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Entomologie: Der Lauf ums Leben

Einer biblischen Plage gleich, wälzen sich Millionen um Millionen Leiber vorwärts, wer schwächelt, wird von kannibalischen Kameraden gnadenlos in Stücke gerissen und vertilgt. Apokalypse auf Insektenart? Ein Abbild der Hölle? Nein, eigentlich folgen die amerikanischen Mormonengrillen nur ihrem natürlichen Instinkt der Futtersuche.
Grillen-Kannibalismus
Wenn Insekten in Heerscharen aufkreuzen, kommen dem menschlichen Betrachter nur zu oft Motive aus den religiösen Gründerbüchern der Menschheit in den Sinn. Zu sehr erinnern auch heute noch Masseneinflüge afrikanischer Wanderheuschrecken auf der Suche nach frischem Grün an eine viel zitierte Stelle aus dem Alten Testament, wo hungrige Kerfe als eine Art göttliches Strafgericht ganz Ägypten kahl gefressen haben.

Keinen ganz anderen Anblick bieten die Mormonengrillen (Anabrus simplex) aus dem Westen Nordamerikas, wenn sie wie alle paar Jahre wieder millionenfach auf Reisen gehen. Unaufhaltsam marschieren sie vorwärts – keine Straße, kein Bachlauf, kein Berg und erst recht keine Vögel oder andere Fressfeinde halten sie dann auf. Wie auch, denn bei Bevölkerungsdichten von mehr als 100 Individuen pro Quadratmeter und Truppenlängen von mehr als einem Kilometer läuft fast jede Gegenmaßnahme ins Leere.

Ein saftiges Grillenmahl | Mormonengrillen setzen zu ihren gefürchteten Wanderungen an, wenn ihr ursprünglicher Lebensraum keine Proteine oder Salze mehr bietet. Erst einmal unterwegs bietet es sich für die Tiere an, ja nicht stehen zu bleiben. Denn stoppen sie oder können sie nicht mehr weiter, werden sie von vitaleren Artgenossen gnadenlos vertilgt.
Was aber treibt diese Tiere – die entgegen ihres Namens gar nicht zu den Grillen, sondern zu den Heuschrecken zählen – vorwärts? Was lässt sie ganze Ernten verwüsten und Gärten geplündert zurücklassen? Bloßer Hunger alleine kann es nicht sein, denn sie gehen bei ihrem Mahl äußerst selektiv vor und beeinträchtigen etwa die Qualität wie Nahrhaftigkeit von Weideland für Rinder allenfalls marginal: Was an relativ schwer verdauliche Gräser erinnert, wird von den reiselustigen Insekten links liegen gelassen. Dagegen vertilgen sie alles, was irgendwie reichhaltige Proteine verspricht – etwa Samenkapseln, Blütenblätter, Aas oder sogar die Fäkalien von Tieren –, oder den Salzbedarf decken könnte wie uringetränkte Erde.

Diese seltsame Beobachtung war Biologen um Stephen Simpson von der Universität in Sydney Ansporn genug, sich dem Wanderverhalten der Mormonengrillen tiefgründiger zu nähern. Sie platzierten deshalb vor einer heranrückenden Heuschrecken-Armee verschiedene Futtermittelproben unterschiedlichen Nährwerts – mit jeweils hohem Protein- oder Kohlehydratgehalt – und beobachteten die entsprechende Reaktion der Tiere.

Ebenfalls getestet wurde die Wirkung feuchter Baumwollkugeln mit unterschiedlichen Salzgehalten; außerdem wie die Wanderfreunde mit immobilen Mormonengrillen umgehen, die aus irgendeinem Grund nicht mehr weiterlaufen wollten oder konnten. Denn bislang war nur bekannt, dass die Tiere auch vor Kannibalismus nicht zurückschreckten, sofern sich ihnen die Gelegenheit bot. Der Auslöser dafür entzog sich bislang aber der Kenntnis der Wissenschaftler – folglich platzierten sie zwangsstillgelegte, weil festgeklebte Individuen auf der Route und entfernten besonders bedauernswerten Kreaturen dabei noch zusätzlich eines oder beide ihrer Hinterbeine.

Nach dem Durchzug der Legionen überprüften die Forscher dann die ausgelegten Köder. Und siehe da: Wie bei natürlich gewachsener Nahrung wurden die Kohlenhydrate verschmäht, während die Eiweißbomben gerne genommen wurden. Reines Trinkwasser wurde ebenfalls abgelehnt, salzhaltige Flüssigkeiten nahmen die Wanderer hingegen gerne zu sich. Diese nun nachweislich dokumentierte Gier nach Salz und Proteinen vermuten die Biologen auch als ultimativen Antrieb für die kannibalistischen Umtriebe der Mormonengrillen: Innerhalb von nur 21 Sekunden fielen die Marschierer über frisch getötete Artgenossen her und verspeisten sie ausnahms- wie restlos – stellen sie doch ein ergiebiges Salz- und Eiweißdepot dar, das nicht verkommen soll.

Dagegen dauerte es bei lebenden und damit noch beweglichen Individuen volle 165 Sekunden bis zur Attacke. Und von den 14 intakten Grillen gelang es immerhin 13 mehr als zwei Stunden zu überleben, bis sie von den Forschern aus ihrer misslichen Lage befreit wurden – die Tiere wehrten Attacken ihrer Kontrahenten mit kräftigen Tritten ihrer Sprungbeine ab. Entsprechend fiel allerdings auch die Überlebensrate der beinamputierten Gesellen ab, die diese Verteidigungswaffe nicht mehr oder nicht mehr in vollem Umfang einsetzen konnten: Fehlte ein Fuß, so überdauerten nur noch elf der 14 Probanden, waren beide entfernt, dann gelang dies sogar gerade einmal fünf von 14.

Simpson und seine Kollegen vermuten folglich zwei entscheidende Kriterien als Initialzündung für den langen Marsch der Mormonengrillen: Sie setzen sich in Bewegung, wenn die ihre ursprüngliche Heimat nur noch mangelhafte Salz- und Proteinquellen bietet, weil sie entsprechend übernutzt wurden. Und sind die Tiere erst einmal unterwegs, empfiehlt es sich nicht mehr anzuhalten, da sonst jeder in kurzer Zeit zum Opfer werden kann – Bewegung als Selbstschutz.

Deshalb hält auch (fast) nichts mehr die Tiere auf, haben sie sich erst zum Aufbruch entschlossen. Dann hilft geplagten Bewohnern eigentlich nur noch Gottes Hilfe – oder zumindest die seiner Gesandten. Entsprechend trägt die Mormonengrille ihren Namen nach der Glaubensgruppe der Mormonen, die als erste den ungehemmten Wanderdrang der Heuschrecken dokumentierten, weil sie auf dem besten Wege waren, die Ernten der Siedler Utahs zu vernichten. Erst das unverhoffte Erscheinen zahlreicher Kerfe fressender Möwen bereitete der Legende nach diesem Spuk ein Ende und rettete die Mission der Mormonen.

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