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Graf Cagliostro: Der Hochstapler, der ganz Europa faszinierte

1786 ist Cagliostro - Alchemist, Magier, Esoteriker und Meister der Freimaurerei - auf dem Höhepunkt seines Ruhms. Da greift ein gewisser Bernard zu Briefpapier und Feder.
Büste des Grafen Cagliostro, die Skulptur entstand um 1790Laden...

Am Morgen des 1. Juni 1786 trat Graf Alessandro Cagliostro nach neun Monaten im Kerker als freier Mann aus der Bastille. Erst am Abend zuvor hatte ihn ein Pariser Gericht von jedem Vorwurf in der Halsbandaffäre freigesprochen – einem possenhaften Betrugsskandal, in den auch die Königin Marie Antoinette ohne jede persönliche Schuld geraten war und mit ihr das gesamte Königshaus. Nun bejubelten seine Anhänger und Schaulustige den Grafen auf den Straßen der französischen Hauptstadt. Cagliostro war auf dem Gipfel seines Ruhms, und die Aussicht war prächtig. Sein Ruf als exotischer Magier eilte ihm ohnehin stets voraus, nun aber kannte ihn die ganze Welt.

Mit ungeahnter Leidenschaft hatten die Zeitungen von London bis Wien, von Lissabon bis Berlin über die Affäre berichtet, hatten jedes Detail des Skandals rund um ein ungeheuer teures Diamantcollier, einen Kardinal von hohem Adel und mäßigem Urteilsvermögen und eine so gewiefte wie falsche Gräfin vor der europäischen Öffentlichkeit ausgebreitet. Am Ende des Spektakels war Cagliostro, der allem Anschein nach tatsächlich schuldlos in diese Angelegenheit und ins Gefängnis geraten war, völlig rehabilitiert. Mehr noch: Er galt als ein unschuldig von einem despotischen Herrscherhaus Verfolgter, dem es gelungen war, der Tyrannei zu widerstehen. Für die Gegner der Monarchie, derer es in Frankreich Mitte der 1780er Jahre wahrlich nicht wenige gab, war er ein Held.

Auf Befehl des Königs mussten er und seine Frau Frankreich zwar binnen drei Wochen verlassen, doch in London, wo die beiden sich vorerst niederzulassen gedachten, wurde der Wunderdoktor schon ungeduldig erwartet. Die britische Presse feierte ihn vorauseilend in den höchsten Tönen. So pries ihn der »Daily Universal Register«, das Vorgängerblatt der »Times«, als einen »herausragenden Gelehrten« und einen »dem Grundsatz der Humanität und der Zuneigung zu seinen Mitgeschöpfen« verpflichteten Arzt. Zudem war seine Verteidigungsschrift aus dem eben zu Ende gegangenen Prozess bereits ins Englische übersetzt und veröffentlicht worden, was die Stimmung zusätzlich zu seinen Gunsten beeinflusste.

Der Graf aus dem Orient

Cagliostro hatte darin unter anderem von seiner Herkunft aus dem Orient erzählt, hatte seiner früh verstorbenen Eltern gedacht, von denen er wenig mehr wisse, als dass sie von »Adel und Christen« gewesen seien, von seiner Kindheit »in der arabischen Stadt Medina« berichtet, wo er »im Palaste des Muphti Salahaim« gelebt habe, von ausgedehnten Reisen durch Asien und Afrika erzählt sowie sich der Bekanntschaft »mit den Priestern der unterschiedlichen Tempel« gerühmt. Der Empfang in England geriet denn auch zu einem beachtlichen Erfolg. Unter den ersten Besuchern, die das Paar in London empfing, waren der britische Thronfolger George und zwei seiner Brüder, allesamt Freimaurer wie der Graf. Es konnte kaum besser laufen für Cagliostro.

Hätte er nur ein Fünkchen jener hellseherischen Fähigkeiten besessen, derer er sich seit Jahren rühmte, wäre er schon am Tag nach seiner Entlassung aus der Bastille weit weniger zuversichtlich gewesen. Am 2. Juni nämlich machte sich in Palermo ein gewisser, nicht weiter bekannter Bernard an die Niederschrift eines Briefs an die Pariser Polizei, in dem er die wahre Identität des vermeintlichen Grafen enthüllte: Der geheimnisvolle Alchemist Cagliostro hieß eigentlich Giuseppe Balsamo. Der Gründer und Meister mehrerer Freimaurerlogen, der Magier, Menschenfreund und Mediziner, der Graf aus Tausendundeiner Nacht war 1743 als Sohn eines bankrottgegangenen Juweliers in der Albergheria zur Welt gekommen, einem der elendsten Viertel der sizilianischen Hauptstadt.

1768 machten sich die Frischvermählten zu einer nicht enden wollenden Hochzeitsreise über den Kontinent auf

In ihren verwinkelten Gassen wuchs Giuseppe auf, dort also, wo »Palermos Unterwelt zu Hause« war, wie es der australische Kulturhistoriker Iain McCalman in einer 2003 erschienenen, glänzend recherchierten Biografie des Abenteurers formulierte. Bald schon hatte er sich zum Anführer einer Bande von Gassenjungen aufgeschwungen. Um ihn aus deren schlechter Gesellschaft zu lösen, schickte ein etwas besser gestellter Onkel den Knaben zur Schule in ein Kloster der Barmherzigen Brüder im Landesinneren der Insel. Dort diente Giuseppe als Apothekergehilfe und erwarb einige botanische, chemische und pharmazeutische Kenntnisse. Diese quasimedizinische Ausbildung sollte die einzige bleiben, die er je genoss. Der stets störrische Junge blieb allerdings nicht lange im Konvent. Nach nur zwei Jahren und mehreren recht derben Lausbubenstreichen ließen ihn die Brüder wieder ziehen.

Zurück in Palermo entwickelte der zeichnerisch begabte Giuseppe sein Talent für Fälschungen und übte sein Geschick in anderen kleinen Betrügereien. Nach einem größeren Coup, bei dem er einen arglosen Silberschmied im Rahmen einer vorgeblichen Schatzsuche um eine stattliche Summe Geldes geprellt hatte, wurde es dem inzwischen zum jungen Mann gereiften Balsamo auf der heimatlichen Insel zu ungemütlich. Er schiffte sich nach Malta ein, wo er einige Monate bei den Rittern verbrachte, und reiste von dort mit Empfehlungsbriefen ausgestattet auf das italienische Festland. In Rom lernte er schließlich die um einige Jahre jüngere, in allen zeitgenössischen Quellen als außergewöhnlich attraktiv beschriebene Lorenza Feliciani kennen, die Tochter eines Kupferschmieds. 1768 heirateten die beiden und machten sich gemeinsam zu einer Wanderschaft gen Norden auf, die sich zu einer nicht enden wollenden Hochzeitsreise über den Kontinent entwickeln sollte.

Casanova sieht in ihm »eines jener arbeitsscheuen Genies«

Dem Venezianer Giacomo Casanova (1725-1798) verdanken wir einen Bericht aus der Frühzeit dieses Paars. Er begegnete den beiden ein Jahr nach deren Hochzeit in einem Gasthof im südfranzösischen Aix-en-Provence. Die Balsamos stellten sich als fromme Pilger vor, die auf dem Rückweg von Santiago de Compostela seien und gedachten, »drei Tage auszuruhen und dann über Turin nach Rom zu wandern«. Unterwegs würden sie ausschließlich von Almosen leben, erzählte die junge Frau, die sich inzwischen Serafina nannte, während ihr Mann damit beschäftigt war, die Schalen von Jakobsmuscheln an seinen Überrock zu nähen.

Casanova war beeindruckt von der »hübschen Pilgerin, zweifelte jedoch an ihrer Frömmigkeit«. An ihrem Gemahl, dessen »recht einnehmendes Gesicht Unternehmungsgeist, Frechheit, Spott und Schurkerei« verriet, wie der Venezianer notierte, beeindruckten ihn vor allem dessen künstlerische Begabung und das auffällige Talent, Handschriften zu kopieren. Abschließend erkannte er in dem Sizilianer »eines jener arbeitsscheuen Genies, die ein Landstreicherleben der Arbeit vorziehen«. Ein Urteil aus berufener Feder, war doch Casanova selbst viele Jahre seines Lebens ein ruhelos Reisender, der kaum jemals einer geregelten Beschäftigung nachging.

Der falsche GrafLaden...
Der falsche Graf | Sein »recht einnehmendes Gesicht«, notierte Casanova, verrate »Unternehmungsgeist, Frechheit, Spott und Schurkerei«.
Die Aufschrift kündet von den Kennzeichen eines wahren Menschenfreunds: Er vollbringt täglich neue Wohltaten, verlängert das Leben und hilft den Bedürftigen – und »sein einziger Lohn ist die Freude, selbst nützlich zu sein«. Den Stich fertigte der Künstler Henry-Louis Duhamel du Monceau im Jahr 1781.

Das 18. Jahrhundert brachte einen neuen Typus des Abenteurers hervor. Waren es in den Epochen zuvor Landsknechte, Söldner oder auch die Entdecker und Eroberer der Neuen Welt, die man mit diesem Wort benannte, betraten nun Glücksritter von oft zweifelhaftem Stand, aber makellosen Manieren die gesellschaftliche Bühne. Der bis heute bekannteste unter ihnen ist zweifellos Casanova, der in mehreren, erst lange nach seinem Tode veröffentlichten Bänden seine Erinnerungen niederschrieb. Doch auch zahllose andere, längst vergessene Männer – es waren fast ausschließlich Männer – wählten das Dasein als jemand, »der Länder, Städte und Stände, Berufe, Welten und Weiber wechselt wie Wäsche an immer gleichem Leib«, so der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig (1881–1942).

Von der Laufbahn als Geistlicher oder in der Armee abgesehen, bot dieses Leben die vielleicht einzige weitere Gelegenheit zum sozialen Aufstieg, der in der streng hierarchischen Ständegesellschaft des 18. Jahrhunderts eigentlich nicht vorgesehen war. Casanova etwa, der Spross einer Schauspielerfamilie, hatte als 15-Jähriger die niederen Priesterweihen empfangen, dann zunächst die Offizierslaufbahn eingeschlagen, ehe er schließlich sein unstetes Leben auf Reisen aufnahm, das ihn kreuz und quer durch Europa führte – von den schäbigsten Spelunken bis an die glänzendsten Höfe Europas. Abenteurer traf man in Opern- und Freimaurerlogen, in Salons und Kaffeehäusern, an Fürstenhöfen oder Spieltischen in allen größeren Städten Europas. Natürlich gingen sie keiner ordentlichen Arbeit nach, betrieben Philosophie oder Publizistik, dienten als halboffizielle Gesandte oder fädelten geschäftliche Transaktionen ein, verdienten ihren Lebensunterhalt als Berufsspieler oder waren schlichtweg Betrüger.

Ein unterhaltender Betrüger

In einer Epoche, in der von allen außer vom Adel Bescheidenheit und Zurückhaltung erwartet wurde, glänzten sie durch ihren schillernden Auftritt. Wo sie hinkamen, erregten sie Neugier, Aufsehen, manchmal auch Bewunderung, stießen aber ebenso oft auf Ablehnung, Neid und Misstrauen. Das 1750 in Paris erschienene Handelslexikon »Dictionnaire universel de Commerce« warnte beispielsweise ausdrücklich vor diesem Menschenschlag: »Als Abenteurer bezeichnet man einen kaum oder gar nicht bekannten Mann, der weder Heim noch Heimat hat, sich aber dreist in alle Angelegenheiten mischt und im Allgemeinen ein Betrüger ist. Tüchtige Händler tun gut daran, sich vor diesen Personen zu hüten.«

Dennoch konnten manche dieser Glücksritter wenigstens vorübergehend zu höchsten Ehren gelangen. Einer der berühmtesten seiner Zeit war der Graf von Saint-Germain (1710–1784), von dem das Gerücht ging, er sei mehrere Jahrhunderte alt, und von dem Casanova meinte, er habe »niemals einen geistreicheren, geschickteren und unterhaltenderen Betrüger gekannt«. Der Mann, dessen Herkunft bis heute nicht wirklich geklärt ist, war mit seiner Kombination aus Esoterik, Geheimnistuerei und Weltgewandtheit immerhin so erfolgreich, dass er, protegiert von Madame Pompadour, zum Vertrauten Ludwigs XV. aufstieg. Der König ließ ihm sogar in Versailles ein alchemistisches Labor einrichten und setzte ihn obendrein während des Siebenjährigen Kriegs (1756–1763) mehrmals als geheimen Gesandten (und Agenten) ein.

Die Schwärmer vertröstete er, den Zweiflern drohte er mit Zauberflüchen

Von solchen Höhen war der Mann, dem Casanova 1769 im Gasthof begegnete, noch weit entfernt, was nicht zuletzt an seiner fehlenden Bildung und Lebensart lag. Während Casanova etwa neben seiner Muttersprache auch Französisch, Griechisch, Latein und Hebräisch beherrschte, in den Naturwissenschaften und der Philosophie auf dem Stand seiner Zeit war und sich auch in der besten Gesellschaft zu bewegen wusste, sprach der ungehobelte, aufbrausende und streitlustige Sizilianer, der nur eine rudimentäre Erziehung genossen hatte, sowohl das Italienische als auch das Französische mit starkem palermitanischem Akzent.

Von Aix-en-Provence aus pilgerte das Paar jedenfalls nicht wie angekündigt nach Turin, um das »heilige Schweißtuch« anzubeten, sondern begab sich über Barcelona nach Madrid. Giuseppe akquirierte dort gelegentlich Aufträge als Dekorateur, Zeichner oder Arzneikundiger. Nebenbei fälschte er Wechsel und Kreditbriefe, die er geschickt in Umlauf brachte, sowie Offizierspatente und Empfehlungsschreiben. Serafina gab sich gegen Geschenke und Bezahlung großzügigen Herren aus der vornehmen Gesellschaft der spanischen Hauptstadt hin und sicherte sich und ihrem Mann auf diese Weise auch in den folgenden Jahren selbst in schwerster Not das Auskommen. So hielten es die beiden auch in Lissabon, London, Paris und Neapel, den nächsten Stationen ihrer Grand Tour durch Europa.

Hin und wieder mussten sie eine Stadt überstürzt verlassen, weil das Geld ausging und Serafinas Gönner sich rar machten. Mitunter landete Giuseppe wegen unbezahlter Rechnungen für ein paar Tage oder Wochen im Gefängnis. Dann aber war ihnen das Schicksal wieder gewogen. In Lissabon etwa schenkte ein reicher Kaufmann Serafina für ihre Gunst derart viele Topase aus Brasilien, dass die Balsamos noch lange Zeit davon zu zehren hofften. In London jedoch erwies sich ein anderer reisender Italiener als um eine Spur gerissener und verschwand mit den Edelsteinen.

Nun reisen Graf und Gräfin durch Europa

Erst allmählich scheint es Giuseppe in diesen Jahren gedämmert zu haben, welche Möglichkeiten ihm offenstanden, wenn er nur furchtlos und unverschämt genug war. Die Zeit des Frommtuns und Pilgerns war da schon vorbei. Die beiden hatten damit begonnen, vornehm aufzutreten. Er gab sich als Offizier und Edelmann aus, behauptete, Magier zu sein, Hellseher, Arzt. Auch seinen Namen – und mit ihm seinen vorgeblichen Stand – änderte er nun, wenngleich er sich noch auf keine neue Identität festlegte. Mal nannte er sich Graf Phoenix, mal Marchese Pellegrini oder Prinz von Trapezunt und hin und wieder auch Cagliostro. Möglicherweise bereisten der Sizilianer und seine Frau in dieser Zeit auch Nordafrika. Belege für seine diesbezüglichen Aussagen gibt es keine, wobei als gesichert gelten kann, dass er nicht, wie behauptet, im Schatten der Pyramiden in die höchsten ägyptischen Mysterien eingeführt worden war.

Die Gemahlin des GrafenLaden...
Die Gemahlin des Grafen | Lorenza Feliciani nannte sich bald Serafina und reiste als Gräfin von Cagliostro durch Europa.

Nach dem Glauben vieler Esoteriker im 18. Jahrhundert bestand von alters her eine verborgene Gesellschaft von gelehrten Mystikern, die als Alchemisten die höchsten Geheimnisse der Natur kannten. Die Eingeweihten, Adepten genannt, verfügten über okkulte Weisheiten und übernatürliche Kenntnisse. So besaßen sie selbstverständlich den Stein der Weisen, der es ihnen ermöglichte, jedes Metall in Gold zu verwandeln, und verstanden sich auch darauf, die so genannte Universalmedizin herzustellen, die es ihnen erlaubte, bei bester Gesundheit jahrhundertelang zu leben. Die Wurzeln dieses geheimen Ordens wurden je nach Faible in der heidnischen Antike, im frühen Christentum oder im Alten Orient verortet. Dass ausgerechnet im Zeitalter der Vernunft der Aberglaube mitunter besonders absurde Blüten trieb, mag verwundern. Doch womöglich war es ja gerade die Aufklärung, die mit ihrer Erschütterung alter metaphysischer und religiöser Gewissheiten die Verunsicherten zu Esoterik und Schwärmerei trieb.

Giuseppe Balsamo jedenfalls sollte die Ursprünge seiner Weisheit im Alten Ägypten ansiedeln. Zunächst aber schloss er sich einer tatsächlich existierenden Bruderschaft an. 1777 wurde er in einer Londoner Taverne in die Freimaurerloge »Espérance« aufgenommen, eine der vielen Logen der »Strikten Observanz«, die sich auf den Templerorden beriefen und behaupteten, von »Geheimen Oberen« geführt zu werden. »Für Balsamo war dies der Moment, der sein ganzes Leben verändern sollte«, schreibt McCalman. »Die Aufnahme markierte ein Ende und einen Neuanfang, den Tod einer alten und den Beginn einer neuen Identität.« Zumindest blieb er nun dem Namen Cagliostro treu. Darüber hinaus erkannte er sofort, welche Möglichkeiten ihm die Freimaurerei bot. Logen gab es überall in Europa. Das bedeutete natürlich auch, dass überall »Brüder« waren, die einen prinzipiell erst einmal willkommen heißen würden.

Höchster Vertreter der »ägyptischen Freimaurerei« auf Erden

Cagliostro scheint sich allerdings schon kurz nach seiner Initiation zu Höherem berufen gefühlt zu haben. Er beabsichtigte nach eigenem Bekunden nichts weniger als die grundlegende Erneuerung des Freimaurertums, indem er es an seinen Ursprung zurückführte, zum »ägyptischen Ritus«, der auch die Aufnahme von Frauen in so genannte Adoptionslogen zuließ. Die ägyptische Freimaurerei, zu deren höchsten Vertretern auf Erden er selbst gehöre, erklärte Cagliostro seinen Jüngerinnen und Jüngern, wurde von den biblischen Propheten Elias und Enoch gegründet. »Cagliostro ist einer der Untergeordneten des Elias«, notierte in ihrem Tagebuch die Schriftstellerin Elisa von der Recke (1754-1833), in deren Vaterhaus im kurländischen Mitau Cagliostro 1779 einige Zeit weilte und die sich glücklich schätzte, zu dem erwählten Zirkel der »himmlischen Kinder« des Grafen zu gehören. »Die Schüler des Elias sterben nie, sondern sie werden gleich ihrem erhabenen Lehrer lebendig gen Himmel gehoben«, erklärte ihr der Sizilianer weiter und ließ anklingen, selbst schon jahrhundertealt zu sein und selbstverständlich zu den Geheimen Oberen zu gehören.

Neben der Einweisung der schwärmerischen jungen Frau und ihrer Familie in seine Lehren, der Gründung einer Adoptionsloge und der Kommunikation mit den Geistern der Toten (Elisas heiß geliebter Bruder war kurz vor Cagliostros Ankunft verstorben) widmete sich der Sizilianer während des Aufenthalts in Kurland der Suche nach dem vergrabenen Schatz eines Zauberers sowie der alchemistischen Erschaffung von Silber und Gold. Als die verschiedenen Unternehmungen jedoch nach drei Monaten noch immer nicht zu handfesten Ergebnissen geführt hatten, reisten Graf und Gräfin Cagliostro wieder ab. So hielt es der Magier auch in Königsberg und Berlin, in Warschau und Sankt Petersburg. Überall fanden sich Neugierige und Gläubige neben Skeptikern, die wissen wollten, was der angebliche Wundermann tatsächlich konnte, von dem sie aus Briefen oder von Reisenden erfahren hatten. Die Schwärmer vertröstete er, den Zweiflern drohte er mit Zauberflüchen. Von überall aber reiste er unverrichteter Dinge wieder ab – naturgemäß, möchte man sagen.

1780 ließen sich die Cagliostros vorübergehend in Straßburg nieder, einem der Zentren des Freimaurertums auf dem europäischen Festland. Erstmals trat der Graf dort vornehmlich als Arzt auf, behandelte die Armen ohne Bezahlung, die Reichen ohne Respekt und alle beide offenbar mit einigem Erfolg. Zum Dank für die wundersame Heilung seiner Frau gewährte ihm etwa der Baseler Bankier Jacques Sarasin Kredit in unbegrenzter Höhe. In Straßburg machte Cagliostro auch die Bekanntschaft des Kardinals Rohan, in dessen Palast in Saverne er einige Monate wohnte. Mit Rohan geriet der Sizilianer bald darauf in die Halsbandaffäre und in die Bastille, gleichzeitig mit ihm kam er auch wieder frei. Doch während sich der vermeintliche Graf an der Seite seiner republikanischen Anwälte feiern ließ, schlich sich der gedemütigte Kardinal leise fort. Und als die Cagliostros ihre Fahrt über den Ärmelkanal unter den aufmerksamen Blicken der Öffentlichkeit antraten, hatte sich Rohan bereits auf seine Güter im Elsass zurückgezogen.

Ein Brief erreicht England

Im Londoner Exil wurden Cagliostro und seine Frau vor allem bei den dort zahlreichen Freimaurern äußerst wohlwollend aufgenommen. Doch der Höhenflug währte nicht allzu lang. Bereits wenige Wochen später, im Herbst 1786, wurde der Brief des Bernard aus Palermo auch in England bekannt, der Zaubergraf aus dem Orient somit als Hochstapler aus der Gosse entlarvt.

Nun meldeten sich auch andere zu Wort. Elisa von der Recke, in den vergangenen sechs Jahren von ihrer Schwärmerei für den »Untergeordneten des Elias« genesen, publizierte ihre nachträglich kommentierten Aufzeichnungen aus der Zeit seines Aufenthalts in Mitau, um der interessierten Leserschaft mitzuteilen, wie sie sich zum »Glauben ans Unglaubliche« hatte verführen lassen. Freimaurer aus verschiedenen Logen Europas schrieben ihren Brüdern in anderen Städten, was sie mit dem Scharlatan erlebt hatten – oder eben mangels Resultaten nicht erlebt hatten. Johann Wolfgang von Goethe beklagte, »dass Betrogene, Halbbetrogene und Betrüger diesen Menschen und seine Possen jahrelang verehrten«, und brachte von seiner berühmten Reise nach Italien »des Joseph Balsamo, genannt Cagliostro, Stammbaum« mit heim.

Als Cagliostros gefährlichster Feind erwies sich jedoch Charles Theveneau de Morande (1741-1805). Dieser war in seiner Jugend als Zuhälter und Erpresser in Paris aufgefallen, seiner Verhaftung durch Flucht nach England zuvorgekommen, wo er sich, als französischer Exilant vor Auslieferung sicher, den Publizisten der Grub Street anschloss. Diese Truppe junger Schriftsteller hatte sich darauf verlegt, Pamphlete und so genannte Skandalchroniken in verschiedenen Sprachen auf den europäischen Markt zu bringen. Morande, den Zeitgenossen »Rousseau de ruisseau« nannten, den Rousseau der Gosse, entwickelte sich schon bald zu einem der berüchtigtsten und erfolgreichsten dieser Skandalreporter. Es gelang ihm sogar, Ludwig XV. mit der Drohung, eine pornografische Biografie seiner Mätresse Madame du Barry zu veröffentlichen, eine gewaltige Summe abzupressen. Das war aber lange vor Cagliostros Ankunft. Inzwischen hatte er sich zum Agenten der französischen Krone gewandelt und erhöhte mit immer neuen Enthüllungen und Verleumdungen den Druck auf Cagliostro.

Cagliostros letzter Fehler

Schon im April 1787 setzten sich die Cagliostros aus England ab und begaben sich nach Basel. Doch Cagliostros Ruf war ruiniert, und er selbst wurde immer aufbrausender. Als er sich mit seinen letzten Getreuen, darunter auch dem Bankier Sarasin, heillos zerstritten hatte, fuhren er und Serafina nach Italien, wo sie einige Zeit von Stadt zu Stadt reisten, doch nirgendwo mehr Fuß fassten. 1789 schließlich erreichten sie Rom. Dort erwies sich Cagliostro als außerordentlich töricht. Denn mitten im Zentrum der katholischen Christenheit machte er sich daran, eine neue Freimaurerloge zu gründen. Schon Ende des Jahres wurde er verhaftet. Zudem wandte sich nun auch Serafina, die zum Glauben zurückgefunden hatte, von ihm ab und arbeitete mit der Römischen Inquisition zusammen. Es nutzte ihr nichts, sie musste ihre letzten Jahre hinter Klostermauern verbringen und soll dort den Verstand verloren haben.

Ihr Gemahl wurde 1791 wegen Ketzerei, Zauberei und Freimaurertum zum Tod verurteilt, konnte seinen Kopf aber noch ein letztes Mal aus der Schlinge ziehen. Er hatte ein umfassendes Geständnis abgelegt, in welchem er gestand, gemeinsam mit den bayerischen Illuminaten die Französische Revolution geplant und durchgeführt zu haben – das war genau, was reaktionäre Kreise zu jener Zeit hören wollten, und nebenher war eine Verschwörungstheorie gerichtlich bestätigt worden, die sie noch als besonders hartnäckig herausstellen sollte. Daraufhin begnadigte ihn das Inquisitionstribunal zu lebenslanger Kerkerhaft. Sie sollte nicht mehr lange währen: Am 26. August 1795 verstarb Giuseppe Balsamo, genannt Cagliostro, nach zwei Schlaganfällen in der päpstlichen Festung von San Leo nahe dem Stadtstaat San Marino.

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