ende der letzten Kaltzeit so viel von Menschen bearbeitetes Holz gefunden wie in Schöningen", beschreibt Thomas Terberger von der Universität Greifswald die Bedeutung der Ausgrabungen. Holz war sehr wahrscheinlich von der Altsteinzeit bis in die jüngere Vergangenheit der wichtigste Werkstoff der Menschen, aus dem noch im 19. Jahrhundert ganze Schiffe oder Fässer zum Aufbewahren von Bier und Kraut hergestellt wurden. Dieses Holz zersetzt sich jedoch normalerweise relativ schnell. Deshalb überstand von den hölzernen Gerätschaften unserer frühen Vorfahren und aus der Steinzeit kaum etwas die Zeit bis ins 21. Jahrhundert. Die Fülle an Holzfunden in Schöningen öffnet also nicht etwa nur ein Fenster zum Alltag der Altsteinzeit, sondern schiebt eher ein riesiges Scheunentor auf, hinter dem Archäologen eine völlig in der Vergangenheit verschwunden geglaubte Welt entdecken.

Versiegelte Speere

Vor den Augen der Paläon-Besucher taucht eine norddeutsche Tiefebene auf, die warme und kalte Zeiten erlebte. Vor ungefähr 400 000 bis vor 320 000 Jahren lagen die durchschnittlichen Temperaturen in der Elster-Eiszeit manchmal bis zu 15 Grad Celsius unter den heutigen Werten. Einige hundert Meter hohe Eisschichten bedeckten das Land bis zu den Mittelgebirgen wie dem Harz, die im Süden die Ebene begrenzen. Der gewaltige Druck schmolz am Grund das Eis wieder auf, Schmelzwasser suchte sich dort seinen Weg und grub dabei eine bis zu 850 Meter breite und 40 Meter tiefe Rinne in den Boden unter dem Eis. An ihrem Grund lagerten die Eismassen und das Schmelzwasser Material ab, das sie aus dem Norden mitschleppten und füllten die Rinne damit ein paar Meter hoch, aber keineswegs ganz auf.

Vor 320 000 Jahren wurde es wärmer, das Eis schmolz und in der Landschaft blieb ein langgezogenes Becken zurück. Darin staute sich das Wasser aus den Bächen, die von einem nahe gelegenen Hügel strömten, bald zu einem See. Am Ende dieser Warmzeit vor rund 300 000 Jahren kühlte das Klima wieder ab. Bald war es im Durchschnitt rund drei Grad kühler als heute, gleichzeitig wurden Niederschläge zur Mangelware. Vor allem in dieser Zeit zog der See Tiere und auch den Homo heidelbergensis wohl besonders stark an. Schließlich konnte man dort nicht nur seinen Durst stillen, sondern unter den anderen Besuchern des Gewässers vielleicht gute Beute machen. Genau dann jedenfalls jagten die Altsteinzeitmenschen mit ihren Speeren die kräftigen Pferde am Ufer des Sees.

Bis heute weiß niemand, aus welchen Gründen nach der Jagd und dem Zerlegen der Beute einige Speere zurückblieben. Jedenfalls müssen sie rasch unter Wasser geraten sein, das sie feucht und intakt hielt. Einige Zeit danach wurde es noch deutlich kälter. Als später die Gletscher zurückkamen, hobelten die 200 oder 300 Meter dicken Eisschichten mit gewaltigem Druck erneut das Land flach und zerstörten dabei alle Werkzeuge und Waffen, die Menschen in der Gegend zurückgelassen hatten – nur eine große Ausnahme kennen die Archäologen heute: Das Eis schob vor sich her und an seinem Grund gewaltige Massen von Sand und Kies, die rasch die Rinne aus der vorherigen Eiszeit samt dem alten See auffüllten. "Diese Deckschicht versiegelte die Relikte der Altsteinzeitjäger bis heute", erklärt Thomas Terberger. Die mächtigen Gletscher schrammten danach einfach über die aufgefüllte Rinne weg, die Waffen aus Holz und die Knochen der Beutetiere weiter unten aber blieben fast völlig intakt. "Das war ein absoluter Glücksfall", freut sich Jordi Serangeli von der Universität Tübingen, der seit Juli 2008 die archäologischen Grabungen in Schöningen leitet.

Sensation im Tagebau

Es sollte nicht der einzige Glücksfall bleiben. Denn in der jüngsten Eiszeit waren die Gletscher nicht bis nach Schöningen, sondern nur bis in die Gegend gekommen, in denen heute die Großstädte Hamburg und Berlin liegen. Die eisigen Winde von dort trugen jede Menge feinstes Material mit, das die Gletscher vorher zermahlen und das ihr Schmelzwasser im Vorland abgeladen hatte. Dieser Löss häufte sich zu meterdicken Schichten an, die nicht nur einen fetten Ackerboden bilden, sondern die im Untergrund verborgenen Relikte aus der Altsteinzeit dauerhaft unter sich begraben – läge nicht viel weiter unten noch eine weitere Schicht, die viel älter als die Speere ist. Vor ungefähr 50 Millionen Jahren wuchs in der Gegend ein dichter Mangrovenwald, dessen Überreste sich im Untergrund langsam in Braunkohle verwandelten. Genau diese Kohle wird in der Gegend bereits seit Ende des 18. Jahrhunderts abgebaut. Am Ende des 20. Jahrhunderts hoffte der Referent für ältere Zeiten im Landesamt für Denkmalpflege in Hannover, dass die bei Schöningen arbeitenden gigantischen Schaufelradbagger eines Tage vielleicht Funde aus der Vergangenheit frei schaufeln und ans Tageslicht holen könnten. Tatsächlich entdeckten die Forscher ab 1983 Überreste, die allerdings "nur" aus der Jungsteinzeit stammten und so immerhin einige tausend Jahre alt waren.

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Schöninger Speere | Das Herzstück der Ausstellung: die Schöninger Speere. Der sensationelle Fund der Holzwaffen ist zahlreichen glücklichen Umständen zu verdanken.

1993 informierte ihn dann ein Baggerführer, dass er in einer viel tieferen und damit deutlich älteren Schicht etwas Seltsames gefunden hätte. Hartmut Thieme erkannte rasch, dass dort im Untergrund tatsächlich etwas ganz Besonderes steckte, das ohne den Braunkohlebergbau nie entdeckt worden wäre und das der Schaufelradbagger jetzt zu vernichten drohte. Um herauszubekommen, was dort noch immer verborgen lag, musste der Forscher graben. Also bettelte er so lange beim Schichtleiter des Tagebaus, bis dieser eine für sein Unternehmen sehr kostspielige Entscheidung traf: Der Bagger wurde umgeleitet, ein heute knapp 4000 Quadratmeter großes Stück überließen die Schaufelräder den Archäologen.

In diesem Sockel, dessen Wände inzwischen steil in die riesige Kohlegrube abfallen, holten die Ausgräber ein Holzstück nach dem anderen aus der Erde. Eigentlich waren diese Funde bereits fantastisch genug. Die Sensation von Weltgeltung aber sollte sich 1994 anbahnen, als die Archäologen einen langen, offensichtlich sehr gut erhaltenen Speer aus Holz entdeckten. Vorher hatte niemand ahnen können, dass die Menschen in dieser Zeit bereits mit solchen perfekten Waffen auf die Jagd gegangen sind.

Fundgrube der Altsteinzeit

Unmittelbar im Uferbereich des Sees, dessen Becken die Schmelzwasser der Gletscher der Elster-Eiszeit aus dem Untergrund gewaschen hatten, war dieser Speer genau wie die anderen Funde anscheinend rasch im Schlamm begraben worden, der Holz und Knochen gleichermaßen konservierte. Da die Menschen damals sehr wahrscheinlich immer wieder ans Seeufer kamen und dort ihre Beute fachmännisch zerlegten, haben die Archäologen inzwischen mehr als 10 000 Knochen von Tieren gefunden, von denen einige Schnittspuren von der Zerlegung mit Steinklingen zeigen. Auch von diesen Steinwerkzeugen tauchen immer wieder einige auf. Die meisten Tierknochen stammen von Wildpferden. Offensichtlich erwischten die Steinzeitjäger jedoch ebenso andere Tiere wie zum Beispiel Rotwild.

Insgesamt entdeckten die Forscher so viele Funde, dass sie noch längst nicht alle untersuchen konnten. Die Palette reicht dabei vom filigranen Insektenfühler bis zum Skelett eines Wasserbüffels. Jordi Serangeli zeigt den Archäologiestudenten, die einen Teil ihrer Ausbildung in Schöningen machen, auch gern die Feuersteinwerkzeuge, die auf den ersten Blick wie ein Steinsplitter aussehen, aber vor 300 000 Jahren von Menschen benutzt wurden. Homo heidelbergensis hat damals mit Schlegeln aus Tierknochen von Feuersteinen solche Splitter abgeschlagen, die normalerweise messerscharfe Kanten haben. Mit wenigen geschickten Schlägen entstand so ein scharfes Messer. Rund 1500 solcher von Menschen bearbeiteten Steinsplitter haben die Forscher bisher gefunden, die meisten davon waren allerdings winzig klein. Vor allem aber begeistern die entdeckten Gerätschaften aus Holz die Archäologen: Sechs nahezu komplette Speere und die Reste von zwei weiteren Speeren katapultierten Schöningen in die Top Ten der weltweiten Fundstellen aus der Altsteinzeit. Dazu kommen noch eine Stoßlanze, mit der vermutlich größere Beute angegangen wurde, sowie geschnitzte Wurfhölzer, mit denen die Menschen ähnlich wie mit einem Bumerang kleine Tiere wie zum Beispiel Vögel jagten.

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Homo heidelbergensis | Vor 300&000 Jahren lebten Vertreter der Art Homo heidelbergensis in diesem Teil Niedersachsens. Ihre Hinterlassenschaften tauchten im Rahmen des Braunkohletagebaus auf.

Damit aber muss die stolze Bilanz von Schöningen keineswegs enden. Jordi Serangeli hat jedenfalls vor Kurzem gleich neben der bisherigen Fundstelle weiter gegraben. Auch dort war einst das Ufer des Sees, und der Archäologe stieß prompt auf etliche weitere Tierknochen. "Dort werden wir in den nächsten Jahren weitergraben und hoffen auf neue, tolle Funde", freut sich der Wissenschaftler, dessen Vater aus Rom und dessen Mutter aus Katalonien stammt. Insgesamt hat sich die Länge der Fundstelle so von bisher 60 auf mindestens 120 Meter verdoppelt – die Chancen für weitere Sensationen aus der Altsteinzeit stehen also gar nicht so schlecht.

Vielleicht findet er dort sogar weitere Speere oder noch ganz andere Waffen und Gerätschaften aus der Altsteinzeit. Die Intelligenz für die Herstellung solcher Hightechwerkzeuge hatte Homo heidelbergensis jedenfalls. Nicht nur aus Untersuchungen der Speere, sondern auch bei Experimenten, in denen sie selbst solche Jagdwaffen hergestellt haben, lernten die Archäologen, wie die steinzeitlichen Waffenschmiede ihre Holzwaffen fertigten. Ganz offensichtlich hatten diese Menschen über viele Generationen Erfahrungen in dieser Disziplin gesammelt und an ihre Lehrlinge weitergegeben.

Tagewerk eines Speermachers

Im kühlen Klima kurz vor der nächsten Eiszeit lagen die durchschnittlichen Temperaturen im Juli rund drei Grad niedriger als heute. Entsprechend langsam wuchsen auch die Bäume. Auf dem "Elm" genannten Hügel gleich neben dem See standen in lichten Wäldern vermutlich einige Fichten, deren Stämme auch nach einem halben Jahrhundert nur drei oder vier Zentimeter Durchmesser hatten. Wegen des langsamen Wachstums war ihr Holz extrem hart und daher ideal für Speere. Ähnlich wie ein Biber einen Baum durch Abnagen rund um eine Stelle in Maulhöhe fällt, hieben auch die Steinzeitspeermacher mit ihren Feuersteingeräten kleine Splitter aus einem ausgesuchten Stamm. Nach rund 25 Minuten hatten sie eine tiefe Kerbe rundum geschlagen und konnten das ausgesuchte Bäumchen fällen.

In weiteren 25 Minuten rissen sie dann die Äste ab und entfernten die Rinde. Danach bearbeiteten sie die Speere so, dass die Archäologen noch heute über ihr ballistisches Verständnis staunen. Moderne Untersuchungen zeigen, dass ein Speer besonders weit und gut gezielt geworfen werden kann, wenn er im vorderen Drittel am dicksten ist und von dort sowohl nach vorne wie auch nach hinten immer schmaler zuläuft. Genauso schnitzten die Altsteinzeitjäger ihre Speere. An der dicksten Stelle im vorderen Drittel behielt das Stämmchen den Durchmesser von etwa vier Zentimetern, den es vorher hatte. Weiter hinten und auch davor hobelte der Werkzeugmacher in einer weiteren Viertelstunde dann seinen oft mehr als zwei Meter langen Speer langsam dünner. So liegt der Schwerpunkt ungefähr ein Drittel der gesamten Länge von der Spitze entfernt und garantiert optimale Flugeigenschaften.

Eine weitere Viertelstunde war der Speermacher damit beschäftigt, die Astansätze zu entfernen und zu glätten. Am Ende schälte er dann in noch einmal 20 Minuten feine Späne ab, bis die Holzoberfläche perfekt glatt war und der Luftwiderstand besonders gering wurde. Genau so sieht noch heute ein erstklassiger Wurfspeer aus, wie er bei den Olympischen Spielen verwendet wird. Die Spitze der Jagdwaffen aus der Altsteinzeit liegt aus einem bestimmten Grund nicht im Zentrum des Speerschaftes: Dort befindet sich das weiche Mark der Pflanze, das zu schwach ist, um eine dicke Pferdehaut gut zu durchdringen. Daher schnitzten die Waffenschmiede die Spitze asymmetrisch vom Mark weg und verhinderten so, dass die Spitze gleich beim ersten Treffer absplitterte.

Leben in der Altsteinzeit

Wer die in Schöningen gefundenen Speere so genau wie der Schweizer Holzspezialist Werner Schoch vom Labor für quartäre Hölzer in Langnau untersucht, dem wird rasch klar: Homo heidelbergensis muss sehr intelligent gewesen sein. Damit ist aber auch klar, dass sich die Altsteinzeitjäger ihr Leben so gut wie möglich eingerichtet hatten. "Vermutlich hatten sie dort oben ihr Lager eingerichtet", erklärt Jordi Serangeli und deutet dabei hinauf zum Elm. Dieser Hügel besteht aus Keuper, durch das Wasser kaum dringen kann, und hat oben eine wasserdurchlässige Kappe aus Muschelkalk. Die wenigen Niederschläge damals drangen also von oben in den Elm ein, kamen aber an den Hängen als Quellen wieder aus dem Hügel heraus. Dort hatten die Steinzeitmenschen daher immer frisches Wasser und nutzten das Holz der lichten Wälder auch zum Feuermachen. Jedenfalls fanden die Forscher bereits von Menschen bearbeitete Holzstücke, deren eines Ende stark verkohlt war.

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Przewalski-Wildpferde | Mit ihren Speeren jagten die damaligen Bewohner im Osten Niedersachsens vor allem Wildpferde (Symbolbild zeigt Przewalski-Wildpferde, die heute wieder in der Mongolei leben).

Von da oben liefen sie hinunter zum See, der damals vielleicht 1500 Meter lang war. Auch im Winter fanden sie dort Pflanzenknollen, in denen die Gewächse ihren Nährstoffvorrat für das kommende Jahr aufbewahren. Diese Stärke aber gab natürlich auch den Steinzeitmenschen genug Kraft, um über den Winter zu kommen. Immer wieder jagten sie die rund 600 Kilogramm schweren Pferde. Insgesamt haben die Forscher bisher Knochen von mindestens 36 dieser Tiere gefunden. "So viele Tiere konnten kaum in einer einzigen Jagd erlegt werden – dafür sind Pferde viel zu gefährliche Gegner für die Steinzeitjäger gewesen", erklärt Serangeli. Er vermutet daher, dass bei einer Jagd nur eines oder vielleicht auch zwei der Tiere getötet wurden. Viel mehr konnten die kleinen Gruppen aus wenigen dutzend Menschen damals auch gar nicht ohne Konservierungsmethoden sinnvoll verwerten.

Manchmal schlüpfen die Forscher sogar selbst in die Rolle der Steinzeitmenschen, um mehr über deren Leben zu erfahren. So haben sie zum Beispiel mit einfachen Feuersteinklingen und -schabern den Kadaver eines Pferdes zerlegt, den sie vom Schlachthof geholt hatten. Dabei entstanden auf den Knochen des Tiers ganz ähnliche Kratzer, wie sie auch die 300 000 Jahre alten Knochen aus den Ausgrabungen zieren.

Aus solchen Experimenten und den Schnittspuren auf den fossilen Knochen lässt sich auch zeigen, dass die Jäger das Fell der Pferde vorsichtig ablösten. "Wenn sie nur das Fleisch gewollt hätten, wären sie viel einfacher rangekommen", überlegt Jordi Serangeli. Offensichtlich legten sie also auch Wert auf ein intaktes Fell. Den Grund dafür erfasst ein Archäologe natürlich sofort: Damals waren die Winter oft deutlich kälter als heute. "Eine einfache Kleidung aus Tierfellen hat sicher enorm geholfen, die eisige Jahreszeit gesund zu überstehen", ist sich Serangeli sicher. Die vorherrschenden Modetrends der Altsteinzeit hat er allerdings noch nicht aufdecken können. Aber vielleicht stecken Informationen dazu ja in den noch nicht ausgegrabenen Teilen der Fundstätte. Dann könnte die Geschichte der Weltsensationen für Archäologen aus der Braunkohlegrube bei Schöningen in die nächste Runde gehen.

37. KW 2013

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 37. KW 2013

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