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Konfliktforschung: Der Krieg kehrt wieder

Krisen und Konflikte nehmen wieder zu auf der Welt. Dennis Dijkzeul, Spezialist für humanitäre Krisen an der Ruhr-Universität Bochum, erklärt, wie das kommt – und warum Kriege heute zwar weniger Opfer fordern, aber nicht weniger gefährlich werden.
Kampfhubschrauber mit Soldaten

Spektrum.de: Herr Dijkzeul, als Konfliktforscher haben Sie heutzutage sicher viel zu tun?

Dennis Dijkzeul: Das ist zwar richtig. Allerdings bin ich kein klassischer Konfliktforscher. Ich untersuche vielmehr humanitäre Krisen. Diese werden zwar häufig durch gewaltsam ausgetragene Konflikte und Kriege ausgelöst, können aber auch durch Naturkatastrophen, politisches Versagen und andere Ereignisse verursacht werden. Mich interessiert, wie die Beteiligten in solchen Situationen handeln. Was tun zum Beispiel die Hilfsorganisationen, wie reagieren die Kriegsherren, was machen Soldaten und bewaffnete Gruppen, wie verhalten sich Geschäftsleute?

Wie sieht Ihr Forschungsalltag aus? Studieren Sie an der Ruhr-Universität wichtige Unterlagen oder untersuchen Sie in Syrien, in Somalia und im Osten des Kongo humanitäre Krisen vor Ort?

Dennis Dijkzeul
Dennis Dijkzeul

Die Feldforschung ist extrem wichtig, ohne sie geht es kaum. Wer sich nur aus Unterlagen informiert, verliert schnell den Überblick über die häufig sehr komplizierte Situation in einem Krisengebiet. Ich selbst habe lange für die Vereinten Nationen zum Beispiel in Guatemala und Namibia gearbeitet. Danach habe ich für Nichtregierungsorganisationen im Osten des Kongo und in Afghanistan geforscht. Heute versuche ich normalerweise, zwei Monate im Jahr in Krisengebieten zu forschen. Zurzeit ist das aber schwierig, weil meine beiden Kinder noch klein sind und zu Hause auf mich warten.

Vielleicht können Sie Ihre Feldforschung ja auch ein wenig zurückfahren, weil Kriege seltener werden?

Insgesamt hat man seit dem Ende des Kalten Kriegs viele Jahre weniger Konflikte gezählt, in den ärmsten Ländern der Welt hat die Zahl der Auseinandersetzungen und humanitären Katastrophen aber zugenommen. Häufig kommt es auch zu Konflikten innerhalb von Staaten, wie zum Beispiel in der Zentralafrikanischen Republik oder im Süd-Sudan. Beides sind auch chronische Konflikte, die seit vielen Jahren anhalten oder die nach einer vorübergehend ruhigeren Zeit wieder aufflammen. Leider nehmen Konflikte und Flüchtlingsprobleme in den letzten Jahren auch insgesamt wieder zu.

Welche Hintergründe haben diese Entwicklungen?

Werden Konflikte in jüngster Zeit häufiger, hat das auch damit zu tun, dass die USA als größte Militärmacht nach ihren Erfahrungen in Afghanistan und im Irak inzwischen mit militärischen Eingriffen vorsichtiger sind. Dadurch verringern sich die Möglichkeiten, ihre Macht zu zeigen. Ausgehend von einer einzigen "Supermacht" USA können daher andere Länder einen Teil dieser Macht übernehmen, die Weltpolitik bekommt weitere Pole. Zum Teil lohnen sich deshalb Kriege aus wirtschaftlicher und politischer Sicht wieder mehr. Russland hat zum Beispiel einen enormen Vorteil durch den Krieg in Syrien und den Konflikt in der Ukraine und auf der Krim. Und das auch indirekt. So treibt der Syrien-Konflikt riesige Flüchtlingsströme nach Europa, die nicht nur große Kosten und verschiedene Probleme bedeuten, sondern auch die Rechtspopulisten in vielen Ländern stärken. Das zeigt sich auch im Referendum meiner Heimat, den Niederlanden, das einen Assoziierungsvertrag mit der Ukraine ablehnt und so die Europäische Union schwächt. Eine solche Schwäche wiederum bringt Russland durchaus politische Vorteile. Auch China versucht seine Macht inzwischen weiter auszudehnen, und Diktatoren können ihre Ziele einfacher als bisher verfolgen.

"Der Klimawandel spielt bereits bei den heutigen Konflikten eine Rolle"

Umweltschutzorganisationen befürchten, dass der Klimawandel zu einem wichtigen Auslöser von Konflikten werden kann. Stimmen Sie dieser Einschätzung zu?

Der Klimawandel spielt bereits bei den heutigen Konflikten eine Rolle. So gab es zum Beispiel in Syrien weniger Niederschläge und viele Bauern kamen in Schwierigkeiten. Etliche von ihnen suchten dann ihr Glück in den Städten, hatten aber oft wenig Erfolg. Die Proteste dieser enttäuschten und häufig auch verzweifelten Bauern standen ganz am Anfang des Syrien-Konflikts. Natürlich spielt auch die Diktatur von Baschar al-Assad und die Armut im Land eine Rolle. Man kann daher nicht genau angeben, wie groß der Einfluss des Klimawandels allein ist.

Gibt es weitere Auslöser?

Da gibt es leider einige: Schulden, Korruption und Waffenhandel können zu Konflikten beitragen. Im Allgemeinen erschweren die bestehenden strukturellen Ungleichheiten zwischen dem Norden und Süden eine stabile sozioökonomische Entwicklung der armen Länder. Auch das birgt einiges Konfliktpotenzial. Wichtig ist zudem die Bevölkerungsentwicklung: Gerade in den ärmsten Ländern wächst die Bevölkerung noch immer stark. Dadurch müssen sich mehr Menschen die gleichen Ressourcen teilen, weil die Landfläche ja nicht mitwächst. Ähnliches gilt auch für das Bildungs- und Gesundheitswesen sowie für die Chancen, Arbeit zu finden. Das führt leicht zu Spannungen und Konflikten. Sind die Chancen ungleich verteilt, erhöht sich das Risiko von Auseinandersetzungen weiter. Das Gleiche gilt für die zunehmende Verstädterung. Strömen die Menschen vom Land in die großen Orte, werden dort oft viele enttäuscht, finden keinen Job oder verdienen zu wenig, um ihre Familie zu ernähren. Bald gärt es. Der Sudan-Experte Alex de Waal beschreibt die humanitäre Krise im Darfur-Gebiet im Westen des Sudan als schnelle und erzwungene Verstädterung.

Wer solche Auslöser von Konflikten kennt, sollte doch auch Möglichkeiten haben, sie zu verhindern?

Der Schlüssel für die Verhinderung solcher Konflikte ist tatsächlich häufig eine gute Entwicklung. Gerade den ärmsten Ländern müssten die reichen Nationen helfen, schnell auf die Beine zu kommen. Entwickelt sich die sozioökonomische Situation in einem Land gut, entschärft das längerfristig meist auch das Konfliktpotenzial. Dazu sollten bessere und gerechtere Handelsabkommen mit den Ländern im Süden kommen, die wiederum die Entwicklungschancen verbessern. Werden außerdem weniger Waffen gehandelt, verringern sich die Möglichkeiten für Auseinandersetzungen weiter. In einigen Regionen wie Afghanistan, Kolumbien und Myanmar spielt auch der Drogenhandel eine wichtige Rolle. Das alles ist ja keineswegs neu. Trotzdem schaffen wir es aber häufig nicht, die Situation zu entschärfen. Auch wir Wissenschaftler sind daher manchmal ziemlich ratlos, wenn es um Lösungen für Konflikte und sich anbahnendes Unheil geht.

Flüchtlinge in Syrien
Flüchtlinge in Syrien | Bürgerkriege stürzen zahlreiche Menschen ins Elend. Vor allem in den armen Ländern brodeln die Konflikte.

Sind die Konflikte zumindest weniger gefährlich geworden?

Nimmt man die Zahl der Getöteten als Maß für diese Gefahr, scheint das zunächst richtig. Wenn die Todesfälle weniger werden, hat das aber wenig mit den Konflikten selbst zu tun. Vielmehr ist die medizinische Technik besser geworden. Daher überleben heute viele Menschen Verletzungen, an denen sie vor wenigen Jahrzehnten noch gestorben wären. Etliche dieser Überlebenden sind zudem behindert und die Zahl der Kriegsveteranen mit dauerhaften Behinderungen steigt. Auch das spricht gegen eine Abnahme der Gefährlichkeit. Das Gleiche gilt natürlich auch für die hohen Zahlen von Flüchtlingen wie wir sie gerade aus Syrien und anderen Regionen erleben. Weniger gefährlich sind Kriege also nicht geworden.

Spielen in diesem Zusammenhang auch Hilfsorganisationen wie das Rote Kreuz oder Ärzte ohne Grenzen eine Rolle?

Natürlich tun sie das, weil sie Menschen in Not helfen. Gerade der Erfolg solcher Hilfsorganisationen kann aber auch neue Probleme mit sich bringen.

Wieso das?

Sie retten zwar Leben, können die Krisen aber politisch nicht lösen. Das sollten ja auch die Politiker machen. Aber in Krisen und vor allem in Kriegen verfolgen viele Akteure rücksichtslos ihre eigenen Interessen. Die humanitären Organisationen werden dabei für sie entweder zu einer Belohnung, die man sich schnappen sollte, oder zu einer Gefahr, die man unterdrücken muss. Unterstützen die Hilfsorganisationen aus Sicht der Kriegsherren ihre Widersacher, verschlechtern sich die Beziehungen zwischen einer NGO und dieser Konfliktpartei. Das wiederum macht die Arbeit der Hilfsorganisation nicht gerade leichter. Andererseits versuchen die Kriegsherren natürlich auch, die Hilfe der NGOs für ihre eigenen Zwecke einzuspannen. Beide Möglichkeiten untergraben die unabhängige und neutrale Arbeit der Hilfsorganisationen enorm und gefährden so ihren Zugang zu den Menschen in Not.

"Heute überleben viele Menschen Verletzungen, an denen sie vor wenigen Jahrzehnten noch gestorben wären"

Können Hilfsorganisationen es vermeiden, dass sie so zur Konfliktpartei werden?

Die NGOs müssen die verschiedenen Konfliktparteien genau beobachten, um möglichst gut helfen zu können. Das ist natürlich überhaupt nicht einfach, wenn sich wie zum Beispiel im Osten des Kongo 70 bis 100 bewaffnete Gruppen an einem Konflikt beteiligen. Jede von ihnen verfolgt ihre eigenen Interessen und Ziele. Organisationen wie das Rote Kreuz und Ärzte ohne Grenzen versuchen zwar von jeder von ihnen die Ziele und Interessen zu kennen, praktisch ist das aber fast unmöglich. Notfalls müssen NGOs Kompromisse schließen, um überhaupt helfen zu können. Gerade aus dem Osten des Kongo haben sich schon einige Organisationen zurückgezogen, weil die Lage zu unübersichtlich und gefährlich wurde. Vor allem kleinere NGOs müssen dann irgendwann passen. Besonders problematisch ist die Situation in Syrien. Dort hat in manchen Gebieten kaum noch jemand einen Überblick, wer dort agiert, welche Ziele er verfolgt, wie die aktuelle Lage ist und vor allem, wie sich die Situation entwickeln könnte.

Könnten wir Europäer uns nicht einfach zurücklehnen und uns auf die Unterstützung dieser Hilfsorganisationen verlassen, um das Schlimmste zu verhindern?

Auf gar keinen Fall. Menschen in Not brauchen nicht nur humanitäre Unterstützung, sondern auch politische Lösungen. Außerdem kommen diese Konflikte ja irgendwann auch zu uns. Wenn Flüchtlinge bei uns um Hilfe bitten, stellen sie gleichzeitig eine Zerreißprobe für die nationale Politik und die Europäische Union dar. Die Konflikte in Syrien, Afghanistan, dem Irak, sowie in etlichen afrikanischen Ländern lassen in Europa und im Rest der Welt Bruchlinien sichtbar werden, die sich immer weiter verstärken. Und das nicht nur zwischen Ländern wie Polen, Ungarn und Österreich auf der einen sowie Deutschland, den Niederlanden und Schweden auf der anderen Seite, sondern auch innerhalb der Staaten. Denken Sie nur an die Rechtspopulisten in Deutschland, den Niederlanden, Frankreich und in sehr vielen weiteren Ländern. Bekommen Parteien wie der Front National mehr Macht, wird deren Politik auf der nationalen und europäischen Ebene zu noch mehr Lähmungen und unter Umständen auch zu Konflikten führen. International verstärkt das den Isolationismus – und das erschwert die Lösung von Krisen weiter.

Steuern wir also auf eine gefährlichere Welt zu?

Diese Entwicklung ist ja nicht zwangsläufig. Die vorhandenen Strukturen der Europäischen Union und der Vereinten Nationen liefern keine echten Antworten auf brennende Fragen zum Umgang mit den Flüchtlingsströmen. Die EU und die UNO sollten daher neue Strukturen, sowie eine globale Nord-Süd- und Migrationspolitik entwickeln, die mit den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts besser umgehen können. Sich zurücklehnen und die Auswirkungen der Konflikte den Hilfsorganisationen überlassen, ist jedenfalls keine Lösung.

Vielen Dank für das Gespräch!

20/2016

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 20/2016

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