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Auswilderung in Bayern: Der Bartgeier soll heimkehren

Als Lämmergeier verleumdet wurde der Bartgeier in den Alpen ausgerottet. In den bayerischen Alpen soll dieses Jahr ein Auswilderungsprojekt beginnen, um die Art zurückzubringen.
Bartgeier im Profil

Luchs und Wolf sind schon zurück, und seit fast zwei Jahren streift wieder heimlich ein Braunbär durch die bayerischen Alpen. Mehr als 100 Jahre nach seiner Ausrottung soll neben diesen »großen Drei« der europäischen Beutegreifer auch der größte europäische Greifvogel in die alte Heimat zurückkehren: der Bartgeier. Nach erfolgreichen Wiederansiedlungsprogrammen in den Pyrenäen und Teilen der Alpen wollen Vogelschützer im Nationalpark Berchtesgaden bereits in wenigen Wochen die ersten Geier zurück in den Himmel über Bayern bringen.

Wenn alles klappt, wird nicht nur Deutschlands Tierwelt um eine spektakuläre Art reicher. Das größere Ziel des auf insgesamt zehn Jahre angelegten Projekts ist es, eine stabile Population der durch Menschenhand ausgerotteten Knochenfresser in den Ostalpen zu schaffen. Das soll die natürliche Wiederbesiedlung weiterer ehemaliger Brutgebiete befördern. »Unsere Vision ist die Wiederherstellung eines kontinuierlichen Verbreitungsgebiets von Marokko über Spanien, Frankreich und den gesamten Alpenbogen auf den Balkan und weiter über die Türkei bis Zentralsasien«, sagt Norbert Schäffer. Der Biologe ist Vizepräsident der Vulture Conservation Foundation (VCF), eines internationalen Zusammenschlusses von Geierspezialisten. »Für den Lückenschluss brauchen wir die Ostalpen als Brückenkopf«, erläutert Schäffer, der als Vorsitzender des Landesbunds für Vogelschutz (LBV) in Bayern einer der Initiatoren des Vorhabens ist.

Nach einigen coronabedingten Verzögerungen im vergangenen Jahr liefen die Vorbereitungen nun »wie ein Uhrwerk«, berichtet Schäffer im Gespräch mit »Spektrum.de«. Die Felsnische für die Auswilderung sei bereits von Fachleuten ausgesucht und hergerichtet worden, das Personal für Überwachung und Fütterung der nach dem Aussetzen zunächst noch nicht flugfähigen Jungvögel werde gerade eingestellt. »Die große Unbekannte bleiben die Vögel selbst«, sagt Schäffer.

Aasfresser im Flug mit Knochen | Die Resteverwerter fressen bevorzugt Knochen: Große Teile lassen sie aus der Höhe fallen, um sie zu zertrümmern und die kleineren Bruchstücke verschlingen zu können.

Auswilderungskandidaten schlüpfen in diesen Tagen

In diesen Wochen im März 2021 brüten mehr als zwei Dutzend Bartgeierpaare in Gehegen überall in Europa. Sie sind Teil eines Erhaltungszuchtprogramms, zu dem sich Zoos und Vogelschutzorganisationen aus vielen Ländern zu einem Netz zusammengeschlossen hat. Auch in der Schweiz und in Frankreich sollen in diesem Jahr Geier ausgesetzt werden. Woher der Nachwuchs für die Auswilderung in Bayern kommt, ist bislang unsicher, denn die Küken schlüpfen erst. Ein potenzieller Kandidat wird voraussichtlich in dieser Woche das Licht der Welt erblicken: im Nürnberger Tiergarten, der Teil des Zuchtprogramms ist. Das Nürnberger Paar sitzt seit Ende Januar in einer geräumigen Voliere in einer künstlichen Felswand auf den Eiern. Die beiden Vögel sind ein eingespieltes Team und haben bereits mehrfach Jungvögel zur Welt gebracht, die nach ihrer Freisetzung seit Jahren die Bartgeierbestände in Italien und Spanien verstärken.

Da aber mindestens zwei, besser drei Jungvögel gemeinsam ausgewildert werden sollen und jedes Geierpaar stets nur einen Vogel aufzieht, richten sich die Blicke der Vogelschützer in diesen Tagen außer nach Nürnberg ebenso nach Spanien und Österreich. Dort haben Zuchtgeier fast am selben Tag wie die Nürnberger Artgenossen mit dem Brüten begonnen. Die Jungvögel müssen bei ihrer Auswilderung möglichst gleich alt sein, um sich gegenseitig während der Freisetzungsphase in ihrem gemeinsamen »Nest« in Freiheit zu akzeptieren.

Und es gibt eine weitere Anforderung, damit die im Zoo geschlüpften Junggeier eine Perspektive auf die Freiheit haben: Die Tiere müssen einer passenden genetischen Linie entstammen. »Unser Ziel ist es, neben den Zahlen die genetische Vielfalt innerhalb der Population zu steigern«, sagt Franziska Lörcher, die als Biologin beim VCF arbeitet. »Wir wollen neues Blut reinbekommen, um Inzucht zu verhindern.« Denn trotz erfolgreicher Wiederansiedlungen in Italien, Frankreich, der Schweiz und Österreich sind Bartgeier in den Alpen mit nur rund 40 Brutpaaren weiterhin seltene Vögel und weisen einen entsprechend kleinen Genpool auf.

Bartgeier lassen sich Zeit

Bereits das ist eine großer Erfolg, denn es war lange zweifelhaft, die Art überhaupt wieder heimisch zu machen. Nach der ersten Auswilderung von vier gezüchteten jungen Geiern 1986 in einer Felsspalte im Raurisertal im österreichischen Nationalpark Hohe Tauern dauerte es noch fast ein Vierteljahrhundert, bis dort 2010 der erste Geier in freier Wildbahn schlüpfte. Inzwischen hatte das Programm an anderen Stellen der Alpen ebenfalls Fahrt aufgenommen mit Freilassungen an weiteren Orten in Österreich, in Frankreich, der Schweiz und in Italien. Der Durchbruch kam 1997, als es in den französischen Hochsavoyen erstmals wieder natürlichen Bartgeiernachwuchs gab. Die stolzen Geierschützer tauften den ersten nach seiner Ausrottung in Freiheit geschlüpften Alpen-Bartgeier auf den Namen »Phönix« – der Wiedergeborene. Seine Eltern waren knapp zehn Jahre zuvor als Jungvögel in einer nur wenige hundert Meter entfernten Felsspalte ausgesetzt worden: Bis es im Berchtesgadener Land wilde Geierküken gibt, kann es also ein paar Jahre dauern. Geschlechtsreif werden die Vögel mit etwa sechs Jahren.

Gebleichte Federn zur Wiedererkennung | Bartgeier »Rocco« kurz nach seiner Auswilderung im Sommer 2007. Er hat sich als einer der erfolgreichsten ausgewilderten Exemplare erwiesen. Mit sechs Jahren brütete er erstmals nahe seiner Auswilderungsstelle im französischen Mercantour-Nationalpark. Seit 2015 hat er in jedem Jahr gemeinsam mit seiner Partnerin einen Jungvogel zum Ausfliegen gebracht.

Insgesamt wurden in den letzten 35 Jahren rund 230 gezüchtete Bartgeier in den Alpen ausgewildert. Ihnen stehen aber schon mehr als 270 in Freiheit geschlüpfte Vögel gegenüber. »Wir haben heute wieder eine zwar kleine, aber sich selbst tragende Bartgeierpopulation«, zieht Lörcher eine positive Bilanz. »Der Bestand wächst, aber sie befindet sich auf einem noch sehr niedrigen Niveau«, zeigt sie sich dennoch verhalten.

Ausrottung wegen falscher Beschuldigungen

Dass die Geier überhaupt menschliche Hilfe brauchen, liegt an einem Missverständnis und ihrer imposanten Größe. Über Jahrhunderte hinweg verfolgten die Menschen den Bartgeier gnadenlos, weil sie als Lämmerdiebe (daher auch der Beiname »Lämmergeier«) und sogar als Kinderräuber verdächtigt wurden. Der letzte wilde Alpen-Bartgeier wurde 1913 im italienischen Aostatal geschossen. Ein Gutteil des Negativimages dürfte auf eine Verwechslung mit dem Steinadler zurückgehen, der zwar keine Kinder, aber durchaus Gämse erbeuten kann. Schon im biblischen Israel wurden Steinadler mit Geiern verwechselt.

Und ob der Tod des griechischen Dichters Aischylos während einer Sizilienreise im Jahr 456 v. Chr. auf das Konto eines Bartgeiers geht, wird wohl immer ein Geheimnis bleiben. Ihm soll der Legende nach eine Schildkröte auf den kahlen Kopf gefallen sein, die ein »Raubvogel« aus dem Himmel hat fallen lassen. Diese Jagdpraxis betreiben Steinadler häufig, um große Beute zu töten, und Bartgeier gelegentlich, um Knochen zu zertrümmern.

Heute weiß man, dass sich Bartgeier als extreme Nahrungsspezialisten zu fast 90 Prozent von Knochen und Knochenmark tot aufgefundener Tiere ernähren. Haben es die anderen in Europa lebenden Geierarten Gänse-, Schmutz- und Mönchsgeier auf das Fleisch toter Tiere abgesehen, kommen die Bartgeier erst, wenn die Verwandten fertig sind. Sie verschlingen ganze Beine abgestürzter Schafe, Ziegen oder Gämsen in einem. Knochenmark hat einen hohen Fettanteil, und auch die Knochen selbst bestehen zu einem Viertel aus organischer Substanz, die die sauren Geiermägen locker verarbeiten können.

Make-up aus Eisenoxid

Ist ein Knochen zu groß zum Verschlucken, tragen die Geier sie hoch über eine Geröllfeld und lassen sie aus bis zu 80 Metern herunterstürzen. Im Trudelflug folgen sie den Knochen, um dann die Splitter aufzusammeln. Diese Eigenart hat ihnen den Beinamen »Knochenbrecher« eingebracht, der auch heute noch in spanischen Namen widerspiegelt.

Im Flug | Die Tiere gehören zu den größten Vögeln Europas und leben vor allem in den Gebirgen von den Pyrenäen bis zur Türkei.

Weil Bartgeier wegen ihrer Nahrungsvorliebe anders als die Verwandten nicht tief in die blutverschmierten Körper toter Tiere eindringen müssen, haben sie auch ein normales Federkleid und nicht den aus Hygienegründen für Geier typischen unbefiederten Hals. Auf Farbe verzichten sie dennoch nicht. Die ursprünglich weißen Gesichts- und Halsfedern werden von den erwachsenen Geiern durch das Eintauchen in eisenoxidhaltigen Schlamm rostrot gefärbt. Lange wurde über die Gründe dafür gerätselt. Geierexperten glauben heute überwiegend, dass die intensive Rottönung eine Art Statussymbol gegenüber Artgenossen darstellt. So könne Überlegenheit signalisiert und Kräfte raubende Kämpfe vermieden werden. Darauf deutet auch hin, dass die Geier die besonders ergiebigen Gebirgsstellen mit tropfender Eisenoxidlösung offenbar vor anderen geheim halten.

Projekt mit guten Erfolgschancen

Vogelschützer und Nationalparkverwaltung haben sich lange überlegt, ob sie den Versuch der Wiederansiedlung der Bartgeier in Deutschland wagen sollen. »In einem Nationalpark haben wir zwar immer das Ziel, die Flora und Fauna zu komplettieren und der Bartgeier ist eine Schlüsselart des des hochalpinen Ökosystems«, sagt Schäffer. Auf der anderen Seite könne eine Einbürgerung nur dann mehr als ein Strohfeuer sein, wenn die Gründe beseitigt seien, die zum Aussterben einer Art geführt hätten. Um das zu klären, gab der LBV eine Machbarkeitsstudie in Auftrag. Darin attestiert der Biologe Toni Wegscheider dem Projekt gute Erfolgsaussichten. Es gebe einen sehr hohen Schalenwildbestand, bei dem ausreichend tote Tiere für die Aas fressenden Geier abfallen würden. Auch die sommerliche Weidetierhaltung in den Almregionen stelle reichhaltig Nahrung bereit, wenn Vieh verendet oder abstürzt.

Auch andere Schlüsselfaktoren für eine Wiederbesiedlung der deutschen Alpen sieht die Studie als erfüllt an – allen voran die positive Stimmung gegenüber dem Vogel. »Direkte Verfolgung und ähnliche Gefährdungen sind zu vernachlässigen«, glaubt Wegscheider. »Beim Wolf liegen die Nerven blank, auf den Bartgeier freuen sich alle«, erzählt Schäffer von seinen Besuchen.

Jungvogel | Bartgeier färben später im Leben ihr Gefieder mit Hilfe von Eisenoxid rostrot. Die Intensität des Farbtons könnte dazu dienen, Nebenbuhler zu imponieren.

Voraussichtlich im Mai ist es so weit. Alles ist exakt durchgeplant: Den ausgewählten Junggeiern werden dann einige Schwungfedern gebleicht, um sie später wiedererkennen zu können, sie erhalten Satellitensender und dann schleppen Vogelschützer die Tiere in Holzkisten über steile Pfade in ihr neues Zuhause und setzen sie in die ausgewählte Felswand. Dort werden sie rund um die Uhr von einem Ornithologenteam bewacht, das in einem Bauwagen in Sichtnähe Quartier bezieht. Täglich werden die Geier bei Sonnenaufgang – für die Vögel nicht sichtbar – mit Knochen versorgt. Drei bis vier Wochen dauert es, bis die Geier durch Trockenübungen die Flugmuskulatur ausreichend gestärkt haben, um den ersten Flug in die Freiheit zu wagen.

In den ersten Junitagen könnte die Zeit gekommen sein. Dieses historische Ereignis will sich auch eine besonders bayerische Institution nicht entgehen lassen. Das Haus der Bayerischen Geschichte hat bereits Interesse bekundet, eine der hölzernen Kisten auszustellen, in denen die jungen Bartgeier ihren Weg in die Freiheit antreten. Sie könnten dann im Museum neben Skulpturen des bayerischen Löwen einen würdigen Platz finden.

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