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Covid-19: Reiche Länder sichern sich Corona-Impfungen

Bis Ende 2021 könnte es genügend Corona-Impfstoff für ein Drittel der Weltbevölkerung geben. Doch die reichsten 13 Prozent haben schon die Hälfte der Impfdosen für sich reserviert.
Sobald es einen Covid-Impfstoff gibt, stellt sich die Frage: Wer bekommt ihn zuerst?Laden...

Es gibt erste Berichte über erfolgreiche Impfstoffe gegen Covid-19. Ergebnisse aus verschiedenen Phase-III-Studien sind viel versprechend. Die Entwicklerteams schätzen, dass sie bis Ende 2021 genügend Impfdosen für mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung herstellen können. Doch viele Menschen in Ländern mit niedrigem Einkommen müssen nach Schätzungen des Duke Global Health Innovation Center in North Carolina, USA, möglicherweise bis zum Jahr 2023 oder 2024 auf die Impfung warten.

Die Hersteller haben ihre Produktionsschätzungen für die kommenden Monate im Lauf der Zeit zurückgeschraubt, sagt Rasmus Bech Hansen, Geschäftsführer von Airfinity, einer Marktanalysefirma für Biowissenschaften in London. Die Hersteller der drei Impfstoffe, die am ehesten eine großflächige Verteilung erreichen können – AstraZeneca, Pfizer und Moderna – schätzen jedoch für das Jahr 2021 eine Gesamtproduktionskapazität von 5,3 Milliarden Dosen, die zwischen 2,6 Milliarden und 3,1 Milliarden Menschen abdecken könnte, je nachdem, ob der Impfstoff von AstraZeneca in zwei Dosen oder eineinhalb Dosen verabreicht wird.

Und ein Impfstoff, der am Gamaleya National Center of Epidemiology and Microbiology in Moskau entwickelt wird, könnte ab 2021 weitere 500 Millionen Menschen pro Jahr außerhalb Russlands abdecken, so der in Moskau ansässige Russia Direct Investment Fund, der die Entwicklung dieses Impfstoffs unterstützt. (Der Hersteller hat seine Kapazitäten innerhalb Russlands nicht offengelegt.)

Mehr als 10 Milliarden Dosen von Covid-19-Vakzinen sind bereits vorbestellt, wie die Grafik zeigt. Laden...

Hälfte des Impfstoffes für 13 Prozent der Menschheit

Der größte Teil dieser Kapazität ist bereits vergeben. Die 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union haben zusammen mit fünf anderen reichen Ländern (Kanada, USA, Vereinigtes Königreich, Australien und Japan) etwa die Hälfte davon vorbestellt (einschließlich vertraglich festgelegter Optionen zur Bestellung zusätzlicher Dosen und Verhandlungen, die offengelegt, aber noch nicht abgeschlossen wurden). Diese Länder machen nur etwa 13 Prozent der Weltbevölkerung aus.

Wenn man sechs weitere führende Impfstoffkandidaten einbezieht, erhöht sich die Gesamtzahl der Dosen, für die (offengelegte) Vereinbarungen bestehen, auf 7,4 Milliarden. Zusätzliche Erweiterungsoptionen oder laufende Verhandlungen machen nach Berechnungen von Airfinity weitere 2,9 Milliarden Dosen aus. Doch auch wenn man diese weiteren Impfstoffe in die Rechnung miteinbezieht, bleibt es dabei, dass sich diese fünf Länder und die EU etwa der Hälfte der Gesamtheit aller Impfungen gesichert haben. Die Länder, die reich genug sind, um auf eine Reihe von Kandidaten zu setzen, haben zu Beginn der Pandemie breite Produktportfolios aufgekauft.

»Viele beginnen, Geschäfte zu machen. Aber es ist im Moment ein ziemlich beängstigendes Bild, weil so viele Länder fehlen«(Andrea Taylor, Duke Global Health Innovation Center)

Rechnet man alle Impfstoff-Deals pro Kopf zusammen, so führt Kanada mit fast neun Dosen pro Person das Feld an. »Kanada hat genau das getan, was wir von einem Land mit hohem Einkommen erwarten würden, und sie haben das Richtige für ihr Land getan«, sagt Andrea Taylor von Duke. Das bedeutet aber auch, dass die Dosen nicht gerecht verteilt werden. »Jetzt, wo wir wirklich gute Ergebnisse sehen, sind alle optimistischer. Sie beginnen, Geschäfte zu machen«, sagt Taylor. »Aber es ist im Moment ein ziemlich beängstigendes Bild, weil so viele Länder fehlen.«

Kanada hat rund neun Dosen an Covid-19-Impfstoffen pro Person vorbestellt, wie eine Grafik zeigt. Die EU hat weniger geordert.Laden...

Produktionsverträge mit inländischen Herstellern werden wahrscheinlich auch darüber entscheiden, wohin die ersten Impfstofflieferungen gehen, sagt Bech Hansen. Indien hat sich zum Beispiel mehr als zwei Milliarden Impfstoffdosen gesichert, zum Teil dank des Zugangs zu den Herstellungskapazitäten des Serum Institute of India in Pune, des weltweit größten Impfstoffherstellers.

Fonds für ärmere Länder

Dadurch schwinden die Vorräte für Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Die meisten dieser Länder scheinen auf Beiträge von Covax angewiesen zu sein, einem Fonds für die gerechte Verteilung von Covid-19-Impfstoffen unter der Leitung von Gavi. Der Geldgeber für Impfstoffe für Länder mit niedrigem Einkommen mit Sitz in Genf wird von der Weltgesundheitsorganisation und der Coalition for Epidemic Preparedness Innovations (CEPI) in Oslo geleitet. Covax hat bisher schätzungsweise 700 Millionen Impfstoffdosen reserviert und will bis Ende 2021 zwei Milliarden bereitstellen, mit dem Ziel, mindestens 20 Prozent der Bevölkerung der teilnehmenden Länder abzudecken. Mehr als 189 Länder haben sich Covax angeschlossen, darunter auch wohlhabende Volkswirtschaften, die sich angeschlossen haben, um den Zugang zu Impfstoffen zu subventionieren.

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Letztendlich könnten Länder mit Überschussdosen diese an Covax spenden. Das sei allerdings nicht die Idee hinter dem Fonds gewesen, betont Taylor: Eine gerechte Verteilung sei auf diese Weise nicht zu erreichen, denn Länder mit hohem Einkommen würden natürlich erstmal sicherstellen, dass ihr eigener Impfstoffbedarf gedeckt ist, bevor sie überschüssige Dosen weitergeben. »Aber ich denke, dass sich die Dinge so entwickeln werden«, sagt sie.

Auch die Preise für die Impfstoffe variieren und sind von Anbieter zu Anbieter verschieden. Das Unternehmen AstraZeneca mit Sitz in Cambridge, Großbritannien, hat mitgeteilt, dass es seinen Impfstoff zu einem Preis von rund drei bis vier US-Dollar pro Dosis anbieten werde. Das ist fünf- bis zehnmal günstiger als der geschätzte Preis anderer führender Kandidaten, wie beispielsweise die in New York City ansässigen Firmen Pfizer und Moderna in Cambridge, Massachusetts. AstraZeneca hat sich verpflichtet, den Impfstoff für die Dauer der Pandemie auf gemeinnütziger Basis für Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen zur Verfügung zu stellen. Andere Firmen haben nichts Vergleichbares zugesagt.

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