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Aggressionsforschung: Das Wunder des Ärgerns

Aggression genießt keinen guten Leumund. Doch wer sich zum richtigen Zeitpunkt richtig in Rage bringt, kann seine Leistungsfähigkeit steigern.
Wir befinden uns im Körper von Herrn Soost. Herr Soost sitzt in einer Kneipe. Die Leber arbeitet gut, die anderen Organe räkeln sich in der Gegend herum.
Da plötzlich meldet sich das Ohr:
"Ohr an Großhirn, Ohr an Großhirn: Habe soeben das Wort 'Saufkopf' entgegennehmen müssen." ...


Was folgt – das "Wunder des Ärgerns" – hat wohl kaum jemand so treffend beschrieben wie Otto Waalkes. Aber warum ärgern wir uns überhaupt? Hat dieses doch sehr unangenehme und auch der Gesundheit eher abträgliche Gefühl überhaupt einen Sinn?

Klar, als der Mensch noch auf Bäumen hauste, war ein gehöriger Schuss Aggression gegenüber dem lästigen Artgenossen, der mal wieder versucht, das beste Futter wegzuschnappen oder – noch schlimmer – das fügsame Weibchen auszuspannen, sicherlich hilfreich, um den eigenen Genen eine bessere Chance in der großen Lotterie der Evolution zu vermachen. Doch diese Zeiten sind längst vorbei. Wir sind jetzt zivilisiert; für aggressives Verhalten besteht kein Bedarf mehr.

Oder etwa doch? Könnte eine kleine Spur Wut im Bauch vielleicht auch mal ganz nützlich sein? Etwa, wenn es gilt, sich auf eine unangenehme Besprechung mit dem Chef vorzubereiten?

Diesen Verdacht hegte die Psychologin Maya Tamir vom Boston College. In ihrem Auftrag durften sich 82 Studenten am Computer amüsieren – und zwar einerseits mit dem harmlosen Spiel "Diner Dash", bei dem es darum geht, Restaurantgäste möglichst schnell zu bedienen und dabei möglichst viel Trinkgeld einzukassieren, andererseits mit dem weniger harmlosen (und in Deutschland nur in einer stark zensierten Form zugelassenen) Vergnügen namens "Soldier of Fortune", das auf das massenhafte Abschlachten feindlicher Elemente abzielt.

Nachdem sie einem Spiel zugeteilt waren, sollten sich die Spieler mental auf das Kommende vorbereiten. Dabei hatten sie die Wahl, entweder sehr schöne oder ziemlich unangenehme Erlebnisse ins Gedächtnis zu rufen, um so in eine entspannte oder aggressionsgeladene Stimmung zu geraten. Das Hören entsprechender Musikstücke beruhigte zusätzlich die Probanden oder brachte sie so richtig in Fahrt.

Und was war den Computerspielern lieber? Die Diner-Dasher wählten erwartungsgemäß die angenehm entspannte Variante. Doch die Ego-Shooter zogen es vor, sich vor dem Spiel erst einmal kräftig zu ärgern.

Und zwar mit Erfolg!
"Das Erleben negativer Gefühle kann in manchen Situationen vorteilhaft sein"
(Maya Tamir et al.)
In einer zweiten Versuchsreihe schickten Tamir und Co ihre Computerspieler aus den unterschiedlichen Vorbereitungsgruppen zufällig verteilt erneut ins Rennen. Tatsächlich ballerten die Ballermänner in aggressiver Gemütsverfassung mehr virtuelle Feinde ab als die fröhlich eingestimmten. Beim "Diner Dash" machten die Zornigen allerdings keinen besseren Schnitt.

Heißt demnach die Devise: Mit Wut zum Erfolg? Es kommt drauf an, lautet die übliche Antwort. "Unsere Ergebnisse zeigen, dass das Erleben negativer Gefühle in manchen Situationen vorteilhaft sein kann", verklausulieren die Forscher ihre Schlussfolgerungen.

Grämen Sie sich also ruhig ab und zu mal! Aber nicht zu lange, und kommen Sie auch irgendwann wieder herunter – so wie Herr Soost:

"Großhirn an alle: Ärger langsam eindämmen! Adrenalin-Zufuhr stoppen! Blutdruck langsam senken! Fertig machen zum Händeschütteln oder Schulterklopfen!
Großhirn an Zunge: Zwei Bier bestellen! Eins für den Herrn gegenüber und eins für die Leber."
01.04.2008

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 01.04.2008

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