Illegaler Fischfang: Das lukrative Schmuggelgeschäft mit dem Aal

Wenn die Dämmerung einbricht und es eigentlich Zeit fürs Bett wäre, wird Iñaki Bedoya nervös. Denn es könnte eine gute Nacht zum Angeln sein. Seit er klein ist, fängt er Aale. »Ich wälze mich dann hin und her, an Schlaf ist nicht zu denken. Den besten Fang mache ich normalerweise nach Mitternacht«, erklärt der 66-Jährige mit glänzenden Augen.
Die schlaflosen Nächte sind für Bedoya inzwischen noch ungemütlicher geworden. Denn den rund 150 lizenzierten Aalfischern im Baskenland wurde es untersagt, auf Aalfang zu gehen – obwohl es im übrigen spanischen Norden erlaubt bleibt. Im idyllischen Küstenort Plentzia, der nur eine einstündige U-Bahnfahrt von Bilbao entfernt liegt, sorgt das für Wut. Aalfischer Unai Eizaguirre spricht von Diskriminierung: »Die baskischen Fischer sind die einzigen, die bestraft werden. Also sind wir allein schuld, wenn der Aal ausstirbt – und alle anderen können weiter angeln? Das ist doch lächerlich!«
In den nördlichen spanischen Regionen Galizien, Asturien und Kantabrien wird der Aal weiterhin unter strengen Auflagen gefischt, um die lokale Wirtschaft zu stützen. Im Baskenland hingegen gilt zumindest für das Jahr 2026 ein vollständiges Fangverbot. Möglich macht das die weitreichende Kompetenz der autonomen Gemeinschaften – ein politischer Flickenteppich, der in Spanien auch bei anderen Themen immer wieder sichtbar wird.
Die beiden baskischen Fischer Iñaki Bedoya und Unai Eizaguirre sind frustriert, weil sie in ihren Gewässern keine Aale mehr fangen dürfen.
Eine Lizenz zum Aalfang besitzen Iñaki Bedoya und Unai Eizaguirre erst seit zwei Jahren. Trotzdem haben sie bereits jahrzehntelang regelmäßig die Fische gefangen. Vorher bezeichneten sie sich wie viele andere als Hobbyangler. Die Aalfischerei gilt im Baskenland als jahrhundertealte Tradition. »Es ist unsere Kultur, quasi Teil unserer DNA«, erzählt Eizaguirre. »Und wenn du deiner Schwiegermutter ein paar schöne Aale bringst, hast du sofort einen Stein im Brett.«
Die Gefahren für den Aal sind vielfältig
Aber dem Europäischen Aal (Anguilla anguilla) geht es schlecht. Um geschätzte 90 Prozent sank in den letzten Jahrzehnten sein Bestand. Deshalb soll zumindest das jetzt im Baskenland verhängte Fangverbot als eine Art Notbremse wirken, erklärt die Biologin Estibaliz Díaz Silvestre vom spanischen Meeresforschungsinstitut AZTI in Bilbao. »Letztes Jahr lag der Anteil der Aale, die im Golf von Biskaya ankamen, bei etwa zwölf Prozent. Wir wollen 40 erreichen«, sagt sie.
Hintergrund ist das in der EU-Aalverordnung festgelegte Ziel der Europäischen Union, wonach mindestens 40 Prozent des natürlichen Bestands der ausgewachsenen Aale die Flüsse zur Fortpflanzung verlassen sollen, damit sich die Spezies langfristig wieder erholt und nicht ausstirbt. Denn für die Paarung müssen die Tiere Richtung Sargassosee im Nordatlantik schwimmen. Die dort schlüpfenden Larven wandern wiederum zu den europäischen Küsten, wobei sie sich zu sogenannten Glasaalen weiterentwickeln und schließlich die Flüsse hinaufsteigen, wo sie zur vollen Größe heranwachsen. Erst Jahre später kehren die Fische dann wieder ins Meer zurück (siehe »Lebenszyklus des Europäischen Aals«).
Der Europäische Aal (Anguilla anguilla) wechselt in seinen Lebensphasen zwischen Süß- und Salzwasser. Als ausgewachsener Fisch lebt er in Flüssen und Seen Europas, muss jedoch zum Laichen den Atlantik aufsuchen, wo in der Sargassosee östlich von Florida nach der Paarung die weidenblattförmigen Larven schlüpfen. Diese schwimmen – unterstützt vom Golfstrom – nach Nordosten Richtung europäische Küsten und wandeln dabei ihre Gestalt zu durchsichtigen Glasaalen. Während sie in den Flüssen als Steigaale hinaufwandern, entwickeln die Fische eine gelbliche Bauchfärbung (Gelbaal). Nach etwa 5 bis 20 Jahren sind sie geschlechtsreif, haben jetzt einen silbrigen Bauch und kehren als Blankaale zur Paarung und Laichablage in die Sargassosee zurück.
Auf dem weiten Weg vom Meer zu den Flüssen und zurück lauern zahlreiche Hürden wie Staudämme, die den Weg der Fische blockieren, oder Turbinen von Wasserkraftwerken, in denen Aale und andere Tiere verenden können. Der Rückbau von alten Dämmen, aber auch die Verbesserung der Wasserqualität und des Lebensraums sind schon Teil von EU-Projekten, welche die brisante Situation rund um die Fischart entschärfen sollen. So hat Spanien 2025 bereits 109 Hindernisse in seinen Flüssen entfernt, um die Süßgewässer zu renaturieren und wandernden Fischen ein Auf- und Absteigen wieder zu ermöglichen.
Zahlreiche Hindernisse wie dieses Wehr bei Plentzia im Baskenland behindern die Aale bei ihrer Rückkehr ins Meer.
Doch die Umsetzung der Pläne benötigt Zeit. »Ich weiß nicht, ob der Aal so lange warten kann, bis diese Projekte Wirkung zeigen«, meint Díaz Silvestre. »Deshalb brauchen wir kurzfristige Lösungen, die sofort wirken. Dazu gehört auch das Fangverbot.«
»Wir brauchen kurzfristige Lösungen, die sofort wirken. Dazu gehört auch das Fangverbot«Estibaliz Díaz Silvestre, Biologin
Denn hinter dem Verschwinden der als Delikatesse begehrten Fischart aus Flüssen und den Meeren verbirgt sich noch ein weiteres, düsteres Problem: der weltweite Schmuggel.
Aalschmuggel ist so lukrativ wie Drogenhandel
Um sich ein lukratives Geschäft mit illegal verkauftem Aal zu sichern, gehen nicht lizenzierte Fischer weiterhin in ganz Europa auf Fang. Sie bedrohen damit die Art und untergraben Naturschutzbemühungen sowie die Existenzgrundlage derjenigen, die sich an die Regeln halten.
Der kleine Ort Plentzia (spanisch Plencia) liegt an der Atlantikküste im spanischen Baskenland.
»Man kann es mit Drogenhandel vergleichen«, meint Unai Eizaguirre. »Jedes Jahr werden in Europa tonnenweise illegal gefangene Aale beschlagnahmt.« Die Einnahmen sind enorm; die Preise bewegen sich zwischen 7000 und 9000 Euro pro Kilogramm. »Nur ein Bruchteil wird hier illegal an Restaurants oder Gourmets verkauft. Das große Geschäft liegt im Schmuggel nach Asien«, betont er. »Im Vergleich zu diesen Gewinnen sind die Strafen, wenn man hier erwischt wird, viel zu gering: vielleicht ein paar Hundert Euro.«
»Man kann es mit Drogenhandel vergleichen«Unai Eizaguirre, Aalfischer
Vor einigen Jahren standen die Behörden vor Ort noch regelmäßig im Austausch mit Unai Eizaguirre und Iñaki Bedoya. Die beiden meldeten, wenn ihnen etwas verdächtig vorkam. »Da waren wir quasi die Augen und Ohren der Flüsse in unserer Umgebung. Wir wissen ja, wer Lizenzen hat und wer nicht. Insofern konnten wir Wilderei zumindest anzeigen«, erläutert Bedoya frustriert. Mit dem Fangverbot ist dieser Weg versperrt.
Dennoch sorgen immer wieder Fälle für Aufsehen, bei denen die Behörden erfolgreich ermitteln und Gerichte ein Zeichen setzen. So verurteilte am 4. Mai 2026 ein Strafgericht im südfranzösischen Bordeaux 17 Mitglieder eines Netzwerks des internationalen Aalschmuggels zu bis zu fünf Jahren Gefängnis. Während der Verhandlung versuchten mehrere Angeklagte, die Taten herunterzuspielen, denn sie seien doch »immerhin nicht in Drogenhandel involviert«. Aber das Gericht sah das anders: Es hob nicht nur den enormen Umweltschaden der illegalen Geschäfte hervor. Auch die Millionengewinne, die kriminelle Netze auf dem Schwarzmarkt einfahren, waren laut der Richter ein Grund für die mehrjährigen Freiheitsstrafen der Schmuggler.
Regelmäßig erfassen spanische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Bestände der Aale.
Die Preise für Aal werden nicht nur durch den enormen Bedarf in Ländern wie China, Südkorea oder Japan in die Höhe getrieben, sondern auch wegen einer biologischen Eigenart der Aale: Bisher gelang es nicht, die Fische in Gefangenschaft zu züchten. So brauchen Aquakulturen regelmäßig junge Wildtiere als Nachschub für ihr Geschäft. Es überrascht also kaum, dass sich seit dem EU-Exportverbot für den Europäischen Aal im Jahr 2010 immer mehr Gruppierungen aus dem Bereich der organisierten Kriminalität wie die sogenannten Triaden in China auf den hochlukrativen Markt drängen.
»Ein Mitglied der chinesischen Triaden sagte uns, es werde so viel geschmuggelt, dass es unsere kühnsten Vorstellungen übertrifft«Florian Stein, Geoökologe
»Ein Mitglied der chinesischen Triaden sagte uns, es werde so viel geschmuggelt, dass es unsere kühnsten Vorstellungen übertrifft«, erzählt Florian Stein vom Deutschen Angelfischerverband. Der Geoökologe promovierte 2025 zum Thema internationaler Aalhandel und berät als Sachverständiger das Bundesumweltministerium. »Unser geschätzter Maximalwert lag immer bei 100 Tonnen Glasaalen, die jährlich geschmuggelt werden. Das sind bereits rund 300 Millionen Fische. Aber der Kontakt meinte, dies sei ein sehr, sehr konservativer Wert.« Laut Stein habe vor allem seit 2020 der Schmuggel massiv zugenommen, wenngleich es immer wieder erhebliche saisonale Schwankungen gebe.
Die Routen der Kriminellen werden vielfältiger
Mit dem wachsenden Druck der Strafverfolger werden auch die Schmuggelrouten der Glasaale komplexer. »Vor zehn Jahren war der Flughafen von Madrid noch einer der größten Hotspots des Schmuggels«, erklärt Experte Stein. Das liegt an der geografischen Nähe zu den wichtigen Fanggebieten des Fischs entlang des Golfs von Biskaya sowie in den Gewässern vor Nordportugal. Doch die spanische Polizei hatte den illegalen Handel schnell auf dem Schirm und kontrollierte verstärkt Flüge nach Ostasien. Zur Verschleierung nutzten Schmuggelnetzwerke zunehmend europäische Transitländer auf dem Balkan oder im östlichen Mittelmeer.
Seit einigen Jahren kommt ein weiterer Schmuggelweg hinzu: die Nordafrika-Route. Von ihr sind vor allem Marokko, Mauretanien und der Senegal betroffen. Einen ersten Verdacht schöpften französische Zollbehörden, als sie bei Einreisenden auffällig viele Stempel dieser Länder in den Reisepässen fanden. Parallel hierzu stießen Umweltorganisationen im Senegal auf einen Schmuggelring, dem auch Mitglieder der chinesischen organisierten Kriminalität angehörten. Eine gemeinsame Operation von Frankreich und dem Senegal führte 2024 zur Festnahme mehrerer Aalschmuggler in Senegals Hauptstadt Dakar.
Doch warum wurde gerade diese Route beliebt? Laut Schmuggelexperten kommen etliche Faktoren zusammen. Auch hier erweist sich wieder die Geografie als entscheidender Vorteil: Die Meerenge zwischen Südspanien und Marokko misst an ihrer engsten Stelle nur 14 Kilometer, es herrscht reger Boots- und Fährverkehr. »Der Schmuggel über diese Route, zum Beispiel zwischen dem spanischen Algeciras und dem nordmarokkanischen Tanger, ist vergleichsweise einfach«, erklärt der marokkanische Investigativjournalist Yassir Al-Makhtoum. »Wir wissen, dass auch viele Drogen über diese Meerenge transportiert werden.«
Südspanische Fährhäfen wie die Hafenanlagen von Bahía de Cádiz in Andalusien dienen Kriminellen als idealer Ausgangsort für die Nordafrika-Route, um Aale über die nur 14 Kilometer breite Straße von Gibraltar hinauszuschmuggeln.
Gerichtsakten belegen, dass genau dort bereits größere Schmuggeloperationen vereitelt wurden. 2022 verurteilte ein Strafgericht in Algeciras einen marokkanischen Staatsbürger zu einer 15-monatigen Haft. Er war am Hafen der südspanischen Stadt beim Besteigen einer Fähre mit 65 Kilogramm Glasaalen gefasst worden. Wie Ermittlungen in dem Fall aufdeckten, arbeitete der Marokkaner als Kurier für ein größeres Netzwerk, dem auch mehrere spanische und chinesische Mitglieder angehörten.
Zwar hat Marokko ebenfalls den Export von Glasaalen verboten, die Ausfuhr ausgewachsener Aale bleibt aber unter bestimmten Bedingungen erlaubt. Zudem baut der Staat seit Jahren seine eigene Aalindustrie auf und unterstützt die Errichtung entsprechender Aquakulturbetriebe. Experten befürchten, dass dies Kriminellen bei der Verschleierung des Schmuggels aus Europa hilft. Wie marokkanische Behörden offen zugeben, stellt das illegale Geschäft mit Glasaalen seit einigen Jahren ein Problem für das nordafrikanische Land dar. So erklärt Larbi Mhidi, Präsident des Dachverbands marokkanischer Fischereikammern, dass »eine Gruppe von Schmugglern« sich auf den Handel von Glasaalen zwischen Marokko und Asien spezialisiert habe.
Als mit Abstand größter offizieller Mitspieler im marokkanischen Aalgeschäft gilt Nounemaroc. An dem Unternehmen mit Sitz im nordmarokkanischen Kenitra sind zahlreiche Größen des europäischen Aalhandels beteiligt. Es verfügt zudem über einen Großteil der marokkanischen Aalfanglizenzen, die nach Angaben staatlicher Behörden aktuell bei insgesamt 2000 Kilogramm Glasaal pro Jahr liegen. Laut Geschäftsführer Gérôme Gurruchaga exportiert die Firma ausgewachsene Aale mit entsprechender Erlaubnis weltweit – von Tokio über Seoul bis New York. In einem Interview mit der marokkanischen Presse betonte er, dass sein Unternehmen den Behörden bereits dabei geholfen habe, etliche kriminelle Netzwerke aus China, Korea und Spanien zu zerschlagen. Für einen persönlichen Interviewtermin vor Ort stand er während unserer Recherchen allerdings nicht zur Verfügung.
Schmuggler packen mitunter Aale in Plastiktüten, um sie dann im Koffer per Linienflug außer Landes zu schaffen. Da die Jungstadien der Fische (Glasaale) nur wenige Zentimeter Länge messen und sehr robust sind, lassen sie sich leicht transportieren.
Laut Insidern gibt es zahlreiche Wege für einen illegalen Weitertransport der Ware aus Marokko in Richtung Asien. Dabei spielen sowohl Routen über Mauretanien und Senegal wie auch der direkte Schmuggel in die Zielländer eine Rolle. Aalhändler Gurruchaga berichtete gegenüber marokkanischen Journalisten, Schmuggler transportierten die Glasaale teilweise per Linienflug in Koffern.
Kriminelle profitieren von der Anpassungsfähigkeit der Aale
Da sich Aale gut ihrer Umgebung anpassen und über die Haut atmen können, überleben die Tiere Transporte von bis zu 48 Stunden. Dabei platzieren Schmuggler die Glasaale in Beuteln mit wenig Wasser. Diese werden mit Thermodecken isoliert, um die Temperatur konstant zu halten. Laut Insidern werden Glasaale zudem zwischen anderen Lebendfischlieferungen Richtung Asien versteckt. Das erhöht ihre Chance, die Reise unentdeckt zu überstehen.
»Aale sind sehr robust«, bestätigt Iñaki Bedoya. »In den 1960er- und 1970er-Jahren waren unsere Flüsse stark verschmutzt. Sie waren die einzigen Fische, die noch in der Mündung von Bilbao schwammen.«
»Aale sind sehr robust«Iñaki Bedoya, Aalfischer
Nach ihrer Ankunft in Asien werden die Tiere in Anlagen aufgezogen und fettgefüttert, dann für den Verzehr vorbereitet. Laut dem Interpol-Experten José Adrián Sánchez Romero werden dieselben Glasaale, die aus Europa hinausgeschmuggelt wurden, manchmal später für den Sushi-Markt wieder eingeschmuggelt: als Filets, mariniert in Teriyaki-Soße. DNA-Tests helfen, einige dieser Fälle aufzudecken. Aber dann ist es natürlich schon zu spät.
Europol stößt ebenfalls regelmäßig auf geschmuggelte Aale bei Operationen gegen den illegalen Wildtierhandel. Seit Jahren führt die Behörde eine Sonderoperation namens »Lake« zur Bekämpfung des Aalhandels durch. Von 2024 bis 2025 beschlagnahmten die Beamten dabei 22 Tonnen Glasaale und nahmen 26 Personen fest – ein weiteres Indiz für den florierenden Handel in Europa.
Die von Europol durchgeführte Operation »Lake« bekämpft den illegalen Aalhandel. Zusammen mit der spanischen Guardia Civil beschlagnahmen die Beamten tonnenweise Jungaale.
»Vonseiten der Strafverfolgungsbehörden in ganz Europa wird großer Druck ausgeübt«, sagt Sánchez Romero. »Deshalb suchen die kriminellen Gruppen immer wieder nach anderen Wegen und passen sich an.«
Schmuggel mit geopolitischen Dimensionen
Neben dem Schmuggel über Nordafrika gibt es laut Experte Florian Stein noch eine weitere Route über Osteuropa, die inzwischen sogar politische Dimensionen angenommen hat: Wie offizielle Daten der EU zeigen, erhalten Polen, Litauen und andere osteuropäische Länder seit Jahren tonnenweise Glasaale. Als sogenannter Besatz, also dem gezielten Aussetzen junger Fische, um den natürlichen Bestand in einer Region zu fördern, wird das innerhalb der Europäischen Union sogar gefördert.
Die Effizienz dieser Praxis ist umstritten, einige Wissenschaftler bezeichnen sie als Scheinlösung. Zum einen werden Aale für den Besatz aus anderen Gewässern abgefischt und damit aus ihrem ursprünglichen Habitat entfernt. Zum anderen können sie sich nicht in den Binnengewässern fortpflanzen, sondern müssen nach wie vor Tausende von Kilometern zurücklegen, um dafür zur Sargassosee zu gelangen.
»Diese Länder haben aber tonnenweise Aale bekommen bei einem plausiblen Bedarf für Aquakultur und Besatz von vielleicht 100 oder 200 Kilo«, erklärt der Ökologe. Dadurch sei es sehr wahrscheinlich, dass sie von dort illegal weitertransportiert werden. Während das lange Zeit vor allem in die Zielmärkte nach Asien ging, sei nun ein weiterer mutmaßlicher Abnehmer hinzugekommen: Russland.
»Wir vermuten, dass sie dort versuchen, eine eigene lukrative Industrie aufzubauen«, so Stein. Konkret haben er und seine Kollegen die Exklave Kaliningrad im Blick. »Es gibt einen russischen Professor, der eine Farm in Polen betreibt und gleichzeitig in Kaliningrad tätig ist. Und wir haben zahlreiche Hinweise, dass dort Tests durchgeführt werden, russische Aquakultur-Programme aufzubauen – auf einem Gelände des Geheimdienstes FSB.«
Das alles mache deutlich: Der illegale Handel mit Aalen sei nicht nur eine äußerst lukrative Einkommensquelle für die organisierte Kriminalität, er spiele inzwischen sogar eine Rolle in geopolitischen Konflikten.
Aale müssen besser geschützt werden
Experten wie Estibaliz Díaz Silvestre und Florian Stein sind sich einig: Alle Aalarten brauchen dringend besseren Schutz. »Als Spitzenprädator spielt der Aal wahrscheinlich eine wichtige Rolle in den Nahrungsketten des Ökosystems, doch die Folgen seines Verschwindens sind gerade noch schwer abzuschätzen«, betont Díaz Silvestre. Die Vermutung liegt nahe, dass ein Aussterben des Aals das Gleichgewicht in der Natur massiv beeinträchtigen würde, weil sich dann Beutetiere explosionsartig vermehren und kranke Individuen, die normalerweise vom Aal gefressen werden, Infektionen übertragen können.
Ein europäischer Vorstoß zum Schutz sämtlicher 17 Aalarten wurde 2025 auf der Weltartenschutzkonferenz CITES (Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora) in Samarkand abgelehnt. Florian Stein gibt jedoch nicht auf. »Der Vorschlag muss auf der nächsten Konferenz erneut zur Sprache kommen. Ich weiß einfach nicht, wie wir dieses Problem sonst in den Griff bekommen sollen.«
Auch Fischer wie Unai Eizaguirre und Iñaki Bedoya fordern einen besseren Schutz für den Europäischen Aal. Stabile Bestände bedeuten Einkommen. Die beiden werden sich vorerst auf andere Jobs konzentrieren. Doch die schlaflosen Nächte werden nicht verschwinden. Denn die Zukunft dieses einst so widerstandsfähigen Fisches bleibt ungewiss.
Transparenzhinweis: Die Recherche für diesen Artikel wurde gefördert von Med Mosaic.

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