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News: Der Schrei nach der Mutter

Kinder schreien nach ihrer Mutter, wenn sie sich verirrt haben - das gilt für Menschen wie für Paviane gleichermaßen. Aber während die menschlichen Mütter versuchen, ihre Kleinen durch Antworten zu beruhigen, scheinen Pavianmütter das nicht bewusst zu tun. Manchmal antworten sie sogar überhaupt nicht. Nach Ansicht von Wissenschaftlern fehlt den Tieren das Bewusstsein, dass sie durch eigene Lautäußerungen das Verhalten und Fühlen ihrer Artgenossen beeinflussen können.
Kinder, die von ihrer Mutter getrennt werden, rufen verzweifelt um Hilfe. Und Mütter, die ihre Kinder rufen hören, antworten ihnen, um sie zu beruhigen und ihnen zu zeigen, wo sie sind und dass sie sich ihnen nähern. Das ist in der Tierwelt nicht anders. Wenn hier ein Gruppenmitglied verloren geht, versucht es, durch Rufe die Gruppe wiederzufinden. Bisher waren Verhaltensforscher davon ausgegangen, dass die anderen Mitglieder dem Verirrten auch bewusst antworten.

Neue Erkenntnisse an Pavianen scheinen das zu widerlegen. Wie Drew und Karen Rendall von der University of Lethbridge in Kanada in einer mehrmonatigen Studie herausfanden, antwortet die restliche Gruppe dem Rufenden nicht bewusst. Selbst Mütter reagierten auf die Hilfeschreie ihres Nachwuchses nicht immer mit Lautäußerungen.

Sind die Pavianmütter etwa gefühllos? Nein, das nicht, meint Rendall. Denn schließlich machen sich die Tiere in der Regel auf, um ihr Kleines zu suchen. Aber den Tieren fehle die so genannte Theory of Mind, die Erkenntnis, dass auch die anderen Tiere eine Wahrnehmung, Gedanken und Gefühle unabhängig von den eigenen haben. Daher verstehen sie nach Ansicht der Wissenschaftler nicht, dass ihre Lautäußerungen den seelischen Zustand oder das Verhalten eines Artgenossen beeinflussen kann (Journal of Comparative Psychology vom März 2000). Im Falle des verloren gegangenen Kindes sei ihnen also nicht bewusst, dass sie es durch eigene Rufe beruhigen könnten.

Die Wissenschaftler untersuchten das Verhalten weiblicher Paviane. Es zeigte sich, dass die Tiere unter anderem eine Art Bellen ausstießen, wenn sie von der restlichen Gruppe getrennt wurden. Sie antworteten jedoch nie auf die Hilferufe anderer, selbst wenn es sich um das eigene Junge handelte. Auch wenn sich die Mütter gelegentlich aufmachten, das Kind zu suchen, so gaben sie doch keinerlei Laute von sich, die dem Kleinen versichern würden, dass seine Mutter auf dem Weg zu ihm ist. "Sie nahmen sicher die Schreie ihrer eigenen Kinder wahr, und waren auch motiviert, sie zu finden", erklärt Rendall. "Aber irgendwie gab es für sie die Verknüpfung nicht: Wenn ich rufe, wird das beeinflussen, was mein Kind weiß."

Falls Primaten dieses Bewusstsein tatsächlich fehlt, wäre das ein elementarer Unterschied zu der Verständigung von Menschen untereinander. Die meisten Wissenschaftler führten bisher den Satzbau als wesentliche Differenz in der Kommunikation zwischen Menschen und Menschenaffen an. Die neuen Ergebnisse jedoch deuten auf Unterschiede in viel grundlegenderen psychologischen Mechanismen hin, auf denen Kommunikation aufbaut. Es gibt drei Ebenen, auf denen Tiere einander antworten: Entweder sie tun es automatisch, ohne darüber nachzudenken, oder mit gewissen Gedanken, was der andere gerade macht. Bei der dritten Stufe überlegen sie sich, was der andere gerade denkt. Die Voraussetzung dafür aber ist eine Theory of Mind. So können Paviane also aus den Rufen der anderen sehr wohl bestimmte Informationen ableiten, aber sie selbst werden keine Lautäußerungen abgeben, die den anderen beeinflussen, weil sie gar nicht wissen, dass sie damit einen Einfluss ausüben können.

Bei Kindern entwickelt sich die Theory of Mind etwa mit vier Jahren. Sie beginnen zu verstehen, dass ihre Mitmenschen selbst einen Verstand haben, durch den sie denken, sich erinnern, folgern und sogar täuschen können. Dieser Schritt ist grundlegend für die weitere Entwicklung des Kindes.

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