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Wahrnehmung: Den Bogen raus

Wer sichtbar machen will, wie unser Gehirn arbeitet, der braucht schnelle und gute Aufzeichnungsverfahren - doch die sind oft aufwändig und teuer. Manchmal, so zeigt sich aber, reichen auch ein paar simple Tricks.
Experiment
Kennen Sie den Effekt, dass Sie drei Buchstaben gelesen haben und sofort meinen zu wissen, was danach noch kommt? Als ob Ihr Gehirn einfach den Rest ergänzt, den Sie nur noch überfliegen? Erst am Ende des Satzes fällt dann manchmal auf, dass das Zusammengereimte wohl doch nicht richtig war – und die Augen wandern noch einmal zurück in die Zeile darüber.

Demnach, so scheint es, schiebt unser Gehirn seine grundlegenden Informationen von der Außenwelt in ständigem Fluss weiter in die höheren, verarbeitenden Regionen, wo es sich dann aus verschiedenen Varianten die passende heraussucht – ganz so wie diverse Computerprogramme, die – kaum ist ein Buchstabe getippt – Ihnen schon vorschlägt, was Sie wohl schreiben wollten, wobei die Auswahl mit jedem weiteren Buchstaben natürlich immer kleiner wird.

Auch in jüngeren wissenschaftlichen Experimenten mit gesprochenen Wörtern scheint sich die pausenlose Durchschiebetaktik zu bestätigen, wobei offenbar gleichzeitig ganze "Kohorten" möglicher, weil ähnlich klingender Begriffe aktiviert werden. Allerdings ist es angesichts der Arbeitsgeschwindigkeiten unseres Denkorgans nicht gerade trivial, die Prozesse rein zeitlich aufzulösen. Michael Spivey von der Cornell-Universität und seine Kollegen sind jetzt auf eine findige Idee verfallen, dies trotzdem sichtbar zu machen.

In einem Experiment präsentierten sie 42 Studenten auf einem Monitor in den beiden oberen Ecken Bilder von Dingen mit konkurrierend ähnlich klingenden Begriffen – wie candle und candy. Etwas zeitlich verzögert, nannte dann eine Computerstimme eine der beiden Bezeichnungen, und die Freiwilligen sollten von einem mittig gelegenen Startpunkt aus mit der Maus auf das entsprechende Bild ziehen und es anklicken. Zwischen die Bildpaare mit ähnlich lautenden Bezeichnungen schmuggelten die Forscher zur Kontrolle auch immer mal wieder Objekte, deren Bezeichnungen sich komplett anders anhören.

Der kleine Trick mit der Zeitverzögerung machte dabei deutlich, wann die Probanden das Wort erkannten und richtig zuordneten. Da die Teilnehmer sofort mit ihrer Maus starteten – noch bevor die Computerstimme erklang –, hörten sie ihr Zielobjekt mitten in der Bewegung. Handelte es sich dabei um einen eindeutig zu identifizierenden Begriff, rutschte der Cursor in einer flachen Kurve fast unmittelbar in Richtung des Benannten. Hatten sie jedoch Missverständliches vor Augen und in den Ohren, lag nicht nur die Fehlerquote erheblich höher, es dauerte auch einige Dutzend Millisekunden länger, bis die Maus den richtigen Bogen raus hatte – der dann eine dementsprechend stärker gekrümmte Linienführung aufwies.

Auf den Clou mit der verzögerten Benennung waren die Wissenschaftler in einem Vorversuch gekommen. Damals hatten sie die gleiche Bildschirmprästentation gewählt, doch erklang die Stimme sofort mit Aufblenden der Objekte. Die Folge: Die Zuhörer warteten das komplette Wort ab, bevor sie schnurstraks und bogenfrei das Ziel ansteuerten. Erst dadurch, dass sich die Hände der Teilnehmer bereits in Bewegung befanden, konnten die Forscher also den Einfluss des Gehörten auf die motorische Umsetzung aufdecken.

Offenbar also liefern die unteren Wahrnehmungsebenen tatsächlich einen ununterbrochenen Strom ihrer Eindrücke an die höheren Verarbeitungsinstanzen. Dies widerspricht allerdings der häufig vertretenen theoretischen Annahme, dass unser Gehirn eigentlich eher eine Häppchentaktik bevorzugt, bei der unsere grundlegenden Wahrnehmungswächter erst sinnvolle, inhaltsvolle Einheiten abwarten, bevor sie die Eindrücke weiterschicken. Aber schließlich sind Hypothesen ja dazu da, experimentell überprüft zu werden.

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