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Chronischer Stress: Ohne Darmbakterien keine Depression

Stress macht neugeborene Mäuse depressiv und ängstlich. Fehlt den Nagern jedoch die entsprechende Darmflora, bleiben sie überraschenderweise gesund.
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Schokolade macht glücklich, man hat ein gutes Bauchgefühl und Liebe geht bekanntlich durch den Magen. Was Redewendungen vermuten lassen, ist inzwischen auch wissenschaftlich bestätigt: Der Verdauungstrakt steht im engen Verhältnis zu unserem Gefühlsleben. Vor allem die unzähligen Bakterien, die sich im Darm tummeln, scheinen unsere Emotion nicht unberührt zu lassen. Doch welche Auswirkungen hätte es, wenn man diese Mikroflora nicht mit sich herumtragen würde? Ebendiese Frage haben sich nun Wissenschaftler der McMaster University in Hamilton gestellt – und bei Mäusen eine überraschende Antwort gefunden. Fehlt den Tieren die vielfältige Darmflora, sind sie offenbar besser gegen Stress gefeit.

Frühkindliche Belastung zieht oftmals weite Kreise. Auch Jahre später macht sie noch anfällig für psychische und intestinale Erkrankungen. Wie genau die drei Faktoren Stress, Darm(-Bakterien) und emotionales Verhalten miteinander zusammenhängen, versuchten die Forscher um Premysl Bercik anhand zweier Mäusegruppen zu verstehen. In einer Gruppe gedieh die Mikroflora der Nager ungestört, während die anderen Tiere unter sterilen Bedingungen aufwuchsen. Alle Mäuse erlebten in den ersten Lebenswochen eine enorme Belastung: Drei Stunden täglich separierten die Wissenschaftler sie von ihrer Mutter. Das ging an den Jungtieren – egal ob mit oder ohne Darmbakterien – nicht spurlos vorüber. Die HPA-Stressachse zeigte etwa eine erhöhte Reaktivität und die cholinerg gesteuerte Dickdarmregulation war gestört, was Darmbeschwerden zur Folge hatte.

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Mäusebabies | Trennt man junge Mäuse von ihrer Mutter, so erleben diese starken Stress. Hormonelle Veränderungen, eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Belastungen und Darmbeschwerden sind die Folge.

In ihrem Verhalten unterschieden sich die kleinen Nager je nach Profil ihrer Darmflora deutlich: Während die Mäuse unter normalen Bedingungen nach der Stresserfahrung zu Ängstlichkeit und depressivem Verhalten neigten, zeigten sich die keimfreien Mäuse genauso ungerührt wie die Kontrolltiere, die keine Distanz zur Mutter erfahren hatten. Diese Resistenz ließ sich allerdings wieder umkehren, indem die Wissenschaftler einige Darmbakterien der Kontrolltiere auf die gestressten, keimfreien Mäuse übertrugen. Diese zeigten dann nach einigen Wochen ebenfalls Angstreaktionen.

Neonataler Stress löst demnach vermutlich eine Kettenreaktion aus, die in einem veränderten Bakterienprofil des Darms gipfelt, so die Erklärung der Forscher. Gehirnfunktionen bleiben davon nicht unberührt, was ängstliches und depressives Verhalten folgen lässt. Viele Einzelheiten und Zwischenschritte seien noch unklar, gesteht Premysl Bercik. Er hofft jedoch, dass die Erkenntnisse auf lange Sicht dazu beitragen können, ein besseres Verständnis für die Darm-Stress-Achse und ihren Einfluss auf die Entstehung von psychischen Erkrankungen zu entwickeln.

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