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Steinzeit-Massaker: Das Massengrab von Koszyce

Vier Mütter und ihre Kinder wurden samt ihrer Verwandtschaft vor fast 5000 Jahren erschlagen - und zeigen heute, wie eine jungsteinzeitliche Familiengruppe aufgebaut war.
Blick auf das Massengrab mit den Knochen von 15 Individuen samt Grabbeigaben.Laden...

15 Menschen mit eingeschlagenen Schädeln, darunter vier Mütter und ihre Kinder, entdeckten Fachleute im Jahr 2011 in einer Grube nahe dem Ort Koszyce in Südpolen. Die Opfer des Massakers starben vor etwa 4800 Jahren gewaltsam durch Schläge auf den Kopf – doch begraben wurden sie sehr sorgfältig und mit reichen Beigaben, berichtet die Arbeitsgruppe um Hannes Schroeder von der Universität Kopenhagen. Wie das Team in seiner Fundbeschreibung in »PNAS« anhand von DNA-Analysen feststellt, liegen Mütter und ihre Kinder jeweils zusammen angeordnet. Zusätzlich sind alle Personen im Grab, abgesehen von einer etwa 30-jährigen Frau, miteinander verwandt; in dem Massengrab liegt eine brutal ermordete jungsteinzeitliche Großfamilie.

Allerdings nicht vollständig. Wie die Arbeitsgruppe anmerkt, scheint ein beträchtlicher Teil der älteren Männer zu fehlen: Zwar sind acht der Individuen männlich, aber nur eines ist Vater eines Kindes – und sechs von ihnen sind jünger als 20 Jahre. Dagegen waren wohl fünf der sieben Frauen zum Zeitpunkt ihres Todes über 30 Jahre alt und vier von ihnen Mütter anderer Personen im Grab. Nach Ansicht der Fachleute um Schroeder deutet das darauf hin, dass ein Teil der Männer zum Zeitpunkt des Massakers abwesend war und die Toten anschließend beerdigte. Dafür spreche auch die Anordnung der Gebeine in Familiengruppen; wer immer das Grab anlegte, habe die Toten wohl gut gekannt.

Die Analyse erlaube weitere interessante Rückschlüsse, so das Team. Vier der männlichen Personen sind demnach vermutlich Halbbrüder; sie hatten den gleichen Vater, aber zwei unterschiedliche Mütter – die wiederum ihrerseits verwandt waren. Lediglich eine Frau scheint mit niemandem sonst in der Gruppe verwandt gewesen zu sein. Sie lag jedoch gemeinsam mit einem etwas jüngeren Mann und war möglicherweise als Partnerin aus einer anderen Gruppe zu der Familie gestoßen. Die Familiengruppe wies keine genetischen Zeichen übermäßiger Inzucht auf, offenbar bekam die Sippe also immer wieder frisches Blut von außen. Unklar ist das Motiv des Massakers. Allerdings sei sein Zeitpunkt bemerkenswert: Es fällt genau in die Zeit einer starken Ausbreitung der Schnurkeramik-Kultur – auf Kosten der älteren Kugelamphoren-Kultur, zu der die Opfer im Grab von Koszyce gehörten.

19/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 19/2019

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