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News: Der Oma-Effekt

Die Evolution erlaubt keinen Luxus. Individuen, die sich nicht mehr vermehren können, sollten daher möglichst bald das Feld räumen. Insofern erscheint die Existenz von nicht mehr fortpflanzungsfähigen Großmüttern evolutionsbiologisch paradox.
Der 4. August 1997 war für die französische Nation ein trauriger Tag. An diesem Tag starb Jeanne Calment. Das Licht der Welt hatte sie am 21. Februar 1875 erblickt – kurz nachdem Kaiser Napoleon III. seinen Thron räumen musste und Frankreich sich noch in den Nachwehen der Niederlage gegen Deutschland befand. Als sie 122 Jahre später verschied, war sie nicht nur die älteste Französin, sondern der bisher nachweislich älteste Mensch überhaupt.

Wohl nur wenige werden das Glück haben, mit einem so hohem Alter wie Madame Calment gesegnet zu sein, doch die Chancen, zumindest die Siebziger zu erreichen, stehen nicht schlecht – und steigen sogar immer weiter an. Zurzeit liegt die statistische Lebenserwartung neugeborener Jungen in Deutschland bei 75 Jahren, neugeborene Mädchen können sogar ihrem 81. Geburtstag entgegensehen.

Nun könnte man sich über diese Tatsache freuen und sich höchstens ein paar Gedanken machen, wie eine immer älter werdende Gesellschaft ihre Probleme in den Griff bekommt. Evolutionsbiologen hat allerdings diese hohe Lebenserwartung des Menschen grundsätzlich irritiert, dürfte es diese doch eigentlich gar nicht geben. Wäre die Existenz betagter Herren evolutionsbiologisch gerade noch vertretbar – schließlich können sie bis ins hohe Alter ihre Manneskraft behalten –, stellen ältere Damen auf den ersten Blick ein Paradox dar: Denn spätestens in den Fünfzigern, wenn die Menopause einsetzt, können Frauen keine Kinder mehr bekommen. Und wer seine Gene nicht mehr verbreiten kann, so sagt die Evolutionsbiologie, dessen Überlebenschance sollte rapide absinken.

In der Tat ist dies bei fast allen Organismen der Fall, einschließlich unserer nächsten tierischen Verwandten. Schimpansenweibchen sind spätestens ab dem 45. Lebensjahr unfruchtbar – also in einem nur wenig geringeren Alter als beim Menschen –, doch weniger als drei Prozent der Schimpansen erreichen überhaupt dieses Alter.

Als Erklärung für die hohe Lebenserwartung des Menschen entstand schließlich die Großmutterhypothese. Denn bei allen Ähnlichkeiten zwischen Schimpanse und Mensch gibt es doch einen Unterschied: Schimpansenjunge können sich nach der Entwöhnung – immer noch unter der Obhut ihrer Mutter – selbstständig ernähren. Menschlichen Babys fällt das bekanntermaßen schwer; sie müssen immer noch gefüttert werden. Die Aufzucht von Homo sapiens ist also deutlich arbeitsintensiver, und da wäre eine helfende Hand durchaus nützlich: Während Oma die Rasselbande ihrer älteren Enkel in Schach hält, kann Mama den jüngsten Nachwuchs stillen. Natürlich opfert sich die Großmutter dabei nicht aus reiner Nächstenliebe auf, sondern hat rein egoistische Interessen. Schließlich wird auch ein Teil ihrer Gene verbreitet, wenn die Tochter für mehr Enkelkinder sorgt.

Die Theorie klingt gut. Wie sieht es in der Praxis, im richtigen Leben aus? In einer wahren Fleißarbeit hat die finnische Doktorandin Mirkka Lahdenperä von der Universität Turku die Hypothese überprüft. Zusammen mit Kollegen aus Großbritannien und Kanada wertete sie historische Bevölkerungsregister aus Finnland und Kanada aus. Damit standen ihr die Lebensdaten von 537 Finninnen – samt deren Kinder und Kindeskinder – aus der Zeit von 1702 bis 1823 sowie von 3290 Kanadierinnen, die zwischen 1850 und 1879 geboren sind, zur Verfügung.

Um es kurz zu machen: Die Oma-Hypothese bestätigte sich; eine lebende Großmutter hatte durchaus einen positiven Effekt auf den Nachwuchs. In beiden Populationen, in der verhältnismäßig langsam wachsenden finnischen wie in der schnell expandierenden kanadischen Bevölkerung, hatten Frauen um so mehr Kinder, je älter ihre eigene Mutter wurde. Der Kindersegen stellte sich signifikant früher und in einem kürzerem Abstand ein.

Und nicht nur das. Eine im Elternhaus lebende Großmutter erhöhte auch die Überlebenschance der Enkel – und zwar unabhängig vom Geschlecht. Sowohl Töchter als auch Söhne profitierten von der liebenden Fürsorge ihrer Oma. Besonders wirkungsvoll zeigten sich dabei die noch jüngeren Großmütter: War Oma noch unter 60, stieg die Chance der Enkel, erwachsen zu werden, um zwölf Prozent an. Hatte sie dagegen ihren 60. Geburtstag bereits gefeiert, dann verbesserten sich die Überlebenschancen des Nachwuchses nur noch um drei Prozent.

Keinen Effekt hatte Oma übrigens, solange die Kleinen unter zwei Jahre waren – also vermutlich von der Mutter noch gestillt wurden. Und auch wenn die Großmutter nicht im selben Haushalt lebte, verschwand ihr positiver Einfluss.

Wir könnten also tatsächlich unsere hohe Lebenserwartung der fürsorglichen Pflege unserer Großmütter verdanken. Um das Ausbreiten eigener Gene möglichst lange zu ermöglichen, sorgte die Evolution beispielsweise für Reparaturmechanismen, welche DNA-Schäden alternder Zellen behebt. Damit verzögert sich der Alterungsprozess – wovon natürlich auch Männer profitieren.

Doch irgendwann ist eine Grenze erreicht. Spätestens wenn sich bei den Enkeln Nachwuchs einstellt, übernimmt die Tochter die Oma-Rolle, und die Urgroßmutter wird entbehrlich. Die Daten von Lahdenperä und ihren Kollegen zeigen tatsächlich, dass die Sterblichkeit finnischer und kanadischer Frauen rapide anstieg, sobald die ersten Urenkel zur Welt kamen. Von daher bleibt es doch sehr unwahrscheinlich, ein gesegnetes Alter wie Jeanne Calment zu erreichen.

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