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Das Rote Wien: Luft, Licht und Wasser für alle

Am 8. Juli 1926 eröffnete in Wien ein wundersamer Prachtbau. Das Amalienbad war eine in Architektur gegossene Vision: Das Rote Wien wollte das Leben der Massen umkrempeln.
 Ein kunstvoll gestalteter Innenraum eines Badehauses mit einem runden Pool in der Mitte, umgeben von grünen, verzierten Säulen. Der Boden des Pools zeigt ein geometrisches Mosaikmuster. Über dem Pool befindet sich eine bunte, glasierte Kuppel, die das Licht in verschiedenen Farben bricht. Um den Pool herum stehen gelbe Liegestühle. Die Wände sind mit blauen Fliesen verkleidet, die ein harmonisches Gesamtbild schaffen.
Zeitgemäßer Luxus im Amalienbad: Das Hallenbad in Wien war vor 100 Jahren errichtet worden – ausdrücklich für die gesamte Bevölkerung der Stadt.

Der 8. Juli 1926 war ein schwüler Tag. Gegen Abend sollten heftige Unwetter über Wien ziehen, die andernorts in halb Mitteleuropa Verwüstungen anrichteten. Doch um 10 Uhr am Vormittag war die Wetterwelt in der Donaumetropole noch in Ordnung. Tausende drängten sich am Reumannplatz, wo der Bürgermeister gleich ein wundersames Bad eröffnen sollte.

Im Inneren des imposanten Gebäudes wurde noch gehämmert – die letzten Vorbereitungen für das »Schwimmfest« am Abend. Draußen vor den hohen Toren aus Glas und Holz steckten Fahnen, und es spielte die Straßenbahner-Kapelle. »Man hat gerade über dieses Bad sehr viel geredet und geschrieben«, rief nun Bürgermeister Karl Seitz. »Man hat vor allem gesagt, warum baut man dieses Bad weit draußen in einem Proletarierbezirk? (…) Ja – just in diesem Proletarierbezirk haben wir dieses Bad gebaut, um inmitten dieser alten Häuser auch ein Stück Schönheit aufzubauen, weil wir wollen, dass Körperkultur in die breitesten Massen des Volkes dringe.«

Die Wiener Sozialdemokratie sah sich als Wegbereiterin einer neuen Zeit, und das Amalienbad sollte deren Denkmal sein. Nicht nur wollte sie die marginalisierte Arbeiterklasse aus ihrem Elend befreien, aus krank machenden Wohn-, Arbeits- und Lebensverhältnissen, politischer Bevormundung und schlechter Bildung. Sie wollte aus den »Proletariern« auch »neue Menschen« formen. Dafür hatte die Partei ein Reformprogramm entworfen, das alle Lebensbereiche berührte. Und Bäder spielten dabei eine gewichtige Rolle.

Das Wiener Prekariat

Um die Bedeutung »der Luft, des Lichtes und des Wassers«, wie es Bürgermeister Seitz formulierte, für die Volksgesundheit zu erfassen, reicht ein kurzer Blick in die Lebensumstände der Männer, Frauen und Kinder, die im boomenden Wien des späten Habsburgerreichs die prächtige Ringstraße und stilprägenden Gründerzeithäuser hochgezogen hatten oder in Fabriken malochten. Arbeiten bedeutete für sie, zwölf Stunden und mehr am Tag zu schuften, ohne Wochenende. Wohnen hieß, in chronisch überbelegten Ein-Zimmer-Küche-Wohnungen der grauen Miet- und Zinskasernen zu vegetieren; mit einer Toilette auf dem Gang pro Stockwerk, daneben ein Kaltwasserhahn, in Wien bekannt als Bassena.

Amalienbad damals |

Besucherinnen und Besucher schwimmen im großen Becken des Amalienbads, 1927.

Wer in der berstenden Stadt nicht einmal eine solche Bleibe fand – die Bevölkerung hatte sich zwischen 1880 und 1910 von 1,16 auf 2,1 Millionen nahezu verdoppelt –, mietete sich stundenweise in fremde Betten ein. 1910 soll es in Wien 170 000 »Bettgeher« gegeben haben. Die unvorstellbaren Zustände förderten Krankheiten; die Tuberkulose beispielsweise trat so häufig auf, dass sie auch »Wiener Krankheit« hieß.

Der Erste Weltkrieg setzte dem ganzen Elend noch eins drauf. Wien als Zentrum der Kriegswirtschaft erreichte seinen Bevölkerungshöchststand durch weitere 300 000 Beamte, Soldaten, Verletzte und Geflüchtete. Doch der Krieg lief nicht nach Plan. Die verlässliche Versorgung aus den österreichischen Kronländern brach ein, die blanke Not aus. Zeitdokumente sprechen von Hungerödemen, Rachitis und Ruhr, 80 Prozent der Kinder waren unterernährt. Weil es an Kohle fehlte, wurde der Wienerwald zu Brennholz zerhackt. Und die Proletarierkrankheit wurde zur Soldatenkrankheit: 40 Prozent der Kriegsversehrten kamen mit Tuberkulose aus den Schützengräben zurück. Eine ganze Generation war versehrt an Körper und Seele.

Die dramatischen Zustände in der Heimat trugen zum Kriegsende bei. 1918 verzichtete der Kaiser auf die Staatsgeschäfte – und vom Habsburgerreich, das 600 Jahre lang Europa entscheidend geprägt hatte, blieb, wie Stefan Zweig (1881–1942) es ausdrückte, »ein verstümmelter Rumpf, aus allen Adern blutend«. Ein Großreich mit rund 50 Millionen Menschen war auf einen Kleinstaat mit sechs Millionen geschrumpft. Und ein Drittel davon lebte im »Wasserkopf«. So nannten und nennen die Menschen die übervolle Hauptstadt.

Der »Wasserkopf« wurde rote Hochburg

Die Kriegsfolgen lasteten auf dem jungen Deutschösterreich. Absatzmärkte fehlten, die Wirtschaft lahmte, es kam zur Hyperinflation. Was vor dem Krieg für eine Krone zu haben war, kostete danach 14 000 Kronen.

Und trotzdem herrschte in Wien Aufbruchstimmung – jedenfalls bei der Arbeiterschaft. Lange Zeit hatte ihnen das nach Privilegien organisierte Wahlrecht den Zugang zur Politik versperrt, doch das Ende von Krieg und Monarchie mischte die Karten neu. Ab 1918 zählten alle Stimmen gleich, und zum ersten Mal durften auch Frauen wählen.

Amalienbad heute |

100 Jahre nach seiner Errichtung ist das Hallenbad am Wiener Reumannplatz weiterhin in Betrieb.

Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) fuhr bei der Gemeinderatswahl am 4. Mai 1919 die absolute Mehrheit ein, was den Weg frei machte für große Reformen.

Wenn die Männer und Frauen, die sich nun voller Idealismus und Tatendrang in die Umgestaltung stürzten, von einer neuen Zeit sprachen, hatten sie nicht übertrieben. Im Roten Wien wurde alles neu: die städtebauliche Ästhetik, die Bildung, die Möglichkeiten für Frauen. Von ihren Gegnern als Schimpfwort gemeint, nutzte die SDAP die Bezeichnung Rotes Wien bald mit Stolz. Es war eine Ära, die dem berühmteren Wiener Fin de Siècle an Ideen, Innovationskraft und prägenden Persönlichkeiten in nichts nachstehen sollte, wie es der englische Historiker und Journalist Richard Crockett zusammenfasst. Er nennt das Rote Wien »das ambitionierteste politische Projekt seiner Zeit«.

Die SDAP wollte die Stadt modern und auf der Höhe der wissenschaftlichen Erkenntnisse der Zeit regieren. »Nicht die Köpfe einschlagen, die Köpfe gewinnen!«, gab der Parteivordenker Otto Bauer (1881–1938) als Leitspruch vor. Das war das Spezielle am Austromarxismus: Der Klassenkampf sollte nicht durch eine Revolution gewonnen werden, sondern durch das bessere Programm. Finanzstadtrat und Workaholic Hugo Breitner (1873–1946) schaffte dafür die Grundlagen. Sein sozial gestaffeltes Steuersystem würde heute wohl unter dem Motto »Tax the rich!« laufen.

Es werde Licht!

Berühmt wurde der soziale Wohnungsbau, von dem die Stadt bis heute profitiert. Breitner kaufte während der Inflationsjahre Grundstücke, auf denen nun großzügige, begrünte Wohnanlagen entstanden, sogar – ein Schock für die Bürgerlichen – in Nobelbezirken. Bis 1933 baute Wien fast 65 000 Wohnungen. Sie waren zwar klein, aber hell, mit bis dahin ungekannten Annehmlichkeiten zum Miet-Sparpreis von fünf bis zehn Prozent eines monatlichen Arbeiterlohns.

Parallel führte Otto Glöckel (1874–1935) die Reformpädagogik ins Bildungswesen ein. Er schaffte die Prügelstrafe ab, strich das Auswendiglernen aus dem Lehrplan sowie die verpflichtenden Schulgottesdienste und Beichten – entgegen dem Aufschrei des konservativen Österreichs. Gesamtschule, Demokratieerziehung, psychologische Bildung von Lehrkräften – in zahlreichen Schulversuchen wurden neue Ideen getestet. 

Bewegt werden sollte nicht nur der Geist, sondern auch der Körper – in erweiterten Parks und neuen Sportanlagen. Zeitgleich mit der Eröffnung des Amalienbads fand in Wien das erste Arbeiter-Turn- und Sportfest statt. Die »Arbeiter-Zeitung« – das Zentralorgan der damaligen Sozialdemokratie und nach dem Krieg eine der führenden Zeitungen des Landes – jubelte tagelang über die »gesunden, sonnengebräunten Gestalten« in ihren weißen Ruderleibchen. So stellte sich die Arbeiterbewegung ihre »neuen Menschen« vor: ungeschminkt, kraftvoll, lebensfroh, spielerisch im gemeinsamen Wettstreit.

Julius Tandler (1869–1936) |

Der Arzt und Anatom baute in Wien viele soziale Einrichtungen auf, um das Leben der Bevölkerung von Grund auf zu verbessern. Von rechten Kreisen diffamiert, vertrat Tandler zugleich untragbare, eugenische Ansichten.

Paläste für Kinder bauen

»Hygiene und Gesundheit waren im Roten Wien keine rein medizinischen Themen, sondern zentrale Säulen einer umfassenden gesellschaftspolitischen Reform«, erklärt der Historiker Werner Schwarz, der vor einigen Jahren die Sonderausstellung »Das Rote Wien 1919 bis 1934« am Wien Museum kuratiert hat.

Verantwortlich für die Hygienereform war der bekannte Anatom und Universitätsprofessor Julius Tandler (1869–1936). Hatten die alten Parteien in kirchlicher Tradition auf Barmherzigkeit und milde Gaben gesetzt, lautete Tandlers Credo: Jeder Mensch, der sie braucht, hat ein Anrecht auf Unterstützung durch die Gemeinschaft. Die Politik sei dabei in der Pflicht, diese Hilfe bereitzustellen.

Tandler, der meist mit dunklem, breitkrempigem Hut zu sehen war, hatte erkannt, dass Prävention letztlich Kosten sparte. Sein berühmtester Ausspruch steht heute in Stein gemeißelt an der Fassade seines Familienzentrums in der Wiener Lustkandlgasse: »Wer Kindern Paläste baut, reißt Kerkermauern nieder.«

Er entwickelte ein international viel beachtetes System der Fürsorge: Es umfasste ein dichtes Netz aus Gesundheitsmaßnahmen sowie Sozial- und Freizeiteinrichtungen, das die Menschen beratend, unterstützend, aber auch mit erhobenem Zeigefinger und bevormundend ein Leben lang begleiten sollte. Ein Gutteil der berühmt-berüchtigten Breitner-Steuern, die sich in den Zwischenkriegsjahren aus Abgaben der Wohlhabenden und für Luxuskonsum speisten, floss in das ambitionierte Programm. Breitner nannte Tandler verschmitzt auch seinen »teuersten Freund«.

Anton-Schrammel-Hof |

Der Gemeindebau im Wiener Bezirk Simmering wurde 1925 und 1926 errichtet. Er war Teil des kommunalen Wohnungsbaus des Roten Wien.

Tandler richtete Beratungsstellen für Mütter, Eheleute, Familien und für die Erziehung ein, ebenso für Krebs-, Tuberkulose- oder Alkoholkranke, die auch eigene Heilanstalten erhielten. »Kein Wiener Kind darf auf Zeitungen geboren werden«, lautete ein Slogan der Reform. Fürsorgerinnen brachten Wöchnerinnen beim ersten Wohnungsbesuch ein Säuglingswäschepaket (Schwangere in Wien erhalten es bis heute) – und sahen sich dabei gleich um, ob die hygienischen und familiären Bedingungen dem hohen Fürsorgeanspruch der Stadt entsprachen. In Volkskindergärten und -schulen wurden die Kleinen warm verköstigt, in Schulzahnkliniken wurde ihnen in den Mund geschaut und im Sommer fuhren sie auf »Ferialerholung«.

Wasser marsch!

1919 beschloss der Gemeinderat den Großausbau städtischer Bäder. Wien war zwar schon länger als Bäderhauptstadt bekannt, doch Eintrittspreise von umgerechnet bis zu 65 Euro waren für die Arbeiterschaft unerschwinglich. In öffentlichen Volksbädern gab es für ein paar Heller ein paar Minuten lang warmes Wasser. Weil das von oben eher tröpfelte als brauste, nannte sie der Volksmund Tröpferlbäder.

Diese wurden nun modernisiert, viele neue gebaut. Die Stadt ließ Strand-, Sonnen- und Hallenbäder mit günstigen Eintrittspreisen errichten, auch solche eigens für Kinder. Fast zwei Dutzend Kinderfreibäder zum Planschen in reinem Hochquellwasser wurden angelegt. Ab 1926 waren Schwimmkurse obligatorisch; die Badebekleidung stellte die Stadt, auch damit nicht billige Stoffe das Wasser verfärbten.

Die Menge dankte – und zog an die Luft, ins Licht und ans Wasser. Bäderfotos zeigen Massen an glücklichen, sonnengebräunten Gestalten.

Denkmal für eine Demokratin

Das unbestrittene Juwel im Bäderprogramm war das Amalienbad. Allein sein Name hatte Symbolkraft. Nicht nach einer Erzherzogin war das luxuriöse Bad benannt, feixte die »Arbeiter-Zeitung« zur Eröffnung, sondern »nach dem Urbild der Proletarierin«, der 1924 verstorbenen Amalie Pölzer.

Amalie Pölzer (1871–1924) |

Das 1926 eröffnete Amalienbad in Wien wurde nach »der Maltschi«, der österreichischen Politikerin Amalie Pölzer, benannt. 

Weithin bekannt war sie als »Maltschi«, ebenso als »Bezirksmutter«, »Helferin« und »Trösterin«, wie sie die »Arbeiter-Zeitung« in einem Nachruf nannte. Ab den 1890er-Jahren hatte sie für Gleichstellung und Frauenrechte gekämpft, 1919 gehörte sie zur ersten Generation Frauen im Gemeinderat. Ihr Großvater war jener »Ziegelböhm« – ein damals geläufiger Begriff für die vorwiegend böhmischen Ziegelarbeiter –, der 1888 den Armenarzt und Journalisten Victor Adler (1852–1918) heimlich in eine Ziegelfabrik eingeschleust und damit die berühmte Reportage über die »Lage der Ziegelarbeiter« ermöglicht hatte, später berühmt geworden als die »Sklaven vom Wienerberg«. Im selben Jahr hob Adler jene SDAP aus der Taufe, die den Proletariern nun einen Bäderpalast hinstellte.

Ein Bad der Superlative

Bis heute wird darüber gestritten, ob in Krisenzeiten eher gespart oder investiert werden soll. Finanzstadtrat Breitner setzte auf Investitionen – und schuf in der schwierigen Nachkriegszeit Aufträge für Hunderte Wiener Handwerks- und Industriebetriebe und somit Tausende Jobs.

Nach nur drei Jahren Bauzeit überragte das schnörkellos gestaltete, zehn Stockwerke hohe Amalienbad mit seinem Uhrturm den weiten Hauptplatz des Arbeiterbezirks Favoriten. Den von ihren Tröpferlbädern nicht gerade Verwöhnten dürfte das auf 1300 Personen ausgelegte Bad wie eine Kathedrale erschienen sein. Alles war vom Feinsten: das helle Foyer, die gefliesten Umkleiden, Duschen und geschlechtergetrennte Saunen, ferner das Glasdach über der großen Schwimmhalle, das sich innerhalb weniger Minuten elegant öffnen ließ. Viel Ah und Oh rief die Kuranstalt mit ihren Moor-, Sole-, Gas- und elektrischen Bädern hervor, mit ihren Massageräumen und Friseuren. »Der gute Franz Joseph würde sich im Grabe umdrehen«, schrieb launig der Sozialpädagoge Louis Pink (1882–1955), ein Besucher aus New York, »könnte er die sozialistischen Handwerker, Facharbeiter und Arbeiter Wiens sehen, wie sie auf Liegen ruhen, in riesige Handtücher gehüllt – im Luxus eines Thermalbads, von dem man in der Hofburg nicht einmal zu träumen gewagt hätte«.

Tatsächlich stieß den Bürgerlichen die Pracht sauer auf. Noch 1933 ätzte die konservative »Reichspost«: »Auch Proletarier brauchen Bäder. Also baute man ihnen einen kostspieligen Badepalast, in dem sie sich gar nicht heimisch fühlen.« Diese Meinung spiegelten die Besucherzahlen indes nicht wider: Bereits elf Monate nach der Eröffnung entstand das Foto des millionsten Badegastes.

Nicht nur Glanz und Gloria

Tandlers Hygiene- und Fürsorgeprogramm zeigte Wirkung. Die Säuglingssterblichkeit halbierte sich zwischen 1919 und 1933 beinahe und war die niedrigste im Land. Die Tuberkulose-Sterbefälle gingen um drei Viertel zurück – von 50 auf 13 pro 10 000 Personen. 1910 verursachten Infektionskrankheiten noch ein Viertel aller Todesfälle: Mitte der 1930er waren es – ohne Antibiotika, die noch nicht zur Verfügung standen – 14 Prozent.

Flucht durchs Fenster |

Weil Nationalsozialisten mit Knüppeln bewaffnet den Eingang versperrten, flüchteten die Studierenden im Mai 1933 über die Fenster des Anatomischen Instituts.

Natürlich kam auch Kritik, sogar aus den eigenen Reihen. Wenig zimperlich verliefen etwa die Abnahmen der als »verwahrlost« eingestuften Kinder in die städtischen Kinderübernahmestellen und Heime. Einige von Tandlers Äußerungen sind zudem aus heutiger Sicht untragbar: Sie waren eindeutig eugenisch, wobei er das »lebensunwerte Leben« nicht beseitigen, sondern gleich durch voreheliche Beratung vermeiden wollte. Frauenrechtlerinnen beklagten auch – und belegten es eindrucksvoll mit einer empirischen Studie –, dass die Lebensrealität der Frauen wenig mit dem idealisierten Frauenleben zu tun hatte, wie es die Partei darstellte.

Der Untergang des Roten Wien

Als die Politprominenz am 8. Juli 1926 sich selbst und ihr Amalienbad feierte, zwei Tage später ein weiteres Freibad eröffnete, das Sportfest veranstaltete und 9000 Gemeindewohnungen an die Bevölkerung übergab – so viele wie in keinem anderen Jahr –, ahnte niemand: Das war bereits der Höhepunkt des Roten Wien und exakt die Halbzeit.

1927 kippte die politische Stimmung im Land. Im Juli setzten linke Demonstranten nach einem umstrittenen Urteil den Justizpalast in Brand. Die Polizei schoss, 89 Menschen starben. Ab 1929 führte die Weltwirtschaftskrise zu Auftragseinbrüchen und steigender Arbeitslosigkeit. Änderungen im Finanzausgleich machten die Kalkulationen Breitners zunichte.

Schwarz-braune Wolken zogen auf. Einflussreiche Netzwerke wollten die junge Demokratie zerschlagen, und die Universitäten waren ihre Brutstätten: Deutschnationale, antisemitische Agitatoren hatten ab den frühen 1920er-Jahren Juden, Linke und Frauen systematisch aus den Hochschulen gemobbt und sie immer öfter auch physisch attackiert.

Ein Foto aus dem Jahr 1933 zeigt Studierende, die während der Vorlesung des von den Nazis als »Juden Tandler« diffamierten Professors durchs Fenster fliehen, weil die Rechten mit Holzprügeln vor den Türen warteten. Viele, vor allem jüdische Intellektuelle, verließen wegen der ständigen Anfeindungen das Land – teils schon Jahre, bevor Hitler in Deutschland an die Macht kam. Breitner, der ebenfalls Jude war, gab nach jahrelangen Diffamierungskampagnen 1932 auf.

Was vom Roten Wien bleibt

Den Kampf um die Köpfe hatte das Rote Wien gewonnen: Bei der Gemeinderatswahl 1932 lag die SDAP mit 59 Prozent knapp unter ihrem Rekordergebnis von 1927. Die erstmals angetretenen Nationalsozialisten holten 17,4 Prozent; sie hatten die Stimmen den Christlichsozialen abgeluchst. Aber die rechten Kräfte dachten gar nicht daran, den Kulturkampf um die Köpfe mit fairen und freien Wahlen auszutragen. Sie gingen daran, Köpfe einzuschlagen.

Im März 1933 beendete Bundeskanzler Engelbert Dollfuß (1892–1934) per Staatsstreich die Erste Republik und verbot zunächst die Kommunistische, dann die Sozialdemokratische Partei. In Wien leistete man noch Widerstand. Doch mit den Februarkämpfen 1934 ging die Zeit der linken Parteien nach 15 Jahren blutig zu Ende.

Ihr Erbe blieb. Zahlreiche Bauten und Konzepte des Roten Wien prägen Wien bis heute. Und wer im harten Alltag ein bisschen Luxus braucht: Im Arbeiterbezirk Favoriten wartet noch immer ein wundersames Bad.

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  • Quellen
  • Cockett, R., Stadt der Ideen – Als Wien die moderne Welt erfand, 2024
  • Erker, L., Die Universität Wien im Austrofaschismus, 2022
  • McFarland, R. et al. (Hg.), Das Rote Wien, 2020
  • Schwarz, W. M. et al. (Hg.), Das Rote Wien 1919–1934, 2019
  • Stadt Wien, Das Rote Wien in Zahlen 1919–1934

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