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Ägäische Bronzezeit: Das minoische Affen-Mysterium

Pflegte die minoische Kultur Verbindungen bis nach Indien? Das legt ein rund 3600 Jahre altes Wandbild auf Santorin nahe. Darauf abgebildet: kraxelnde blaue Affen.
MInoisches Fresko mit blauen Affen aus Akrotiri auf Santorin, um 1600 v. Chr. (Raum 6 im Hauskomplex Beta)Laden...

In der Welt der Minoer waren Affen nicht heimisch. Archäologen haben in der Ägäis auch bislang keine Überreste von Primaten aus dem 3. oder 2. Jahrtausend v. Chr. gefunden. Und doch bildeten die Minoer auf Kreta oder Thera, dem heutigen Santorin, Affen auf Wandmalereien oder Siegelringen ab. Welche Arten von Affen da genau dargestellt sind, beschäftigt Archäologen schon länger. Die meisten Forscher vermuten, dass es sich um afrikanische Tiere handelt, wie sie häufig in der ägyptischen Kunst vorkommen – denn auch sonst lassen sich enge Verbindungen zwischen der Ägäis und Ägypten nachweisen. Doch nun hat ein interdisziplinäres Forscherteam um die Archäologin Marie Nicole Pareja von der University of Pennsylvania in Philadelphia und die Humanbiologin Tracie McKinney von der University of South Wales Indizien dafür gesammelt, dass die Minoer Affen auch andernorts kennen gelernt haben könnten: weit im Osten, im Industal.

Die Forschergruppe hat diverse Kunstgegenstände der minoischen Kultur untersucht: Siegelringe, Statuetten und Fresken mit Darstellungen von Affen, grob aus der Zeit von 2600 bis 1500 v. Chr. Ziel war es, die dargestellten Primatenarten genauer zu bestimmen. Dafür arbeitete Marie Nicole Pareja anders als Wissenschaftler zuvor nicht nur mit Archäologen zusammen, sondern scharte eine Gruppe Primatenforscher und Experten für taxonomische Zeichnungen um sich.

Keine afrikanischen, sondern indische Affen

Wie das Forscherteam in der Fachzeitschrift »Primates« berichtet, seien die meisten minoischen Affendarstellungen zu unspezifisch, um die Arten zweifelsfrei zu bestimmen – ausgenommen die Tiere auf einer Wandmalerei in Akrotiri auf Santorin (Thera). Auf dem rund 3600 Jahre alten Fresko im Hauskomplex Beta sind mehrere blau gefärbte Affen wiedergegeben, die über eine Felsenlandschaft kraxeln. Die Tiere ähneln sich: schlanker Körperbau, weißes Bauchfell, runde Ohren, ein dunkles Gesichtsfeld umgeben von einem weißen Fellkranz – die blaue Fellfarbe dürfte künstlerische Konvention sein, wie sie auch von altägyptischen Affenbildern bekannt ist. Auf Grund dieser Merkmale hatten Archäologen die Tiere bisher als Grüne Meerkatzen (Chlorocebus) identifiziert. Diese bodenbewohnenden Affen kommen in Afrika südlich der Sahara vor.

Trotz der großen Ähnlichkeit stimmen die blauen Affen und die afrikanischen Meerkatzen jedoch in einem Detail nicht überein, wie Pareja und ihr Team feststellten: der Schwanzhaltung. Meerkatzen haben einen gestreckten Schwanz, der leicht zum Boden hin umbiegt. Die blauen Affen aus dem Wohnhaus in Akrotiri haben ihren gerundeten Schwanz aber nach oben gerichtet. Daraus schließen die Forscher, dass es sich nicht um Meerkatzen, sondern um Tiere der Untergattung Semnopithecus handelt – so genannte Hanuman- oder graue Languren. Diese Primaten sind in Nepal, Bhutan, Nordindien und im Industal heimisch.

Minoer im Industal?

Woher aber sollen die minoischen Künstler gewusst haben, wie indische Languren aussehen? Sicher ist, so die Forscher, dass es Handelsverbindungen über Mesopotamien bis in den Osten gab. Wichtige Luxusgüter und Metalle wie Lapislazuli, Karneol und Zinn gelangten aus Regionen im heutigen Afghanistan bis in den Mittelmeerraum. Nun vermuten Pareja und ihr Team, dass die minoischen Maler die Tiere im Nahen Osten, in Mesopotamien oder vielleicht sogar noch weiter östlich mit eigenen Augen beobachtet hatten. Dafür spräche die präzise anatomische Darstellung der Languren.

Dass die Affen in die Mittelmeerregion verhandelt wurden, schließen die Forscher aus: »Ohne physische Überreste von dieser Affenart in der Ägäis gehört diese Behauptung in den Bereich der Spekulation«, schreiben sie in ihrer Studie. Es bleibt aber fraglich, ob die Anwesenheit indischer Affen in der Ägäis kategorisch ausgeschlossen werden muss. Von der bronzezeitlichen Sachkultur haben nur Bruchteile die Zeiten bis heute überdauert. So dürften die Überreste der meisten Menschen und Tiere verloren sein.

Die blauen Affen sowie andere Fresken aus Akrotiri haben sich erhalten, da die minoische Siedlung im 16. Jahrhundert v. Chr. unter dem Auswurf des Thera-Vulkans verschüttet wurde. Um 1900 begannen griechische Archäologen, den Ort freizulegen. Das Wandbild mit den blauen Affen entdeckten die Ausgräber in den 1960er und 1970er Jahren.

04/2020

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 04/2020

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