Direkt zum Inhalt

News: Der Lüge ins Gesicht geschaut

Hinweise darauf, ob ein Mensch die Wahrheit spricht oder auch nicht, gibt es zuhauf: Lügendetektoren beispielsweise messen den Hautwiderstand, der sich ändert, wenn der Proband beim Lügen in Stress gerät. Der Volksmund behauptet hingegen, dass die Nase länger würde - zumindest bei der sprechenden Holzpuppe Pinocchio soll sich das so verhalten haben. Dabei scheint die Mimik eines Sprechers viel mehr über den Wahrheitsgehalt einer Darlegung zu sagen, als gemeinhin gedacht. Hirngeschädigte Menschen mit einer bestimmten Sprachstörung identifizieren Lügner auf jeden Fall sehr viel sicherer als gesunde - vermutlich, weil sie dem Gesichtsausdruck mehr Beachtung schenken.
Ob jemand die Wahrheit sagt oder nicht, ist nicht immer leicht zu erkennen. Gewiefte Lügner führen wahrscheinlich sogar ihre eigene Mutter an der Nase herum, ohne dabei rot zu werden. Bei Menschen mit einer bestimmten Sprachstörung, der Aphasie, beißt aber selbst der Gerissenste auf Granit. Aphasie ist ein Fachbegriff, der allgemein mit dem Wort "Sprachlosigkeit" übersetzt werden kann – allerdings nur, wenn die betroffene Person ihre normale Sprachfähigkeit durch einen Schlaganfall oder einen Unfall verlor. Oft sind die sprachlichen Fähigkeiten lediglich eingeschränkt, manchmal geht aber auch das gesamte Sprachverständnis verloren. In einer Studie am Massachusetts General Hospital (MGH) erkannten Aphasiker jedenfalls wesentlich häufiger, ob die Gemütslage einer Testperson tatsächlich mit der darüber getroffenen Aussage übereinstimmt, oder nicht (Nature vom 11. Mai 2000).

Diese Fähigkeit wurde schon früher bei Aphasie-Patienten beobachtet, aber nie wissenschaftlich untersucht. Medizinische Anekdoten, in denen Betroffene Lügner überführen, gehen bis in die frühen zwanziger Jahre zurück. Und in seinem populären Buch "Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte" schildert der Neurologe Oliver Sacks, wie Patienten mit dieser Sprachstörung einen Politiker im Fernsehen reden sahen und lachten, als sie erfuhren, was er gerade zuvor gesagt hatte.

Um diese Beobachtungen wissenschaftlich zu untermauern, präparierte Nancy Etcoff vom MGH mit ihren Mitarbeitern einige Videobänder. Darauf sollten einige Probanden bestimmte positive Aussagen über ihre Gemütslage machen. Allerdings wurden ihnen während der Aufzeichnung einmal harmonisch stimmende, positive Szenen vorgespielt und einmal aufwühlend Erschreckendes. Diese Bänder zeigten die Forscher – zunächst ohne Ton, dann mit – vier verschiedenen Teilnehmergruppen: Aphasie-Patienten mit Hirnschäden in der linken Hemisphäre, Patienten mit Verletzungen der rechten Hemisphäre, jedoch ohne Beinträchtigung des Sprachvermögens, dann einer bunt gemischten Kontrollgruppe und schließlich einigen Studenten. Dabei bestimmte der Zufall, welches der beiden Interviews die Teilnehmer zuerst sahen.

Vergleichbare Studien ergaben schon früher, dass die Wahrscheinlichkeit, das Interview zu erkennen, bei dem der Proband unter negativem Einfluss stand – also log – etwa 50 Prozent beträgt. Die Trefferquote bei den Aphasie-Patienten lag hingegen bei 73 Prozent, wenn sie nur auf den Gesichtsausdruck achteten. Die drei anderen Gruppen erkannten anhand der Mimik jedoch auch nur jeden zweiten Lügenfall richtig. Wurden die Stimmen der Probanden dazugespielt, lagen die Versuchsteilnehmer mit Sprachstörung immerhin noch bei 60 Prozent richtig, bei den anderen sanken die korrekten Beurteilungen auf 45 Prozent. Keine der Gruppen konnte ausschließlich anhand der Stimme erkennen, ob die Probanden logen oder nicht.

"Unsere Studie wirft allerdings die Frage auf, ob die Patienten mit Aphasie tatsächlich Lügen besser erkennen, oder ob sie vielmehr den emotionalen Zustand der Sprecher auf den Videobändern erkannten", erläutert Etcoff. "Frühere Arbeiten konnten nicht bestätigen, dass Personen mit Hirnschaden einfache Emotionen wie Freude oder Trauer besser erkennen als andere," fügt die Psychologin noch hinzu. Auf jeden Fall können Aphasie-Patienten Sprache in der Regel nicht richtig verstehen. Daher konzentrieren sie sich wahrscheinlich mehr auf die Gesichtszüge ihres Gegenübers und merken daher leichter, wenn der sprachliche Ausdruck nicht zur Mimik passt.

Siehe auch

Lesermeinung

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte