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Energieversorgung: "Der Kampf mit dem Klima ist für die Ewigkeit"

Der Physiknobelpreisträger Robert Laughlin prophezeit der Menschheit ein ungemütliches Schicksal: In seinem neuen Buch "Der Letzte macht das Licht aus" blickt er zwei Jahrhunderte voraus in eine Zukunft, in der uns die Öl-, Kohle- und Erdgasvorräte ausgegangen sein werden. Mit katastrophalen Folgen, meint Laughlin. Ist sein Untergangsszenario haltbar?
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Spektrum.de: Professor Laughlin, wie viel Energie gewinne ich, wenn ich Ihr Buch verbrenne?

Robert Laughlin: (lacht) Das könnte tatsächlich etwas sein, was Leute in Zukunft machen werden. In Papier steckt etwa halb so viel Verbrennungsenergie wie in Benzin. Mein Buch könnte einen Toaster einige Minuten lang mit Strom versorgen.

Warum sollten Menschen darauf angewiesen sein?

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Robert Laughlin | Laughlin forscht derzeit an der Stanford University in Kalifornien.
In 200 Jahren ist vermutlich das gesamte Öl, Erdgas und die gesamte Kohle der Erde verbrannt. Ungemütlich wird es aber schon früher: wenn das Öl Saudi-Arabiens aufgebraucht ist. Das sollte in 60 bis 100 Jahren der Fall sein. Dann wird um die verbleibenden fossilen Brennstoffe gekämpft werden.

Sie gehen davon aus, dass man keine neuen Ölquellen findet?

Ausgeschlossen ist das nicht. Aber fast alle Funde in meiner Lebenszeit waren klein. Die Nordsee kam und ging, genauso wie die Küste vor Alaska und Brasilien. Jetzt ist es das Kaspische Meer – auch das wird nicht lange halten. Nur in Venezuela gibt es richtig viel Öl – aber da kommt man aus politischen Gründen nicht ran. Und selbst wenn es einmal unsere Vorräte verdoppeln sollte: Der rasant wachsende Energiebedarf von Indien und China wird das locker wettmachen.

Und ohne Öl kann der nicht gedeckt werden?

Fossile Energieträger bestehen aus Kohlenwasserstoffen. Sie sind mit Abstand die beste Möglichkeit, Energie sicher auf kleinem Raum einzuschließen. Chemisch gesehen ähneln sie Fett, das Lebewesen und Pflanzen brauchen. Die Natur nutzt das, weil es eine unglaublich gute Erfindung ist. Das sieht man auch bei Flugzeugen: Nur weil Benzin so leicht ist, heben sie ab.

Ohne Öl gibt es also keine Flugzeuge mehr? Das klingt kaum vorstellbar.

Es wird einen neuen Industriezweig geben, der synthetische Kohlenwasserstoffe herstellt. Das wird bereits gemacht, ist aber noch sehr teuer.

Sie prophezeien riesige Algenfarmen an den Ozeanküsten, die Kohlendioxid aus der Luft fischen und es in Treibstoff umwandeln. Das klingt nach Zukunftsmusik. Wie wird aus einem Physiknobelpreisträger ein Sciencefiction-Autor?

Ich benutze die Sciencefiction, um über die Gegenwart zu sprechen – ohne jedoch politisch zu sein. Mein Buch setzt sich sachlich mit einem Thema auseinander, das hochgradig Angst einflößend ist.

Gibt es aktuell nicht Dinge, die dringlicher sind als die ferne Zukunft?

Aktuell gibt es keine Krise. Es gibt reichlich Energie. Kohlendioxid in der Atmosphäre könnte zum Problem werden. Aber das sind zwei Paar Schuhe.

Das müssen Sie mir erklären.

Das Klimaproblem ist so viel gewaltiger als die Energiefrage. In der Geschichte der Erde gab es Klimaereignisse von kaum vorstellbarem Ausmaß. Gerade einmal vor 10 000 Jahren endete die letzte Eiszeit. Da war Europa komplett zugefroren. Dann kam ein enormer Temperaturanstieg. Woher, weiß niemand. Das Beispiel zeigt: Der Kampf mit dem Klima ist etwas für die Ewigkeit. Die Energiekrise hingegen ist etwas für Ingenieure.

Verstehe ich Sie richtig: Der Klimawandel ist zu groß für die Menschheit?

Nein. Aber die Energiekrise wird zuerst kommen. Das Klima hat viele Aspekte. Einer davon ist Kohlendioxid. Das macht auch mir Sorgen. Aber noch ist der Klimawandel nicht Konsens. Mir als Physiker verrät das: Die Ergebnisse der Experimente sind noch nicht ganz eindeutig. Aber vermutlich wird eine Zeit kommen, in der es keinen Zweifel mehr gibt, dass die Erde wärmer wird. Dann kann man Klimawandel und Energiekrise gegeneinander abwägen und handeln. Doch so weit sind wir noch nicht.

Aber sollte man nicht auch auf einen begründeten Verdacht hin Maßnahmen ergreifen, die Emissionen zu senken?

Auf lange Sicht bringt das leider nicht viel. Wenn man die Erde retten will, muss man das langfristig tun. Die CO2-Emissionen um 20 Prozent zurückzuschrauben, ist nicht genug. Das bewirkt nur, dass es 50 Jahre länger dauert, bis alles Kohlendioxid in die Atmosphäre geblasen ist. Für die Erde ist das ein verschwindend kleiner Zeitraum.

Aber sollte nicht der Mensch das Maß politischer Entscheidungen sein?

Nun, wir müssten unsere Lebensart komplett umkrempeln. Niemand rettet den Planeten, indem er ein Hybridauto fährt! Wer sich Sorgen um CO2 macht, muss den Ausstoß auf null bringen. Darüber redet aber niemand. Und ich glaube auch nicht, dass das jemals ernsthaft erörtert werden wird.

Man sollte die nächsten Jahrzehnte also nutzen, um die Energiekrise anzugehen?

Mir ist bewusst, dass das nicht einfach ist. Es geht um Ereignisse, die eintreten werden, nachdem alle von uns tot sind. Aber man muss sich jetzt entscheiden: Will man unsinniges Morden unter unseren Urenkeln verhindern? Das ist eine schwere Entscheidung, weil sie viel Geld kostet.

In Ihrem Buch gehen Sie davon aus, dass unsere Nachkommen den Meeresboden nutzbar machen. Etwa, indem sie dort große Geothermiekraftwerke aufstellen. Auch propagieren Sie Energiespeicher auf der Basis von geschmolzenen Salzen, die bisher nur ein Nischendasein führen. Sollte die Politik jetzt diese Technologien massiv fördern?

Ein guter Professor sollte nicht vorschreiben, was man zu tun hat. Ich möchte nur die Fakten ausbreiten, Entscheidungen müssen andere treffen. Ich habe eine Meinung zu Ihrer Frage, aber ich halte es nicht für angemessen, sie hier zu äußern.

Dennoch neigen Sie dazu, Dinge gnadenlos zuzuspitzen. Beispielsweise vergleichen Sie das Ende der fossilen Energieträger mit den Folgen eines Asteroideneinschlags.

Ja, ich übertreibe. Ich will zum Nachdenken anregen. Niemand macht sich über fossile Brennstoffe Gedanken, weil sie noch immer verhältnismäßig billig sind. Aber man muss sich klarmachen, dass es erst fossile Treibstoffe sind, die große Städte möglich machen. Es gibt Rechnungen, die besagen, dass London erst mit der Dampfmaschine auf eine gewisse Größe anwachsen konnte. Allein mit Pferden könnte man nicht genügend Nahrung in die Stadt bringen. Die Menschheit ist längst abhängig von billiger Energie. Wenn sie von heute auf morgen verschwinden sollte, würden große Städte schlagartig unmöglich. Viele von uns würden sterben.

Jetzt übertreiben Sie schon wieder. Was ist denn mit erneuerbaren Energien? Von der Sonne angetriebene Züge etwa?

Ich bin mit dem Zug aus Berlin hierher gefahren. Er war erschreckend leer. Die Menschen scheinen lieber Auto zu fahren. Aber es stimmt prinzipiell: Sonne und Wind könnten die ganze Menschheit versorgen. Allerdings wird ihr Strom lange Zeit sehr teuer bleiben. Das wird zum Problem, wenn sie mit anderen Energieformen konkurrieren müssen. Ich stelle lediglich die Frage, was passiert, wenn sie dabei unterliegen.

Was halten Sie für den größten Konkurrenten?

Wenn man Braunkohle nicht mag, ist das aktuell wohl Gas – oder eben die Kernenergie. Dass Deutschland sich nun von Letzterer verabschieden will, heißt eigentlich nur: Es wird jede Menge Gas aus Russland importieren.

Wenn Gas und Kohle zur Neige gehen, kommt es also zum Showdown zwischen den Erneuerbaren und der Kernkraft?

Ja, dann wird die Nuklearenergie zum Problem. Denn sie ist billig. Leute sagen zwar immer, dass das nicht stimmt, weil es das Müllproblem gibt und man alle möglichen Sicherheitsvorkehrungen treffen muss. Das stimmt auch alles. Aber sie ist seit Jahrzehnten auf dem Markt, und man kennt ungefähr ihren Preis. Ich sage in meinem Buch auch nicht, dass die Kernkraft zurückkommt. Sondern, dass sie den Preisdeckel darstellt. Wenn die Erneuerbaren da nicht drunterkommen, werden Leute lieber Kernkraftwerke bauen.

Sie malen das Schreckensbild einer globalen Plutoniumwirtschaft, deren Schnelle Brüter in Sibirien und Nordkanada stehen. Da die Bruttechnologie anfälliger für Unfälle ist, sagen Sie weitere Unfälle wie in Tschernobyl oder Fukushima voraus – und Nuklearterrorismus. Keine schönen Aussichten.

Nein, die allermeisten Leute wollen nicht, dass es so weit kommt. Dann muss man aber jetzt eine billige Alternative zur Kernkraft vorantreiben.

Aber welche? Auch von der Kernfusion halten Sie nicht viel: Sie würde 90 Prozent mehr Energie erzeugen, wenn man ihre Neutronen dazu nutzt, herkömmliche Kernspaltungsreaktionen anzustoßen. Solarfarmen in der Wüste würden dagegen auf großen Widerstand der Umweltbewegung stoßen, weil sie die Wüstenfauna vernichten. Gleiches sagen Sie für batteriegetriebene Autos voraus: Wegen der darin enthaltenen Schwermetalle würden sie auf kurz über lang zum Feindbild der Umweltbewegung.

Wir könnten uns über Wahrscheinlichkeiten unterhalten. Aber ich neige dazu, Menschen für schwach zu halten. Für die Gesellschaft der Zukunft wird es viel einfacher sein, sich irgendwelche Gründe auszudenken, warum der Ausstieg aus der Kernenergie eine schlechte Idee war – und ihn rückgängig zu machen.

Kann uns die Wissenschaft nicht retten und eine neue Stromquelle erfinden?

Die Energieindustrie basiert auf Physik aus dem 19. Jahrhundert. Seitdem hat sich nichts Grundlegendes verändert. Selbst die Kernkraft ist nur eine andere Art von Feuer. Heute kennen wir darüber hinaus die Gesetze der Quantenmechanik, die ich für unumstößlich halte und die eine effektivere Energiequelle verbieten.

Wenn man die Physik nicht überlisten kann – dann vielleicht wenigstens den Menschen? In Ihrem Buch erzählen Sie von Ihrem Vater, der immer auf das Suche nach der billigsten Tankstelle war. Warum sind Sie so sicher, dass das der Mensch der Zukunft ist?

Einige Leute glauben, dass ein Wertewandel möglich ist. Ich gehöre nicht dazu. Ich bin der Überzeugung, dass die menschliche Natur immer gleich sein wird. Und selbst wenn nicht, halte ich es für weiser, Pläne für den Fall zu schmieden, dass der Mensch egoistisch bleibt. Alles andere gleicht der Frage: Wie verhindern wir, dass Menschen auf Toilette gehen? Ja, man könnte ihnen weniger zu essen geben. Oder aber man baut einfach größere Rohre.

Herr Laughlin, wir danken Ihnen für das Gespräch.

24. KW 2012

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 24. KW 2012

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