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Gesellschaft in der frühen Bronzezeit: Der soziale Aufstieg der Älteren

Der soziale Aufstieg der Älteren
Wie es um die gesellschaftliche Stellung älterer Menschen vor rund 4000 Jahren stand, haben Archäologen bisher kaum erforscht. Nun nahm sich Jo Appleby von der University of Cambridge dieses Themas an. Ihr Ergebnis: Der soziale Status älterer Zeitgenossen hatte sich im Verlauf des 2. Jahrtausends v. Chr. grundlegend verändert – darauf lassen jedenfalls die Beigaben aus den Gräbern betagter Verstorbener in Niederösterreich schließen.

Für die Studie verglich die Archäologin zwei benachbarte Gräberfelder im Traisental: die zwischen 2200 und 1800 v. Chr. genutzte Nekropole von Franzhausen und den sieben Kilometer entfernten Friedhof bei Gemeinlebarn, der zwischen 1900 und 1600 v. Chr. belegt wurde. An beiden Orten hatten Kinder, Erwachsene und Greise ihre letzte Ruhestätte gefunden, deren genaues Alter Archäologen mittels Knochenanalysen bestimmen konnten.

Laut Appleby habe sich allerdings die Grabausstattung älterer Toter im Verlauf der Zeit gewandelt: Waren in Franzhausen bestimmte Schmuckstücke nur jüngeren Frauen vorbehalten, bestanden in Gemeinlebarn keine Unterschiede zwischen den Beigaben junger und alter Frauen.

Noch deutlichere Differenzen zeichneten sich bei den Männern ab: Während in Franzhausen die Gräber unabhängig vom Alter der Verstorbenen mit ähnlichen Beigaben ausgestattet waren, fanden sich im jüngeren Gräberfeld von Gemeinlebarn prestigeträchtige Stücke wie Bronzeäxte ausschließlich bei den Ältesten. Diese Männer waren um die 40, oftmals jedoch älter, als sie gestorben waren. Zudem stellten Archäologen an den Skeletten deutliche Spuren von Altersgebrechen wie Arthritis fest – offenbar war ihnen ihr hohes Alter auch anzusehen.

Das soziale Ansehen der Ältesten scheint also innerhalb eines kurzen Zeitraums gestiegen zu sein, so Appleby – möglicherweise wurde Altsein an sich positiver bewertet, da ältere Menschen auf einen reicheren Erfahrungsschatz zurückgreifen können. Für prähistorische Gesellschaften, die häufig mit den Folgen von Ernteausfällen, Unwettern oder Krankheiten zu kämpfen hatten, waren solche Kenntnisse überlebenswichtig, vermutet die Archäologin.

Auch von anderen Kulturen dieser Zeit ist bekannt, dass die Ältesten aus diesem Grund große Anerkennung genossen. In Mesopotamien etwa schätzte man sie als Bewahrer und Vermittler althergebrachter Traditionen.

Katharina Bolle

Oxford Journal of Archaeology 30/3, 2011, 231-246

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