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News: Der Hang zur Flasche

Nicht nur Ängste und Probleme - vielleicht machen auch die Gene uns zu Alkoholikern. Ein kompliziertes Netzwerk von Botenstoffen und Rezeptoren auf der Oberfläche der Nervenzellen im Gehirn entscheidet zumindest bei Mäusen, ob sie Alkohol mögen und ob der Geist aus der Flasche seine Wirkung bei ihnen entfalten kann. Wird die Signalfolge durch eine Mutation in einem Dopamin-Rezeptor unterbrochen, haben die Tiere keinen Durst mehr auf Alkohol. Im Prinzip könnte diese Erkenntnis den Schlüssel für eine erleichterte Entziehung liefern.
Insgesamt fünf Rezeptoren für den Neurotransmitter Dopamin gibt es im Gehirn. Das System steht im Verdacht, bei Mißbrauch von Alkohol und anderen Drogen wie Heroin und Kokain ein Wohlgefühl auszulösen, das die Gier nach mehr Spaß und Hochgefühl weckt – und so in die Sucht führt. Neuen Untersuchungen zufolge spielt der Rezeptor D2 dabei eine wesentliche Rolle (Nature Neuroscience vom November 1998).

Tamara Phillips und ihre Mitarbeiter von der Oregon Health Sciences University führten verschiedene Experimente mit Mäusen durch, denen durch eine Mutation der D2-Rezeptor fehlte. So setzten sie die Tiere in einen Käfig mit zwei Trinkbehältern. Der eine davon war mit Wasser gefüllt, der andere enthielt Ethanol. Die Mäuse der Kontrollgruppe tranken bevorzugt den Alkohol, während die Nager ohne D2-Rezeptor nur halb soviel davon zu sich nahmen. Um sicherzugehen, daß die Tiere nicht einfach den Geschmack widerlich fanden, testeten die Wissenschaftler zusätzlich das Wahlverhalten, wenn anstelle des Alkohols eine süße Saccharin- oder eine bittere Chininlösung neben dem Wasser stand. In beiden Fällen ergaben sich keine Unterschiede zur Kontrollgruppe. "Unserer Forschung zufolge reduziert die Entfernung des D2-Rezeptors den Alkoholkonsum auf die Hälfte", sagt Phillips.

Das Fehlen des Rezeptors verminderte außerdem die benebelnden Auswirkungen des Alkohols. Nach einer Injektion von Ethanol veränderte sich die Motorik der mutierten Mäuse fast gar nicht. Normale Nager hatten dagegen Gleichgewichtsstörungen und Bewegungsschwierigkeiten.

Wie der Zusammenhang zwischen dem Drogenmißbrauch und der Euphorie im Gehirn im Detail hergestellt wird, ist allerdings noch nicht klar. Nach Aussage der Wissenschaftler gibt es vermutlich nicht nur ein "Alkoholiker-Gen", sondern es läuft ein kompliziertes Wechselspiel mehrerer Transmitter und Systeme ab. So konnten Phillips und andere Forscher auch zeigen, daß Mäuse, denen ein Rezeptor für Serotonin fehlt, mehr als doppelt so viel wie normale Tiere trinken.

Obwohl die Untersuchungen an Mäusen durchgeführt wurden, sieht Phillips mögliche Konsequenzen für die Behandlung von Alkoholismus beim Menschen. "Stellen Sie sich vor, Sie hätten ein Medikament, daß an den D2-Rezeptor bindet, so daß Dopamin dort nicht mehr binden kann. Das wäre, als würde der Rezeptor fehlen. Wenn das machbar wäre, könnte dadurch die Trinksucht reduziert werden. Allerdings ist das Hauptproblem, die eventuellen Nebenwirkungen der Arznei zu verhindern, denn Dopamin ist entscheidend an vielen normalen Funktionen des Nervensystems beteiligt."

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