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Supersturm Sandy: Der meteorologische Sonderfall

Was den Sturm Sandy so gefährlich macht, ist eine ungewöhnliche atmosphärische Situation: Mehrere Faktoren addieren sich zu ungewöhnlichem Zerstörungspotenzial.
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In der Nacht zum Dienstag traf Wirbelsturm Sandy auf die US-Ostküste und richtete dort, wie von Experten befürchtet, durch Wind, heftige Regenfälle und eine Sturmflut beträchtlichen Schaden an. Dass Sandy so viel mehr Zerstörungspotenzial hat als andere tropische Stürme, die sich so weit in den Nordatlantik verirren, verdankt er einer ungewöhnlichen Kombination von atmosphärischen Gegebenheiten, die aus einem schrumpfenden Tropensturm einen schwer zu berechnenden Hybridorkan machen – einen "Frankensturm", wie die amerikanischen Medien Sandy inzwischen nennen.

Eigentlich verliert ein Wirbelsturm erheblich an Kraft, sobald es ihn Richtung Norden verschlägt: Das Wasser wird kühler, und damit versiegt auch die Triebkraft des Hurrikans – Wasserdampf in der aufsteigenden Warmluft, der in der Höhe kondensiert und enorme Energie freisetzt. Dass Sandy diesem Schicksal so lange entgehen konnte, verdankt er zwei Faktoren. Einerseits ist das Wasser des Golfstroms dieses Jahr ungewöhnlich warm und kann so den Sturm am Leben halten. Vor allem aber hat Sandy sich eine neue Energiequelle erschlossen: einen enormen Keil kalter Luft, der in einer Schleife des Jetstreams von Kanada bis weit in den Süden der USA reicht.

Ungewöhnliche Kaltluft als Energieträger

Damit ist der Sturm von den Wassertemperaturen unabhängig – Sandy ist nun kein Hurrikan mehr, sondern ein ungewöhnlicher Hybridsturm. Einerseits bewahrt ihn das Erbe des tropischen Wirbelsturms, die warme, feuchte Luft, die normalerweise so ein Gebilde antreibt; zum anderen wird er einem Orkan der mittleren Breiten ähnlicher, der seine Kraft aus dem Zusammenprall arktischer und tropischer Luftmassen bezieht. Diese Kombination von Eigenschaften, geboren aus einer einzigartigen meteorologischen Situation, macht die Zerstörungskraft des Sturms aus.

Einem außertropischen Sturm, wie er in Europa häufig vorkommt, fehlt das klar abgegrenzte Auge mit niedrigem Luftdruck und den extrem starken Winden rings um dieses Zentrum, die einen Hurrikan kennzeichnen. Quasi als Ausgleich sorgen die langen Fronten zwischen warmen und kalten Luftmassen dafür, dass sich die Sturmwinde bei den Stürmen mittlerer Breiten über wesentlich größere Regionen erstrecken. Hurrikane sind zwar prominenter, aber auch die Stürme mittlerer Breiten können gigantische Schäden anrichten, wie die Orkane Kyrill und Lothar zeigen, die 2007 und 1999 in Mitteleuropa Schäden in Milliardenhöhe verursachten.

Ungewöhnlich ist auch die Zugbahn von Sandy. Tagelang driftete der Sturm über dem Atlantik nach Nordosten, wo er wohl harmlos verpufft wäre – wenn nicht ein großes Hochdruckgebiet über Grönland seinen Weg blockierte. Dieses gibt Sandy den entscheidenden Stoß nach Westen, so dass er in der nächsten Nacht frontal auf die US-Ostküste trifft: auf eine der am dichtesten besiedelten Regionen des Kontinents.

Sandys ungewöhnlicher Aufbau macht Vorhersagen der Stärke des Sturms ausgesprochen schwierig, allerdings sind sich die meisten Beobachter einig, dass er beträchtliche Schäden anrichten kann und vermutlich wird. Mit derzeit 1500 Kilometer Durchmesser ist Sandy deutlich größer als ein normaler Hurrikan und verursacht in einer viel größeren Region Starkwinde. Experten erwarten große Schäden an Stromleitungen und anderer Infrastruktur durch umstürzende Bäume und herunterfallende Äste – unter anderem weil die Bäume noch Laub tragen und dem Wind so größere Angriffsfläche bieten. Den betroffenen Gebieten drohen großflächige und lang anhaltende Stromausfälle.

Am meisten Sorgen jedoch macht den Katastrophenschützern die drohende Sturmflut. Dank seiner Größe beeinflusst Sandy ein großes Meeresgebiet und schiebt einen beträchtlichen Wasserberg vor sich her. Hinzu kommt, dass schon die normalen Gezeiten wegen des vollen Monds derzeit höher ausfallen – im schlimmsten Fall trifft die Sturmflut heute Abend um etwa 21 Uhr Ortszeit zusammen mit dem astronomischen Hochwasser ein. Nach aktuellen Prognosen drohen dann im Raum New York Wasserstände von bis zu drei Meter über Normalnull. In dem Fall muss man davon ausgehen, dass Manhattan und New York City teilweise überschwemmt werden.

The Big One trifft Big Apple

Dabei warnen Experten seit Jahren, dass New York für eine Sturmflut unzulänglich gerüstet sei – eine Möglichkeit macht ihnen besondere Sorgen: Die Flut könnte so hoch steigen, dass Wasser in die Tunnel und Schächte der New Yorker U-Bahn eindringt und sie flutet. Schon letztes Jahr im August traf der tropische Sturm Irene die Ostküste der USA und verursachte eine Sturmflut, die nur einige Handbreit unterhalb der Marke blieb, ab der die unterirdische Infrastruktur vollzulaufen beginnt. Ein solches Ereignis könnte nach Ansicht von Klaus Jacob von der Columbia University Teile des Nahverkehrs für einen Monat lahmlegen und bis zu 55 Milliarden Dollar kosten.

Das Wasser kommt allerdings auch von der anderen Seite, aus dem Hinterland. Sandy wird, schätzen Experten, großen Regionen reichlich Regen bringen. Schon Tropensturm Irene verursachte 2011 durch heftige Regenfälle Sturz- und andere Fluten, die Brücken und Straßen im Nordosten der USA zerstörten. Im Bundesstaat Vermont war das die schlimmste Katastrophe seit 1927 – und Sandy ist ein ganzes Stück größer und stärker als Irene. In der Summe addieren sich die Effekte des ungewöhnlichen Hybridsturms zu einer echten Bedrohung, und Experten rechnen schon jetzt mit außergewöhnlichen Schäden: Der Meteorologe Jeff Masters von der Website Weather Underground beziffert die potenziellen Kosten auf mindestens zwei Milliarden Dollar. Wenn die New Yorker U-Bahn noch einmal verschont bleibt.

© NASA / Kevin Ward / NOAA / University of Wisconsin-Madison Cooperative Institute for Meteorological Satellite Studies
Supersturm "Sandy" vor der US-Ostküste
Zeitrafferaufnahme der Entwicklung von Sturm "Sandy" am Sonntagnachmittag
44. KW 2012

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 44. KW 2012

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