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News: Der Islam in Deutschland

'Wir dürfen nicht unser westliches Verständnis auf das Verständnis des Islam übertragen', meint eine Religionswissenschaftlerin aus Jena. Sie wertete Publikationen muslimischer Organisationen in Deutschland aus und erhielt einen differenzierten Eindruck von den Ansichten und Werten im Islam, der nur wenig mit dem Bild dieser Glaubensrichtung gemein hat, wie es in den Medien vermittelt wird.
Seit fast drei Jahren sammelt Silvia Kaweh in der "Forschungsstelle für Religionsvermittelnde Medien" (FRM) der Friedrich-Schiller-Universität Jena alle ihr zugänglichen deutschsprachigen Zeitschriften, Bücher und Flugblätter muslimischer Organisationen in Deutschland, die "religiöses Wissen und religiöse Werte" jenseits des Schulunterrichts vermitteln. Obwohl über 2,7 Millionen Muslime – meistens türkischer Herkunft – in der Bundesrepublik leben, erwies sich bereits das Sammeln der Texte als schwierig. Denn das meist in kleinen Auflagen erscheinende Schriftgut ist so vielfältig und verstreut wie der Islam und seine einzelnen Gruppierungen selber.

Silvia Kaweh war jedoch erfolgreich und hat einige der vorhandenen Schriften mit Hilfe eines gemeinsam mit Jenaer Soziologen entwickelten Textanalyseprogramms so aufbereitet, daß eine computergestützte systematische Inhaltsanalyse möglich wurde. "Damit übernimmt dieses Projekt eine einmalige Modellfunktion für die historische und systematische Erforschung weiterer Religionstraditionen", unterstreicht der Projektleiter Prof. Dr. Udo Tworuschka.

In den deutschen Medien wird der "Islam meistens als Bedrohung dargestellt", sagt Silvia Kaweh. Man verwechsele dabei oft die religiös-ethische Anschauung mit der politischen Dimension, klärt die 35-jährige Islam-Expertin auf. Doch die inhaltliche Analyse der untersuchten religions- und damit wertevermittelnden Publikationen, die meistens von missionarisch engagierten Laientheologen herausgegeben werden, macht es einem Europäer schwer, die vermittelten Aussagen neutral zu werten.

Die Jenaer Religionswissenschaft hat für ihre Untersuchung das Jahr 1993 ausgewählt, "in dem der Bosnien-Konflikt auch in den untersuchten Publikationen eine Rolle spielt", unterstreicht Kaweh. Selbst wenn man die Textinhalte vor diesem Hintergrund analysiert und weiß, daß die "Publikationen oft unter einem Selbstrechtfertigungszwang stehen", so ergeben sich deutlich "konservative Positionen". "Aber sie leiten sich davon ab", erklärt die gebürtige Kölnerin, "daß man den Westen als mittlerweile areligiös ansieht". Und sie entstammen ebenfalls einem "Überlegenheitsgefühl des Islam, der sich als einzige wahre und unverfälschte Religion betrachtet". Europa empfinden die muslimischen Autoren oft als eine kalte, materialistische und ambivalente Welt, die noch immer als Kolonialmacht gesehen und bewertet wird.

Andererseits fordern die untersuchten Texte von den gläubigen Muslimen einen aktiven Einsatz für Natur und Mitmenschen. "Auf die Vermittlung ethischer Werte wie Gerechtigkeit, Aufrichtigkeit, Mitgefühl usw. wird großes Gewicht gelegt", hat die Analyse ergeben. Optimistisch macht auch die Selbstdefinition des Islam als "Religion des Friedens" mit allen Menschen.

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