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News: Der Schaltplan der Sprache

Die Sprache unterscheidet den Menschen vom Tier. Dieser Unterschied muss sich auch im Bauplan des Gehirns widerspiegeln, ein Affenhirn sieht äußerlich jedoch nicht wesentlich anders aus als ein menschliches. Dringt man jedoch tiefer in die Hirnanatomie ein, dann offenbaren sich die Unterschiede: Ein bestimmter Bereich des Großhirns, das Planum temporale, ist ganz anders verschaltet als beim Tier.
Irgendwann vor 500 000 Jahren muss etwas passiert sein. Die Hominiden, die damals durch die afrikanischen Wälder und Savannen streiften, begannen, ihre Laute und Rufe bewusst zu kontrollieren und sich damit untereinander zu verständigen. Die menschliche Sprache nahm ihren Anfang.

Wie dieser entscheidende Schritt vom Tier zum Menschen genau ablief, bleibt wahrscheinlich immer im Verborgenen. Sicher ist nur, dass wir uns seitdem von unseren Mitgeschöpfen abheben. Tiere könne zwar miteinander kommunizieren – man denke nur an die "Tanzsprache" der Bienen –, erreichen damit jedoch nie die Differenziertheit menschlicher Sprache. Dieser Unterschied muss sich letztlich im Entstehungsort der Sprache – im Gehirn – widerspiegeln.

Vergleicht man das menschliche Gehirn mit dem unseres nächsten Verwandten, den Schimpansen – mit dem wir 99 Prozent unseres Erbguts teilen –, dann fällt zunächst die unterschiedliche Größe auf: Im Vergleich zu den anderthalb Kilogramm menschlicher Hirnmasse sind die 400 Gramm des Schimpansenhirns eher bescheiden. Liegt in diesem Größenunterschied der Schlüssel der Sprache?

Der Neurologe Manuel Casanova vom Medical College of Georgia ist sich da nicht so sicher. Zusammen mit seinen Mitarbeitern suchte er nach feineren anatomischen Unterschieden zwischen menschlichen und tierischen Hirnen. Die Wissenschaftler nahmen sich daher einen bestimmten Bereichs des Temporallappens der Großhirnrinde vor. Hier, im so genannten Planum temporale, liegt beim Menschen ein Sprachzentrum – und zwar hauptsächlich auf der linken Seite. Das rechte menschliche Planum temporale ist deutlich kleiner. Andere Primaten, wie Schimpanse oder Rhesusaffe, besitzen zwar auch ein Planum temporale in jeder Hirnhälfte, die jedoch aber rechts und links jeweils gleich groß sind.

Innerhalb des Planum temporale sind die Nervenzellen in mehreren Schichten geordnet, wobei jeweils 80 bis 100 untereinanderliegende Zellen in so genannten Minisäulen zusammengeschaltet sind. Und genau diese Minisäulen analysierten die Wissenschaftler beim Gehirn von Mensch, Schimpanse und Rhesusaffe. Dabei entdeckten sie deutliche Unterschiede in der mikroskopischen Struktur – nicht nur zwischen den Arten, sondern auch zwischen rechtem und linkem Planum temporale des Menschen. Beim Schimpansen und beim Rhesusaffen sehen dagegen die beiden Hälften jeweils gleich aus.

Die Zellen des Planum temporale scheinen somit beim Menschen anders organisiert zu sein als bei seinen nächsten Verwandten. "Dieser anatomische Befund ist ein Hinweis, dass das Sprachzentrum im menschlichen Gehirn anders verschaltet ist als beim Schimpansen oder beim Rhesusaffen", betont Daniel Buxhoeveden von der Arbeitsgruppe. Und in diesem unterschiedlichen Schaltplan sehen die Wissenschaftler den Schlüssel der Sprache.

Hier könnten sich auch verschiedene Nervenkrankheiten manifestieren, ist Buxhoeveden überzeugt. Denn im Unterschied zur Alzheimer-Krankheit, bei der das Hirngewebe sichtbar geschädigt ist, gibt es diese deutlichen Krankheitsbilder bei Schizophrenie oder Autismus nicht. "Aber wir glauben, dass man diese [Krankheitsbilder] in der feinen Verschaltung des Gehirns wiederfindet."

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