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Sozialverhalten: Der Mensch, ein Chamäleon?

Gezielt oder unbewusst: Wir beobachten unsere Gegenüber genau und übernehmen häufig deren Bewegungsmuster. Sind sie darin irgendwie eingeschränkt, so verlangsamen auch wir selbst unsere Motorik. Allein die Wahrnehmung dieser Situation hemmt sogar das eigene Reaktionsvermögen.
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Die Sozialpsychologie kennt das Phänomen seit Langem: Gesprächspartner nehmen im Verlauf einer Konversation häufig gleiche Körperhaltungen ein. Verschränkt beispielsweise das Gegenüber die Arme, imitiert der Gesprächspartner dies unbewusst. "Dieser Chamäleon-Effekt ist so interessant für uns, weil er einen Zusammenhang zwischen beobachteten Bewegungen und dem motorischen System des Beobachters nahelegt", erklärt Roman Liepelt vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig. "Besonders interessant ist dabei die Frage, ob auch der Kontext einer beobachteten Handlung im Beobachter abgebildet wird und dessen Reaktion beeinflusst."

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Reaktionszeiten | Betrachten die Versuchsteilnehmer Bilder von anderen Händen, bei denen Zeige- und Mittelfinger fixiert waren (Mitte), reagierten sie selbst deutlich langsamer als bei Aufnahmen, in denen Daumen und Ringfinger nicht beweglich waren (rechts). Dieser Anblick hemmte die eigene Reaktion überhaupt nicht, wie der Vergleich mit den Messwerten bei einem Bild mit völlig frei beweglichen Fingern zeigt.
Um dies herauszufinden, hat Liepelt zusammen mit Max-Planck-Kollegen und Marcel Brass von der Universität Gent eine Reihe von Experimenten durchgeführt. Sie zeigten beispielsweise Versuchspersonen Bilder von Händen, deren Finger teilweise fixiert waren oder nicht. Die Probanden wurden aufgefordert, ihre Zeige- oder Mittelfinger zu bewegen. Wurden ihnen Bilder gezeigt, bei denen Zeige- und Mittelfinger in ihrer Bewegungsfähigkeit eingeschränkt waren, so verlangsamte sich die Reaktionsfähigkeit, mit denen die Versuchspersonen ihre Zeige- und Mittelfinger hoben. Dies war nicht der Fall, wenn ihnen Bilder gezeigt wurden, bei denen stattdessen Daumen und Ringfinger in ihrer Bewegungsfähigkeit eingeschränkt waren, sie aber weiterhin mit ihrem Zeige- und Mittelfinger reagierten.

Um auszuschließen, dass dieser Effekt allein auf einem Wahrnehmungsphänomen basierte, ermittelte das Forscherteam zusätzlich auch die Reaktionszeiten von Zehenbewegungen, nachdem sie den Versuchsteilnehmern dieselben Bilder gezeigt hatten – und konnten keine verlangsamten Reaktionszeiten feststellen. Dies bestätigt die Annahme, dass die Beobachtung einer Situation direkt vom Beobachter gespiegelt wird und so einen direkten Einfluss auf seine Reaktion hat.

Kontext und Spiegelneuronen

Die Forscher ergänzten ihre Experimente durch Messungen von "Ereigniskorrelierten Potenzialen" (EKPs) im menschlichen Gehirn. Diese EKPs lassen sich aus Messungen der elektrischen Hirnaktivität an der Kopfoberfläche mittels EEG ermitteln und erlauben es, die Verarbeitung der Information im Hirn "online" zu verfolgen.

Dabei stellten sie fest, dass die Beobachtung eines bestimmten Kontextes einen direkten Einfluss auf einen Teil des motorischen Systems im Beobachter hatte, in welchem Spiegelneurone vermutet werden. Spiegelneurone sind Nervenzellen, die im Gehirn während der passiven Betrachtung einer Bewegung vergleichbare Potenziale auslösen, die entstehen, wenn diese Bewegung aktiv ausgeführt wird. Sie wurden in Italien von Giacomo Rizzolatti 1985 im Tierversuch mit Affen entdeckt. Aber auch beim Menschen konnte ein vergleichbares Spiegelneuronensystem zum Beispiel im Broca-Zentrum nachgewiesen werden, das unter anderem auch für die Sprachverarbeitung bedeutsam ist. Wissenschaftler nehmen derzeit ein ganzes System von Spiegelneuronen an.

"Ziel dieser Forschung ist es, zu verstehen, wie wir Handlungen anderer Personen einordnen können und welchen Einfluss dies auf unser eigenes Handeln hat", erklärt Liepelt. Da beobachtete Handlungen in der Umwelt automatisch auf das motorische System eines Beobachters projiziert werden, könnte "ein solcher Mechanismus einen wesentlichen Beitrag zum Handlungsverständnis und zur Vorhersage zukünftiger Handlungen anderer leisten und ein wichtiger Baustein sein, um die Beteiligung des menschlichen motorischen Systems an komplexeren kognitiven Funktionen zu verstehen."
20.09.2008

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 20.09.2008

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