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Sir David Attenborough: Die Stimme der Natur wird 100

Mit Dokus wie »Life on Earth« und seiner sanften Stimme hat Sir David Attenborough Generationen zum Staunen gebracht. Sein Weggefährte Robyn Williams erzählt von Begegnungen, die den Menschen hinter der globalen Ikone zeigen. Ein besonderes Porträt zu seinem 100. Geburtstag.
Dvid Attenborough schaut durch ein antikes Teleskop in einem traditionell eingerichteten Raum. Im Hintergrund sind eine Lampe und ein Kamin zu sehen. Die Szene vermittelt einen Eindruck von Neugier und Entdeckung.
Seit Jahrzehnten reist Sir David Attenborough in die entlegensten Winkel der Erde – mit wachem Blick fürs Detail, kindlicher Neugier und unerschütterlicher Leidenschaft für die Natur. Der Pionier des Naturfilms wird am 08.05.2026 100 Jahre alt.

Zu Beginn war er schlicht jemand, der über Wissenschaft sprach – im Fernsehen, im Radio, auf Festivals. Leise, zuverlässig, freundlich, hilfsbereit. Kaum jemand hätte geahnt, dass sein Name eines Tages weltweit bekannt und bewundert sein würde. Und dabei betonte David Attenborough stets, er sei kein Wissenschaftler, nur ein Journalist.

Was aber macht seinen Namen trotzdem so vertraut wie die von Goodall, Sagan oder Cousteau? Wann wurde der Pionier des Naturfilms nicht nur verehrt, sondern so präsent und unverwechselbar, dass man ihn sogar parodierte?

Viele würden sagen, der Wendepunkt kam 1979, als die mit Spannung erwartete Serie »Life on Earth« auf Sendung ging. Die BBC schickte dafür Kamerateams und Forscher auf alle sieben Kontinente. Sie stiegen in Heißluftballons auf und tauchten in Mini-U-Booten in die Tiefsee. Im Mittelpunkt stand immer: David Attenborough.

Würde sich dieser enorme Aufwand lohnen? Das fragte ich David damals, vor mehr als 45 Jahren, als ich ihn für einen kurzen ABC‑Beitrag in einem Park in Sydney zum ersten Mal interviewte. Ja, sagte er, es sei ein monumentales und sehr teures Unterfangen. Aber wenn die Arbeit herausragend sei, würden Sender weltweit sie kaufen. Dann rechne sich die Investition. Pro Sendestunde entspreche der Aufwand dem eines ambitionierten Films. Und das Projekt diene der Öffentlichkeit, weil es die fesselnde Komplexität der Natur so zeige wie nie zuvor.

David Attenborough und Robyn Williams | Der Wissenschaftsjournalist und Autor dieses Porträts Robyn Williams (rechts) begegnete David Attenborough erstmals vor 45 Jahren in einem Park in Sydney zu einem Interview – der Auftakt einer langen Verbindung. Seit 1975 moderiert Williams die »Science Show« bei ABC Radio National, eine der ältesten Wissenschaftssendungen der Welt. Attenborough war dort schon mehrfach zu Gast.

Wurzeln eines Naturforschers

David Attenborough wuchs im englischen Leicester auf. Als ich zu einem Wissenschaftsfestival dort hinreiste, reagierten meine Kolleginnen und Kollegen bei der ABC mit Stirnrunzeln. Leicester? Wirklich? »Vertraut mir«, sagte ich. Schon am ersten Abend saß ich beim Konferenzdinner neben zwei Fremden, die sich als Sir Alec Jeffreys, Erfinder des DNA‑Fingerabdrucks, und Sir Paul Nurse, Nobelpreisträger und späterer Präsident der Royal Society, entpuppten. Leicester war alles andere als provinziell.

Davids enge Bindung zu Wissenschaft und Bildung zeigte sich bereits früh: Sein Vater leitete das Lehrerseminar, aus dem später die University of Leicester hervorging, und vermittelte der Familie, wie wichtig es ist, dem Gemeinwohl zu dienen.

Davids Bruder Richard, oft mit ihm verwechselt, wurde Filmstar. Zunächst spielte er einfache Soldaten und »gute Kerle«, später führte er Regie beim oscarprämierten »Gandhi« und blieb als Milliardär und Schöpfer des »Jurassic Park« unvergessen. Nur ein paar Stationen seiner langen, bemerkenswerten Karriere. Später, als Lord Attenborough, widmete sich Richard Bildungsprojekten für junge Menschen. Ohne Zweifel: Engagement für Bildung war fest in der Familie verankert.

Über den jüngsten Bruder, John Attenborough, weiß ich wenig. Doch ich frage mich, wie er sich als Leiter der Rolls‑Royce‑Sparte von Mann Egerton in London wohlgefühlt haben mag, umgeben von zwei Superstars als Brüder.

David zeigte schon als Junge Unternehmergeist. Er besaß ein kleines Museum für Fossilien und Muscheln. In der Schule hörte er von einer Biologielehrerin, die gern Molche erwerben wollte. Er kannte einen Teich, der davon wimmelte, und sammelte einige ein. Die Lehrkräfte zahlten mehrere Schilling pro Tier. Jahre später gestand David, der Teich hätte sich direkt vor dem Fenster der Lehrerin befunden. Er hoffte inständig, dass sie ihn nicht dabei beobachtet hatte, wie er die Tiere händeweise herausfischte.

David war ein guter Schüler und erhielt einen Studienplatz am Clare College in Cambridge, um Naturwissenschaften zu studieren. Doch wie sollte er nach Abschluss sein frisch erworbenes Wissen anwenden? Sein erster Job im Verlagswesen frustrierte ihn bald. Er war es gewohnt, draußen unterwegs zu sein, nicht, Manuskripte auf Zeichensetzung und unbeholfene Formulierungen zu prüfen.

Von den ersten TV‑Schritten zum Pionier des Tierfilms

1950 stieß David auf eine Anzeige für die Produzentenausbildung bei der BBC in London. Ohne genau zu wissen, wohin das führen würde, bewarb er sich. Man schlug vor, ihn im neuen Medium Fernsehen zu testen. Damals war Radio noch das Leitmedium. Fernsehen galt als vorübergehende Spielerei.

»Als Interviewer soll er nicht wieder eingesetzt werden. Seine Zähne sind zu groß«

Jahre später entdeckte er eine Aktennotiz zu seinem Kameratest. »David Attenborough ist intelligent und vielversprechend und könnte als Produzent infrage kommen, aber als Interviewer soll er nicht wieder eingesetzt werden. Seine Zähne sind zu groß.« Eine treffende Kostprobe davon, wie man ihn empfing.

Ja, so beginnen Karrieren: die Wagnisse, die man eingeht; die Entscheidungen, die man fast blind trifft. David erhielt eine Stelle in der Talks‑Abteilung der BBC. Dort traf er bald eine Schlüsselfigur für seinen weiteren Weg: Sir Julian Huxley. Ein beeindruckender Mentor, der fest entschlossen war, Naturkunde im Programm zu etablieren, und Vordenker für das, was später die UNESCO wurde. David war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Das war nicht bloß Glück. Wie Pasteur sagte: »Der Zufall begünstigt den vorbereiteten Geist.«

Der Zufall spielte erneut mit, als in der Sendung »Zoo Quest« eine Stelle frei wurde. Das Format verlangte Erfahrung im Feld. David lernte schnell, wie man Reisen in Regionen plante, wo kein Tier bereitwillig darauf wartet, vor der Kamera die drei Fs zu zeigen, wie er es nannte: »Feeding, fighting and … the other one.«

An dieser Stelle befindet sich eine Bildergalerie, die gedruckt leider nicht dargestellt werden kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis.

Aus meiner Zusammenarbeit mit diesem gelassenen, freundlichen Kollegen weiß ich: Draußen muss man vorbereitet und professionell sein. »Lass uns einfach improvisieren« gab es bei ihm nicht. Zuerst braucht man Fachleute, die Land und Tiere kennen. Dann legt man fest, wie viel Zeit realistisch zum Filmen bleibt. Gorillas können gefährlich sein, Paradiesvögel schwer zu fassen. Das Team kann sich verletzen. Das alles hatte er im Blick.

Die Technik entwickelte sich stetig weiter, und David liebte Innovationen. Ein Lieblingsstück war ein australisches Objektiv, das ihn bei der Moderation in Nahaufnahme zeigte, während Vogel oder Biene im Hintergrund scharf blieben. Oft lobte er den Einfallsreichtum der Tüftlerinnen und Tüftler, die solche Geräte entwickelten. So entging der Kamera kein intimes Detail des Tierlebens.

David lernte schnell, wie man Reisen in Regionen plant, wo kein Tier bereitwillig darauf wartet, vor der Kamera die drei Fs zu zeigen, wie er es nannte: »Feeding, fighting and … the other one«

Vom BBC‑Management zur Naturdoku »Life on Earth«

Nach Jahren vor der Kamera und am Mikrofon schlug David 1965 eine überraschende Richtung ein: Mit 39 Jahren übernahm er die Leitung von BBC Two und wechselte so von der Natur ins Management. Dort setzte er auf ein experimentelleres Programm. Sogar »Monty Python« fand dort Platz.

Nachdem er mit eigenen Reihen Maßstäbe gesetzt hatte, wollte er anderen den Raum geben, noch weiterzugehen. Zu den ersten Großprojekten zählten »Civilisation« mit Kenneth Clark, eine Serie über westliche Kunst und Kultur, und später »The Ascent of Man« mit Jacob Bronowski, ein Panorama von Wissenschaft und menschlichem Fortschritt. Beide Serien liefen hervorragend und wurden zu Klassikern.

Nach diesen Erfolgen schien nur noch ein Ziel logisch: die Spitze der BBC. Ihm wurde der Posten des Generaldirektors angeboten. David rief seinen Bruder Richard an und gestand, dass er keine Lust darauf hatte. Er sei für die Wildnis gemacht, nicht fürs Büro.

Er tauchte tief in den Alltag isolierter Gemeinschaften ein und filmte auf den Salomonen sogar nur mit Lendenschurz

Also kehrte er Anfang der 1970er-Jahre als Vollzeit-Filmemacher zurück und arbeitete eng mit der Natural History Unit der BBC in Bristol zusammen. David Attenborough ging wieder in die Wildnis und führte ein Leben als Entdecker. Er schuf eine Reihe von Sendungen über entlegene Gemeinschaften, die teils so isoliert lebten, dass sie vor seiner Ankunft wohl keinen Kontakt zu Europäern hatten. Er tauchte tief in ihren Alltag ein und filmte auf den Salomonen sogar nur mit Lendenschurz.

Dann entwickelte er sein bis dahin ehrgeizigstes Projekt, »Life on Earth«. Drei Jahre dauerte die Großproduktion, die Crew filmte an mehr als 100 Orten weltweit. Die Serie wurde ein gewaltiger Erfolg, Sender weltweit übernahmen sie. Nur das US‑Fernsehen zögerte zunächst, weil man fürchtete, das Publikum könne Davids ausgeprägt britischen Akzent nicht mögen. Es wurde ein anderer Moderator vorgeschlagen; Robert Redford schien ideal. Doch die BBC lehnte ab. Am Ende blieb David der Gastgeber, wie in allen anderen Ländern. Das US-Publikum hatte offenbar doch kein Problem mit dem gepflegten Englisch. Übrigens wurden auch die Zähne nicht beanstandet.

Mit »Life on Earth« schuf Attenborough ein Werk, das bis heute Maßstäbe für Qualität im Naturfilm setzt und eine Generation von Dokumentarfilmerinnen und Dokumentarfilmern prägte. Was folgte nach so vielen Triumphen? Serien und Filme über große Themen: Säugetiere, Vögel, Eis, Meer. Auch die begleitenden Bücher wurden Bestseller.

Seine Reisen führten ihn oft in meine Heimat. Australien wuchs ihm ans Herz, besonders das Great Barrier Reef. Bei einem Besuch scherzte er, die Australier seien schuld an seinem leicht o‑beinigen Gang. Auf der Lord‑Howe‑Insel, einem Welterbe vor der Ostküste, wagte er sich den steilen Berg hinauf, um die Vögel auf dem Gipfel zu sehen. Sie waren so neugierig auf Menschen, dass ein Klatschen genügte, und schon umringten sie einen. Er erreichte den Gipfel und liebte den Ausblick. Doch sein Knie war danach nicht mehr ganz das alte, erzählte er mir lachend.

Manchmal stritten wir spielerisch über australische Vögel. »Sie kreischen alle«, behauptete er. Die »kleinen, braunen Viecher« in Nordeuropa, sagte er, machten ihr schlichtes Federkleid durch Gesang wett, so wie Nachtigallen oder Amseln. »Eure sind nur laut, weil sie so prächtig aussehen.« Ich konterte: »Hast du schon einmal Leierschwänze oder Würger gehört? Ihre Gesänge sind so großartig, dass Komponisten sie in Oratorien verwenden.«

Attenboroughs Engagement für Wissenschaft und Klima

1992 übernahmen wir beide eine verantwortungsvolle Aufgabe: David wurde Vorsitzender der British Science Association in Southampton, ich wurde Vorsitzender der Australian and New Zealand Association for the Advancement of Science in Brisbane. Als Präsidenten stimmten wir unsere Reden ab, zumal sowohl BBC als auch ABC, unsere jeweiligen Sender, erneut unter Druck standen. Schwere Kürzungen drohten. Die ABC verlor ihre Natural History Unit, obwohl wir mit »The Nature of Australia« an »Life on Earth« angeknüpft hatten. David, stets diplomatisch, fand meine Ansprache »pointierter«. In der hitzigen Debatte erzielten wir beide Wirkung. Die Wissenschaftssendungen überlebten, allerdings nur knapp.

Später änderte sich Davids Rolle, nicht aber seine Nähe zum Publikum. Zwei Geschichten zeigen das.

Viele Forscher, alarmiert von den düsteren Erkenntnissen zum Klimawandel, fragten sich, warum David Attenborough nicht deutlicher vor den Gefahren für Korallenriffe und Regenwälder warnte, die er so liebte. Wann würde er sich jenen anschließen, die – darunter Sir Philip Campbell, damals Chefredakteur von »Nature« – forderten, auf künstliche Ausgewogenheit in der Berichterstattung zu verzichten? Die Evidenz war eindeutig. Der Klimawandel bedrohte die Stabilität der Erde in monumentalem Ausmaß. Später fragte ich ihn, was ihn schließlich zum Umdenken bewegte. Warum entschied sich Sir David Attenborough, unmissverständlich Stellung zu beziehen? Er sagte, es sei auf einer Konferenz gewesen, als die Messreihen präsentiert wurden. Ja, der Treibhauseffekt war schon 1856 von Eunice Foote beschrieben worden. Doch nun zeigten moderne Studien alle in dieselbe Richtung. Als Journalist, nicht bloß als Aktivist, blieb ihm keine Wahl. Seither spricht er mit klarer Stimme. Seine Liebe zu Landschaften und Meeren verpflichte ihn, sich zu Wort zu melden. Mit 99 Jahren stellte er 2025 seinen Film »Oceans« vor, in dem er eindringlich zeigte, wie dringend wir das Meer schützen müssen.

Attenborough und der Umweltschutz | Am 1. November 2021 sprach Sir David Attenborough bei der Eröffnung der UN-Klimakonferenz COP26 in Glasgow und mahnte eindringlich vor den Folgen des Klimawandels: »Steht das Ende unserer Geschichte bevor? Die Geschichte der klügsten Spezies, die daran scheiterte, das große Ganze zu erkennen?«

Die zweite Geschichte handelt von seiner unermüdlichen Hingabe an sein Publikum. Ich weiß nicht, wie er das schafft. Eines Tages klopfte meine Nachbarin in Sydney an meine Tür. Sie hatte gehört, dass ich ins Australian Museum fahren würde, wo David einen Preis für sein Lebenswerk erhalten sollte. Ob ich einen Brief ihres Sohnes, eines Reptilien- und Amphibienexperten aus Darwin, mitnehmen könne? Es ginge um eine Frage zu einem seltenen Relikt. Widerstrebend nahm ich den Brief mit, ahnend, wie chaotisch das voll besetzte Mittagessen werden würde. Selbst Minister und Rektorinnen kletterten über Tische, um David nahe zu sein.

Noch vor den Reden drückte ich den Zettel Davids Tochter Susan in die Hand, da sie seine Angelegenheiten regelt. Wenigstens konnte ich sagen, ich hätte ihn überreicht.

Zwei Wochen später lag ein Brief auf meinem Schreibtisch bei der ABC. Auf dem Umschlag erkannte ich die vertraute blaue Tinte seines Füllers, Davids Markenzeichen. Darin zwei Seiten mit Antworten auf die Fragen des Unbekannten. David hatte sich, wie immer, die Mühe gemacht und getan, was er als öffentliche Pflicht ansah. Eine solche Hingabe! Meine Nachbarin war außer sich vor Freude, ihr Sohn ebenso.

Meine letzte Begegnung mit David fand in der Eingangshalle der ABC in Sydney statt. Ohne viel Aufhebens war er mit dem Bus zu uns gekommen und spazierte herein. Wir umarmten uns. Ich sagte: »So schön, dich wiederzusehen. Ist dir klar, dass wir zusammen inzwischen 100 Jahre Wissenschaftsberichterstattung auf dem Buckel haben?«

»Nun«, grinste er, »dann gehen wohl 20 auf dein Konto.«

Eine typische scharfe Pointe. Niemals sollte man ihn unterschätzen. Happy Birthday, David!

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