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News: Der innere Nachtwächter

Warum wachen einige Menschen ohne Wecker zu einer bestimmten Zeit auf? Oder warum endet ausgerechnet an dem Tag des Monats, an dem man endlich einmal ausschlafen könnte, der Schlummer von selbst um 6:45 Uhr? Und warum fühlt man sich nervös, wenn man zu früh aufgeweckt wird, obwohl man eigentlich lange genug geschlafen hat?
Jan Born und seine Kollegen von der Medizinischen Universität Lübeck sehen den Grund in der Erwartungshaltung, daß der Schlaf zu einer bestimmten Zeit vorbei sein wird. Diese veranlaßt etwa eine Stunde bevor der Wecker klingelt einen ungefähr 30prozentigen Anstieg der Konzentration zweier Streßhormone im Blut: Adrenocorticotrophin und Cortisol (Nature vom 7. Januar 1999).

Während des Schlafs steigen die Blutspiegel von Adrenocorticotrophin und Cortisol an, bis sie zum Zeitpunkt des spontanen Erwachens ihr Tagesmaximum erreichen. Die beiden Hormone werden durch die Hirnanhangdrüse freigesetzt. Sie gehören zur Streßantwort des Körpers, die den Herzschlag beschleunigt, den Blutfluß in die Muskeln verstärkt, das Gehirn stimuliert und die Stoffwechselrate erhöht. Die neuen Erkenntnisse deuten also darauf hin, daß der Körper auch im Schlaf offensichtlich einen fein abgestimmten Mechanismus besitzt, um sich für den Streß des Aufstehens vorzubereiten.

Borns Gruppe untersuchte fünfzehn gesunde Freiwillige mit regelmäßigen Schlafmustern während dreier aufeinanderfolgender Nächte. Bevor um Mitternacht das Licht abgeschaltet wurden, informierten die Wissenschaftler die Teilnehmer in zwei Nächten, daß sie um neun Uhr geweckt würden – die Forscher bezeichneten dies als 'Langschlaf'-Bedingungen. In der dritten Nacht wurde ihnen mitgeteilt, daß sie um sechs Uhr geweckt würden ('Kurzschlaf'). In einer der angeblichen Langschlaf-Nächte holten Borns Mitarbeiter die Versuchspersonen unter dem Vorwand eines technischen Fehlers aber schon um sechs statt um neun Uhr aus den Betten.

Während der gesamten Versuchsdauer entnahmen die Forscher alle 15 Minuten Blutproben, um die Hormonspiegel der Versuchspersonen zu dokumentieren. In allen Nächten blieben die Hormonkonzentrationen bis gegen 4:30 Uhr ähnlich. Danach zeigten sich allerdings Unterschiede. "Als die Versuchspersonen erwarteten, daß sie um sechs Uhr geweckt werden würden, stiegen die Adrenocorticotrophin-Konzentrationen innerhalb der letzten Stunde vor dem Wecken deutlich an – verglichen mit dem Versuch, als sie überraschend geweckt wurden", sagt Born. Dies deutet darauf hin, daß Antizipation nicht nur ein Merkmal bewußten Handelns ist, sondern auch unseren Schlaf begleitet.

Übrigens paßten sich die Hormonwerte der Testpersonen, die aus dem Schlaf gerissen wurden, schnell an die neue Situation an. In ihren Versuchen fanden die Forscher einen vorübergehenden Anstieg der Konzentrationen von Adrenocorticotropin und Cortisol, die ungefähr 30 Minuten nach dem unerwarteten Wecken ihren Höhepunkt erreichten. Kein Wunder also, daß die meisten von uns den Morgen hassen – bei dem Streß.

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