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Hochwasserschutz

Überschwemmungen gegen den Untergang

Wie die Halligen im Wattenmeer mit unkonventionellen Maßnahmen vor dem Meeresspiegelanstieg gerettet werden könnten.
Hallig Langeneß in der Nordsee

Mittendrin im Wattenmeer, mitten im Frühling zur Hauptzeit des Vogelzugs auf der Hallig Hooge spürt man am besten, was für eine besondere Landschaft das ist: Wo man geht und steht, überall riecht es nach Meer, überall sind Vögel. Riesige Scharen von Ringelgänsen füllen auf den Salzwiesen ihr Fettdepot für den Flug in die arktischen Brutgebiete. Mehr als 10 000 sind es allein auf Hooge. Seeschwalben stürzen sich kopfüber in kleine Priele, die die Hallig wie Adern durchziehen. Und auf den Salzwiesen und im Watt suchen Rotschenkel, Austernfischer, Lachmöwen, Säbelschnäbler, Löffler, Brandgänse, Knutts und viele, viele andere nach Nahrung.

Die Tiere sind eindeutig in der Überzahl. Die Häuser der wenigen Menschen stehen in dieser weiten, windumtosten Landschaft auf Wohnhügeln, den Warften. Es braucht nicht lange, bis man sich so sehr auf die kleinen Dimensionen des Eilands eingestellt hat, dass man die größte Warft mit ihren gerade mal 15 Häusern ganz selbstverständlich als bedeutendes Halligzentrum wahrnimmt.

Salzwiese
Salzwiese | Der Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer (hier eine typische Salzwiese bei Wesselburenerkoog) zieht jährlich Millionen Besucher an. Viele interessieren sich für die seltenen, für Deutschland ungewöhnlichen Pflanzen, die dank des salzigen Untergrunds hier gedeihen.

Diese einzigartige Natur- und Kulturlandschaft ist in akuter Gefahr: Große Teile der Halligen liegen heute schon unter dem Meeresniveau. Der Meeresspiegel steigt. Jedes Jahr um ein paar Millimeter. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Wenn sich auch auf den Halligen nichts ändert, werden sie in wenigen Jahrzehnten abgesoffen sein – genau wie weite Teile des Wattenmeers.

Auf Hooge und den anderen Eilanden besteht bereits ein ausgeklügeltes Hochwasserschutzsystem, das bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Heute sorgen Sommerdeiche und hohe Deckwerke dafür, dass die Salzwiesen bei Sturmfluten nicht abbrechen und es erst bei stark erhöhten Wasserständen zur Überflutung kommt. Verschließbare Siele sorgen für die Entwässerung des Landes und verhindern das Eindringen von Meerwasser. Buhnen und Lahnungen sollen das Land vor starken Strömungen schützen. Eine Möglichkeit, die Halligen zu retten, wäre also der Ausbau des bestehenden Schutzsystems: Höhere Deiche und Deckwerke, mehr Buhnen und Lahnungen. Mehr oder weniger so, wie es seit vielen Jahrzehnten gemacht wird.

»Die Halligen haben sich jahrhundertelang an den steigenden Meeresspiegel angepasst«(Jannes Fröhlich)

Einen anderen Weg zeigt eine Studie auf, die der World Wide Fund for Nature (WWF Deutschland) in diesen Tagen veröffentlicht hat. (»Land unter im Wattenmeer. Auswirkungen des Meeresspiegelanstiegs auf die Natur der Halligen und Möglichkeiten zur Anpassung« (pdf)). Dieser Weg dürfte kontrovers diskutiert werden. Denn als bester Schutz gegen den steigenden Meeresspiegel werden ausgerechnet häufigere Überschwemmungen empfohlen: »Die Halligen haben sich jahrhundertelang an den steigenden Meeresspiegel angepasst«, sagt Jannes Fröhlich. Der Umweltwissenschaftler ist Mitautor der Studie. Tatsächlich wachsen zum Beispiel Hooge und Langeneß jährlich immer noch 1 bis 2 Millimeter in die Höhe. Das reicht aber nicht aus, um den Meerwasseranstieg zu kompensieren, der in den vergangenen Jahren bei durchschnittlich 4,1 Millimeter im Jahr lag. »Das Höhenwachstum kommt dadurch zu Stande, dass bei jedem Land-unter-Ereignis Sand und Schlick auf die Halligen gespült werden und sich dort ablagern können«, erlärt Fröhlich. Durch das gut funktionierende Deich- und Sielsystem werden die Halligen heute ausreichend geschützt, aber nur noch ein paar Mal im Jahr überflutet. Zu wenig, um mit dem schneller werdenden Meeresspiegelanstieg mitzuhalten.

Mehr Überflutungen zulassen

Die Studie empfiehlt, in Zukunft wieder mehr Überflutungen zuzulassen. Ein Ansatzpunkt sollen die Siele sein, die bislang automatisch schließen, wenn das Wasser von der Wattseite her steigt. »Durch einen Umbau der Siele könnte man die Überschwemmungen in Zukunft anders steuern«, erläutert Fröhlich. Bei steigendem Wasser könnten die Sieltore hin und wieder offen bleiben, so dass Meerwasser auf die Hallig strömen kann. Vor allem im Herbst und Winter könnten Überflutungen häufiger zugelassen werden. Im Frühling und Sommer, wenn das Vieh auf den Weiden steht und die Brutvögel ihren Nachwuchs aufziehen, soll das Wasser wie bisher abgehalten werden.

Bleiben die Sieltore auch nach einer Überflutung länger geschlossen, steht das Meerwasser länger auf der Hallig und es kann sich mehr Sediment ablagern. Dass das tatsächlich funktionieren könnte, zeigte ein Pilotversuch im Forschungsprojekt »Zukunft Hallig«. Auf Langeneß wurden im Winterhalbjahr 2013/2014 die Sieltore einer Anlage zweimal für je drei Tage offen gehalten und die Sedimente im Halligpriel gemessen. Das Ergebnis: Die Sedimentfracht, die in den Halligpriel einströmt, war auch bei durchschnittlichen Fluten höher, als sie für ein Mitaufwachsen der Salzwiesen sein müsste.

Hallig Langeneß in der Nordsee
Hallig Langeneß | Halligen sind kleine, nicht oder nur wenig geschützte Marschinseln vor den Küsten, die bei Sturmfluten überschwemmt werden können – nur die Warften bleiben dann trocken. Dort leben Mensch und Tier. Viele Häuser haben eigene Schutzräume unter dem Dach, der den Bewohnern im Notfall das Überleben sichern soll. Langeneß ist Deutschlands größte Hallig, auf der rund 100 Menschen leben.

Eine andere Empfehlung betrifft die Landwirtschaft. Denn auch die Nutzung der Halligflächen hat Einfluss darauf, wie stark das Land durch Überschwemmungen wachsen kann oder eben nicht. So bleibt auf brach liegenden Flächen mit hoher Vegetation deutlich mehr Sediment hängen als auf kurz gemähten Weiden. Weidende Kühe können außerdem den Boden verdichten und so ein größeres Höhenwachstum verhindern. Wer die Halligen retten will, muss also auch darüber nachdenken, die Landwirtschaft in Zukunft zumindest anzupassen.

Küstenschutz wird noch aufwändiger

Egal welche Maßnahmen zum Einsatz kommen werden, der Küstenschutz auf den Halligen wird in Zukunft noch aufwändiger. Und einige der neuen Vorschläge sind für die Halligbewohner mit Einschränkungen verbunden: »Überflutungen sind lästig, aber notwendig. Wenn es wieder häufiger Land unter gibt, können sich die Menschen auf der Hallig während solcher Ereignisse nicht frei bewegen«, gibt Jannes Fröhlich zu bedenken. Eine Möglichkeit, die Belastung für die Bevölkerung so gering wie möglich zu halten, wäre laut WWF-Studie langfristig die Erhöhung von besonders tiefliegenden Halligstraßen. Nach einer Überflutung könnten die Menschen dann die Wege schneller wieder nutzen.

Und auch die Anpassung der Landnutzung – zum Beispiel durch eine gezielte Förderung von Brachen – wäre mit Einbußen für die Landwirte verbunden, die irgendwie kompensiert werden müssten. Aber gibt es eine Alternative? Ein weiter so wie bisher, mit immer höheren Sommerdeichen und stärkeren Deckwerken, kommt für Jannes Fröhlich und die anderen Autoren der Studie jedenfalls nicht in Frage: Zum einen würde auch der Ausbau der Deiche viel Geld kosten. Zum anderen ginge dadurch der besondere Halligcharakter verloren, der die Eilande so einzigartig und besonders schützenswert macht. »Durch höhere Deiche würden die Halligen auch weiterhin zu selten überflutet. Die Salzwiesen würden dann vermutlich komplett verschwinden, die Halligen zu normalen Inseln werden«, vermutet Fröhlich. Schon jetzt sind die Salzwiesen der großen Halligen nicht mehr salzig genug. Weil nur noch selten Salzwasser auf die Flächen kommt, geht die typische Salzwiesenflora zurück, mit negativen Auswirkungen für diese Pflanzen, aber auch für Rotschenkel, Austernfischer, Ringelgänse und andere Arten, die Salzwiesen als Lebensraum brauchen.

Dilemma für Naturschützer

Selbst wenn in Zukunft die Sieltore steuerbar sind und die Landwirtschaft verändert wird, braucht es noch eine weitere wichtige Zutat, um die Halligen zu retten. Das größte Problem für das gesamte Wattenmeer: Wegen des steigenden Meeresspiegels reicht das Sediment schlicht nicht mehr aus, um Wattflächen ausreichend mitwachsen zu lassen. »Wenn der Meeresspiegel künftig schneller steigt und wir das Wattenmeer als Ganzes erhalten wollen, braucht es zusätzliches Sediment von außerhalb«, so Fröhlich. Für Naturschützer ist das eine schwierige Erkenntnis: Das Wattenmeer ist Weltnaturerbe und streng geschützte Nationalparkfläche, in der der Grundsatz gilt, Natur Natur sein zu lassen. In dieses System von außen einzugreifen, ist eigentlich tabu. Andererseits ist aber auch der steigende Meeresspiegel menschengemacht. Der Eingriff würde also nur dazu dienen, die schlimmsten Zerstörungen so gut es geht zu lindern.

»Sandaufspülungen sind eine Option«, sagt Fröhlich. Auch die Zukunftsstrategie des Landes Schleswig-Holsteins für das Wattenmeer (»Strategie für das Wattenmeer 2100«), die vom WWF mitentwickelt wurde, sieht Sandaufspülungen als wichtigste Maßnahme vor. Demnach sollen in Zukunft neue Sandentnahmestellen außerhalb des Wattenmeeres erschlossen werden. Die Verteilung des Sediments soll dann auf möglichst natürlichem Weg erfolgen: »Wenn man das Sediment am Rand des Wattenmeers vor den großen Strömungsrinnen ausbringt, könnte es durch die Strömung ins Wattenmeer getragen und dort verteilt werden«, sagt Fröhlich. Solche zentralen Sanddepots wären für die Natur vermutlich der geringste Eingriff und wären zudem bedeutend günstiger, als den Sand an die vielen verschiedenen Stellen zu bringen, wo er benötigt wird. Um einzelne Küstenabschnitte gezielt zu schützen, sind aber auch lokale Sandaufspülungen angedacht.

Wo möglich, sollen die Sandaufspülungen Alternativen zum klassischen Hochwasserschutz mit harten Uferbefestigungen sein. Insgesamt sieht auch die Landesstrategie einen Paradigmenwechsel vor – weg von starren technischen Bauwerken: »Auf jeden Fall ist der Einsatz von Sediment geeignet, den ökologischen Belangen des Naturraums Wattenmeer besser gerecht zu werden als starre technische Bauweisen. Deshalb sollten sie dort wo möglich stets als Option geprüft werden«, heißt es in dem Papier.

Aufgespülter Sand als Hochwasserschutz

Das Prinzip eines insgesamt »weicheren« Hochwasserschutzes findet sich auch in der Halligstudie des WWF wieder. Als Ausblick wird einer heutigen Hallig eine Musterhallig aus dem Jahr 2030 gegenübergestellt: Die Deckwerke sind begrünt und teilweise abgesenkt. Anders als heute könnten sie so auch einen gewissen ökologischen Wert bekommen und ermöglichen zumindest öfter die Versorgung der Salzwiesen mit Meerwasser. Sieltore lassen sich steuern, und vor allem auf der strömungsärmeren Halligseite hat sich viel verändert. Statt die Ufer immer weiter zu befestigen und die Deiche zu erhöhen, dient aufgespülter Sand als Hochwasserschutz. Vor dem Sommerdeich entsteht so ein neues Vorland mit Salzwiesen, Sandinseln und -bänken, die Lebensraum für eine Vielzahl von Arten bieten.

Bis es wirklich so weit kommt, dürfte allerdings noch einige Überzeugungsarbeit nötig sein. Das zeigt schon ein aktuelles Beispiel von der Festlandküste. Bei der Stadt Husum steht der Ausbau des bestehenden Deichsystems an. Der WWF hat die Entscheidungsfindung in der Gemeinde von Anfang an begleitet und selbst einen außergewöhnlichen Vorschlag mit eingebracht: »Wir haben dafür geworben, die bestehende Deichlinie zu verändern und einen weiter landeinwärts liegenden Deich zu verstärken. Dadurch würde eine dynamische Landschaft mit Wattflächen und Salzwiesen entstehen, die als zusätzlicher Puffer gegen Sturmfluten funktioniert und auch touristisch interessant ist«, meint Jannes Fröhlich. Ein geplantes Hotel sollte auf einer Warft direkt am Wasser entstehen – eine Art Miniaturhallig also. Am Ende haben sich die Lokalpolitiker mehrheitlich dann doch wieder für eine konventionelle Lösung unter Beibehaltung der bisherigen Deichlinie entschieden. »Aber es ist schon bemerkenswert, dass viele Menschen vor Ort in der Halligvariante eine spannende Alternative sahen«, freut sich Fröhlich.

Das mehr als 100 Jahre alte Küstenschutzsystem auf den Halligen von Grund auf zu verändern, geht offensichtlich nur in kleinen Schritten. Aber die werden mittlerweile gegangen: Bei Küstenschutzarbeiten auf den Halligen muss nachgewiesen werden, dass die Salzwiesen darunter nicht leiden. »Zum Erhalt der Salzwiesen wird mittlerweile zum Beispiel vorgeschlagen, die Sieltore nach einer Überschwemmung länger geschlossen zu halten, damit mehr Salz auf den Wiesen bleibt«, sagt Fröhlich. Ansonsten glaubt er an die Überzeugungskraft kleinerer Modellvorhaben und ist zuversichtlich, dass die Halligbewohner und die Entscheidungsträger auch neue Wege ausprobieren werden.

27/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 27/2018

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