Demografie: Bekommen Scheidungskinder weniger Nachwuchs?

In den Niederlanden bekommen Kinder geschiedener Eltern im Erwachsenenalter seltener Nachwuchs. Zu diesem Ergebnis kommt eine umfangreiche Studie, die im Fachjournal »Demography« erschienen ist und das Leben der in den 1970er-Jahren geborenen Generation begleitet hat. Demnach führte eine elterliche Trennung bei Männern zu rund 13 Prozent weniger Kindern, bei Frauen zu etwa fünf Prozent weniger. Auffällig ist auch, dass bei dieser Gruppe ein größerer Anteil später komplett kinderlos blieb. Als mögliche Erklärung nennen die Forschenden, dass Scheidungskinder generell kürzere und weniger stabile Partnerschaften eingehen.
»Die Studie ist methodisch überzeugend und wissenschaftlich relevant«, sagt Martin Bujard, Forschungsdirektor Familie und Fertilität am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, der nicht an der niederländischen Arbeit beteiligt war. Ob sich die niederländischen Ergebnisse allerdings auf Deutschland übertragen ließen, sei ungewiss. Die Zahl der Nachkommen werde von einer Vielzahl sozialer, wirtschaftlicher und kultureller Faktoren geprägt, die selbst innerhalb Europas erheblich variieren.
»Es gibt mehrere zentrale Ursachen für die niedrigen Geburtenraten«, erklärt Bujard. »Die erschwerte Vereinbarkeit von Beruf und Familie und die fehlende verlässliche Kinderbetreuung. Dazu kommen Arbeitsmärkte, die auf Eltern wenig Rücksicht nehmen. Eine weitere Ursache ist teurer Wohnraum – und zudem seit einigen Jahren die Unsicherheit wegen multipler Krisen.«
Zudem erfassen die Daten der Studie nicht, wie sich Trennungen unverheirateter Paare auf deren Kinder auswirken. Entscheidend sei ohnehin weniger die Scheidung an sich als die Art der Trennung, betont Bujard: Pflegen die Eltern ein gutes Verhältnis oder ist der Prozess von langwierigen Konflikten geprägt? Vor diesem Hintergrund eigne sich die elterliche Trennung nicht als alleinige Erklärung für die niedrigen Geburtenraten. Doch die Studie eröffnet dem Forschungsbereich eine bislang wenig beachtete Perspektive.
Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.