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Entomologie: Der Auszug aus Äquatorial-Afrika

Sie gründen Staaten, betreiben intensiv Landwirtschaft und liefern sich zum Teil auf Gedeih und Verderb einem etwas bizarren Führerkult aus: Viele Termiten ähneln den Menschen mehr, als man denkt. Nun gibt es wohl noch eine weitere Parallele.
Termitenkönigin
Pilzgarten | Termiten wie Macrotermes bellicosus legen behütete Gärten mit einem Pilz der Gattung Termitomyces an, denn dieser ist in der Lage Lignin aufzuspalten und mit den entstehenden Nährstoffen die Termiten zu versorgen. Die Kamm genannte Struktur wird beständig erweitert und mit zerkautem Holz oder Gräsern gefüttert.
Staatenbildende Insekten sind die heimlichen Herrscher der Erde, und zumindest in den Tropen fällt es den Menschen nicht leicht, ihnen Konkurrenz zu machen. Zu viel Biomasse setzen die Krabbeltiere dort um, zu viele ökologische Prozesse hängen von ihrer Anwesenheit ab.

Die Existenz von Termitenvölkern hängt allerdings immer an einem seidenen Faden, denn nur ihre Königin ist fortpflanzungsfähig und legt mitunter wie am Fließband bis zu 30 000 Eier pro Tag, wie es bei Macrotermes bellicosus der Fall ist. Um sie, ihr einziges Männchen, den Nachwuchs sowie natürlich das Millionenheer der Arbeiter- wie Kriegerkasten zu versorgen, hegen und pflegen die Arten der Termitenunterfamilie Macrotermitinae Pilzgärten, die ihnen die benötigte Nahrung liefern.

Diese Termitenpilze der Gattung Termitomyces leben in Symbiose mit den Kerbtieren, denn sie werden von diesen mit zerkautem Pflanzenmaterial wie Holz oder Gräsern gefüttert. Im Gegenzug schließen die ritterlingsartigen Pilze das in dem organischen Material enthaltene Lignin auf und machen es damit für die fast blinden Sechsbeiner verfügbar. Innerhalb der Termitenkolonie wird dem Pilz eine Struktur namens Kamm zur Verfügung gestellt, der kontinuierlich erweitert wird, um eine ausreichende Versorgung zu gewährleisten.

Termitenhügel | Durch geschickte Ingenieurskunst errichten die Termiten, die mit den Schaben näher verwandt sind als mit den Ameisen, Burgen, deren Inneres ein optimales Raumklima für den symbiontischen Termitenpilz hält. Während sich so die Außenwände teils stark erhitzen, herrschen im Nest Luftfeuchte und Temperaturen wie in der ursprünglichen Regenwaldheimat des Pilzes und der Termiten.
Die Macrotermitinae wurden also zu erfolgreichen Landwirten, und wie es nach einer Studie von Duur Aanen von der Universität Kopenhagen sowie Paul Eggleton vom Naturhistorischen Museum in London scheint, entstand diese Innovation wohl in den Tiefen der afrikanischen Regenwälder. Darauf deutet eine auf DNA-Untersuchungen basierende Rekonstruktion der Termiten-Ahnentafel hin. Unter den dortigen klimatischen Bedingungen aus gleichmäßig hohen Temperaturen und beständiger Feuchtigkeit läuft der von den Pilzen initiierte Fäulnisprozess auch am besten ab.

Allerdings wurde diese mutualistische Abhängigkeitsbeziehung zwischen Pilz und Termite erst in den trockeneren und häufig heißeren Savannen zu einem ökologischen und evolutionären Erfolgsmodell: Nur hier setzen sie etwa ein Fünftel der gesamten anfallenden Biomasse um und wachsen zu riesigen, bis zu drei Millionen Individuen starken Völkern heran, während sie im Urwald im Vergleich zu anderen Termitenfamilien nur eine Nebenrolle spielen. Der Wechsel vom Wald zum Grasland übte allenfalls eine gewisse Filterfunktion aus, die nicht allen Gattungen der Macrotermitinae die Eroberung neuer Räume erlaubte. Die Erfolgreichen konnten dann jedoch viele Nischen ihrer neuen Heimat besetzen und sich in neue Arten aufspalten.

Termitenkönigin | Blick in die Königinkammer eines Termitenbaus von Macrotermes bellicosus. Die Königin eines Termitenvolkes ist viel größer als jedes andere Mitglied ihres Hofstaates, selbst der an ihrer Seite ruhende König reicht nicht an diese Dimension heran. Die Herrscherin ist allerdings nichts anderes als eine eierlegende Maschine, die bis zu 30 000 Eier pro Tag legen kann und damit ihr Volk erhält.
Möglich machte diese Expansion die Baufertigkeit der Insekten, die ausgeklügelte Nester – etwa regelrechte Burgen – errichten, in denen konstante Luftfeuchte- und Temperaturbedingungen herrschen. Zahlreiche Luftschächte durchziehen die teilweise betonharten Lehmgebilde, die nach außen hin zudem gut isoliert sind. Während sich dann die Außenwände teilweise beträchtlich aufheizen, bleibt es innen kuschelig schwül – optimale Bedingungen für Termitomyces.

Wie Homo sapiens begnügte sich nach diesem für Insekten schon beträchtlichen Schritt allerdings auch Macrotermitinae nicht mit einer rein afrikanischen Existenz. Denn wie die beiden Forscher bei einem phylogenetischen Vergleich von 58 Völkern aus 49 Arten der Alten Welt feststellten, zog es diese Pilze züchtenden Insekten ebenfalls hinaus in die Ferne. So wurde Asien mindestens viermal und Madagaskar einmal durch unterschiedliche Spezies von Afrika aus besiedelt, und dort bilden diese Termitenarten heute ebenso individuenstarke wie wichtige ökologische Einflussfaktoren.

Was ihren Auszug aus Afrika auslöste oder wie er vonstatten ging, ist noch unergründet. Allerdings zeigt sich hier wiederum eine frappierende Konvergenz zwischen Mensch und Kerf: Ihre bäuerlichen Kulturen waren weitaus erfolgreicher als die reinen Sammler, die auf weiten Teilen des Planeten nur mehr ein Randdasein fristen. Zur nahezu gleichrangigen Weltgeltung fehlt den Macrotermitinae also nur noch eines: Die Einnahme Amerikas.

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