Der spätere Augustus: Wie Octavian die römische Republik demontierte

»Octavius ist am 18. April in Neapel eingetroffen«, schrieb Cicero an einen Freund in Rom. Der Anwalt und Politiker weilte in Cumae nahe Neapel und hatte als einer der Ersten von der Ankunft des Octavius erfahren. Mit einiger Spannung hatte Cicero die Rückkehr von Cäsars Großneffen erwartet. Es war Frühjahr 44 v. Chr. – kurz zuvor war Cäsar von einer Gruppe republikanischer Senatoren ermordet worden.
Mit Octavius’ Rückkehr nach Italien kam eine Reihe von Ereignissen in Gang, die viele Jahre später der jahrhundertealten römischen Republik ein Ende setzen sollten. Der junge Mann baute systematisch den römischen Staat um, hielt die Anhänger der Republik aber im Unklaren über seine wahren Ziele. Der Stichtag seines politischen Aufstiegs lag Anfang Mai 44 v. Chr., als er knapp zwei Monate nach Cäsars Tod dessen Erbe antrat.
Der 18-jährige Großneffe hatte die Nachricht vom Anschlag auf seinen Großonkel in Apollonia erhalten, im heutigen Albanien, wohin jener den designierten »magister equitum« (Reiterführer) vorausgeschickt hatte, um einen geplanten Feldzug gegen das Partherreich vorzubereiten. Mit kleinem Gefolge war Octavius per Schiff heimgeeilt und hatte in Neapel erfahren, dass bereits wenige Tage nach dem Mord an Cäsar dessen letzter Wille öffentlich in Rom verlesen worden war: Der Diktator hatte ihn testamentarisch adoptiert, ihm seinen Namen vermacht sowie drei Viertel seines immensen Vermögens.
Octavius werde das Erbe antreten, berichtete Cicero (106–43 v. Chr.). Das habe ihm Lucius Cornelius Balbus gesteckt, der langjährige Privatsekretär Cäsars, der nun offenbar auch den Erben beriet. »Aber es wird zu schweren Konflikten mit Antonius kommen«, fügte Cicero hinzu. Tatsächlich schien ein Streit mit Marcus Antonius (um 86–30 v. Chr.), dem neuen starken Mann in Rom, unausweichlich zu sein.
Die Verschwörer waren geflohen
Seit Cäsars Ermordung während einer Senatssitzung an den Iden des März 44 v. Chr. war gut ein Monat vergangen, und in der Hauptstadt des Römischen Reichs herrschte gespannte Ruhe. Die Verschwörer, die sich zunächst auf dem Kapitol verschanzt hatten, waren großteils geflohen – auch weil der tote Diktator testamentarisch verfügt hatte, aus seinem Erbe jedem Bürger der Stadt Rom 300 Sesterzen auszuzahlen. Sie mussten also damit rechnen, dass die so großzügig bedachten Römer den Mord blutig rächen würden.
Nun belauerten einander in Stadt und Senat die verfeindeten politischen Lager. Auf der einen Seite standen Senatoren, die sich zwar nicht am Mordkomplott beteiligt hatten, die republikanischen Ideale der Täter aber teilten und das blutige Ende Cäsars nicht bedauerten. Zu ihnen zählte auch Cicero, der in einem Brief von der Genugtuung berichtete, »den Tyrannen sein verdientes Ende finden zu sehen«.
Mit dem Tod des Diktators sahen er und seine Mitstreiter die Chance zur Wiederherstellung der traditionellen Verfassung des römischen Staats gekommen: der Republik mit dem Senat als Zentrum der Macht. Ihnen standen die Cäsarianer gegenüber, die sich nun um Marcus Antonius sammelten, einen Weggefährten und Offizier Cäsars, der sich bis zu dessen Tod das Konsulat mit ihm geteilt hatte und jetzt als einzig verbliebener Konsul das höchste Amt im Staat allein bekleidete.
Ihm war es zunächst gelungen, das durch Cäsars Tod entstandene Machtvakuum auszufüllen. Er hatte dessen Veteranen um sich geschart und sich des Staatsschatzes bemächtigt. Zudem hatte ihm Calpurnia, die Witwe des Diktators, noch in der Mordnacht dessen Aufzeichnungen sowie sein gesamtes Barvermögen ausgehändigt.
Antonius’ besonnenem Vorgehen nach dem Attentat war es aber auch zu verdanken, dass Rom in den darauffolgenden Tagen relativ ruhig geblieben war. Er hatte die nach Rache dürstenden Cäsarianer davon abgehalten, umgehend das Kapitol zu stürmen und die dort ausharrenden Verschwörer zu massakrieren. Stattdessen hatte er verhandelt und mit Unterstützung Ciceros einen Kompromiss erreicht. Im Eilverfahren segnete der Senat alle Verfügungen Cäsars ab – sowohl die bereits getroffenen als auch die laut seinen Unterlagen geplanten, darunter diverse Personalentscheidungen und die Versorgung der Veteranen. Im Gegenzug wurden die Attentäter per Senatsbeschluss straffrei gestellt. Damit war ein friedlicher Übergang vorerst gelungen und die Gefahr eines Bürgerkriegs gebannt.
Diktator auf Lebenszeit
Cäsar war nicht der erste Feldherr, der seine Truppen nach Rom führte und dem Senat seinen Willen aufzwang. Allerdings war er der erste, der offenbar tatsächlich im Sinn hatte, die Republik durch ein neues, monarchisches Herrschaftssystem zu ersetzen. Er hatte alle traditionellen Regeln des politischen Betriebs mit Füßen getreten, die Alleinherrschaft an sich gerissen und sich erst kurz zuvor vom Senat zum Diktator auf Lebenszeit ernennen lassen.
Römische Diktatoren hatte es auch vorher gegeben: Sie sollten in den allermeisten Fällen vorübergehend als Krisenmanager wirken. Cäsar ließ sich das Amt Anfang 44 v. Chr. jedoch auf unbegrenzte Zeit übertragen – weil er, wie es schien, mit der Königswürde liebäugelte. Das war beispiellos in der Geschichte der römischen Republik, die mit der Vertreibung des letzten Königs über vier Jahrhunderte zuvor ihren Anfang genommen hatte.
Antonius hatte unter Cäsar Karriere gemacht und war ihm zehn Jahre lang ein treuer Gefolgsmann gewesen. Zudem waren erst wenige Wochen vergangen, seit er während eines religiösen Festes in aller Öffentlichkeit mehrmals versucht hatte, dem damals noch lebenden Diktator ein Diadem auf den Kopf zu setzen. Cäsar hatte die symbolische Krone zwar zurückgewiesen, doch die Geste war unmissverständlich – und die Erinnerung daran noch frisch. Jetzt, so argwöhnten die Senatoren, würde Antonius Cäsar politisch beerben und selbst nach der Alleinherrschaft greifen wollen.
Mit der Entscheidung, Namen und Erbe Cäsars anzunehmen, hatte Gaius Julius Caesar Octavianus, wie er nun hieß, auch seine Bereitschaft gezeigt, ihn politisch zu beerben. Damit hatte man in Rom nicht unbedingt gerechnet. Der Diktator hatte seinen Großneffen zwar gefördert, aber Octavian hatte trotzdem kaum nennenswerte politische oder militärische Erfahrung vorzuweisen. Für bedeutende Staatsämter oder ein Militärkommando war er zu jung.
Enge Vertraute wie sein Stiefvater Lucius Marcius Philippus (um 102 – nach 43 v. Chr.), in dessen Haus Octavian nach dem frühen Tod des leiblichen Vaters zeitweise aufgewachsen war, rieten ihm dringend davon ab, die Erbschaft anzunehmen – sonst drohe ihm dasselbe Schicksal wie Cäsar. Dennoch entschied der junge Mann offenbar ziemlich schnell, das Wagnis einzugehen, und begab sich Ende April in Begleitung einiger Berater in die Hauptstadt, wo er Anfang Mai 44 v. Chr. vor versammeltem Volk feierlich die Erbschaft antrat und versprach, das von Cäsar testamentarisch verfügte Geldgeschenk so schnell wie möglich an die Bürger von Rom auszuzahlen.
Octavian brauchte Geld
Konsul Antonius verweigerte allerdings die Herausgabe der Barschaft – mit der Begründung, es handle sich um Staatsgelder. Doch der Erbe hielt Wort. Cäsar war einer der reichsten Männer Roms gewesen und hatte Octavian ein riesiges Vermögen hinterlassen, das zahlreiche Immobilien und Liegenschaften umfasste. Octavian machte kurzerhand einen Teil davon zu Geld, verkaufte auch Grundstücke aus dem Familienbesitz seines ebenfalls sehr wohlhabenden Stiefvaters, nahm zusätzliche Kredite auf und leistete das von Cäsar versprochene Geldgeschenk. Kostenpunkt bei ungefähr 250 000 Anspruchsberechtigten: etwa 75 Millionen Sesterzen. Das war eine enorme Investition, die ihm jedoch eine gute Ausgangsposition für kommende Auseinandersetzungen verschaffte.
»Augustus betrat die politische Bühne als ganz junger Mann und lernte diese von Anfang an als einen Ort kennen, an dem es vor allem darauf ankam, sich zu behaupten«, sagt Holger Sonnabend, außerplanmäßiger Professor für Alte Geschichte an der Universität Stuttgart. Dass er auf diese Bühne gelangt war und sich dort behaupten konnte, hatte er ausschließlich seinem Großonkel zu verdanken. Denn neben dem Namen und Vermögen des Verstorbenen gingen auch all dessen Freundschafts- und Patronatsbeziehungen auf den Erben über. Sie bildeten die eigentliche Grundlage von Macht und Einfluss in der römischen Aristokratie.
Die riesige Klientel, die sich Cäsar während seiner Laufbahn systematisch aufgebaut hatte, bedeutete für Octavian eine Gefolgschaft in allen Schichten der Bevölkerung. Der Erbe musste sich freilich dieser Gefolgschaft würdig erweisen. Die prompte Auszahlung des Handgelds an die Römer war ein guter Anfang.
Auch die Überzeugung, die Republik sei am Ende und müsse durch ein neues System ersetzt werden, habe Octavian von Cäsar übernommen, sagt Sonnabend. Cäsars Schicksal habe ihm jedoch vor Augen geführt, dass es lebensgefährlich war, den Wunsch nach monarchischer Macht offen vor sich herzutragen. »Er stand daher vor der schwierigen Aufgabe, ein neues politisches System zu installieren, von dem die Zeitgenossen den Eindruck haben sollten, es sei die Wiederherstellung des alten Systems.«
Konsequenter Aufstieg zur Macht
Ob Octavian zu diesem frühen Zeitpunkt schon eine klare Vorstellung davon hatte, wie das von ihm angestrebte neue System überhaupt aussehen sollte, ist mangels Quellen unbekannt. Dass er an die Macht wollte, war jedoch offensichtlich. »Wir wissen natürlich nicht, was er dachte, aber wir können sehen, dass er ab dem Moment der Annahme des Testaments äußerst konsequent handelte«, erklärt Stefan Pfeiffer, Professor für Alte Geschichte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. »Im Grunde genommen ist danach jeder seiner Schritte zielgerichtet darauf ausgerichtet, das politische Erbe, das mit dem neuen Namen verbunden ist, auch anzunehmen und nach der Alleinherrschaft zu streben.«
Während die verfeindeten Lager einander mit zunehmender Schärfe attackierten und der Graben zwischen ihnen schließlich unüberbrückbar wurde, bereitete Octavian seinen nächsten Schritt vor und wartete ab. Er pflegte die ererbte Klientel, gewann weitere Freunde, Vertraute und Veteranen Cäsars für sich und steigerte seine Beliebtheit beim Volk durch die Ausrichtung von Spielen zu Ehren seines Adoptivvaters.
Als Antonius sich im Herbst 44 v. Chr. als scheidender Konsul vom Senat zwei wichtige Provinzen in Gallien sowie das Kommando über vier Legionen übertragen ließ, schien der Zeitpunkt zum Handeln gekommen zu sein. Von Gallien aus hatte Cäsar einst nach der Macht gegriffen. Sein Gefolgsmann Antonius schickte sich nun offenbar an, es seinem früheren Kommandanten nachzumachen. Octavian setzte daher seinerseits alles auf eine Karte, nahm noch mehr Geld in die Hand und stellte eine Privatarmee auf, die er den Republikanern – darunter Cicero – für den Kampf gegen Antonius anbot.
Im Auftrag des Senats
Der Jurist zögerte zunächst, ahnte er doch, dass es Octavian nicht um die Republik, sondern allein um die eigene Macht ging. »Von so einem möchte ich nicht gerettet werden«, schrieb er hellsichtig in einem Brief – und ließ sich dann doch mit ihm ein. »Alle Einsicht nutzte letztlich nichts«, konstatierte der Althistoriker Klaus Bringmann (1936–2021) in einem Aufsatz aus dem Jahr 2014. »Cicero konnte der Versuchung nicht widerstehen, Rom vor Antonius zu retten und die Republik wieder herzustellen, die mit der Tötung des Tyrannen Caesar eben nicht ihre Freiheit wiedergefunden hatte.« Er sorgte dafür, dass der Senat Octavians angemaßtes Kommando legitimierte und ihm den Auftrag erteilte, militärisch gegen Antonius vorzugehen.
Octavian war es gelungen, die Senatoren zu täuschen und sich als Retter der Republik darzustellen. Damit hatte er erstmals erfolgreich jenes Bild von sich vermittelt, mit dessen Verbreitung er für den Rest seines Lebens beschäftigt sein sollte. »Er gab sich als besorgter Politiker, dem vor allem an der Wiederherstellung der alten republikanischen Ordnung gelegen war«, sagt der Althistoriker Sonnabend. Auch nachdem er in mehr als zehn Kriegsjahren alle Konkurrenten um die Macht niedergerungen hatte und die Zügel des Staats fest in Händen hielt, und selbst noch als ihn der Senat zum Princeps (erster Bürger) und Augustus (Erhabener) erklärt hatte, verbreitete der geschickte Propagandist dieses Bild von sich.
»Wir Historiker sprechen heute von einer doppelbödigen Kommunikation«, erklärt Pfeiffer. »Er trat als Erster unter Gleichen auf, gab dem Senat gegenüber also den Standesgenossen, hielt zugleich aber alle Macht in seinen Händen.« Den Senatoren sei dies zwar nicht verborgen geblieben, so Pfeiffer. Doch Octavian vermied den Fehler Cäsars, allzu offensichtlich ein monarchisches System anzustreben. »Er hielt republikanische Institutionen stets in hohen Ehren.«
Zudem sei Augustus kein absoluter Herrscher gewesen. »Seine Legitimation basierte unmittelbar auf der Zustimmung durch die drei Akzeptanzgruppen Militär, Senat und Stadtbevölkerung«, erklärt Pfeiffer. Seiner Herrschaft versicherte er sich bei der römischen Aristokratie durch Ehrenstellungen. Die Macht, die ihm das Volk bewilligte, belohnte er mit den sprichwörtlich gewordenen »Brot und Spielen«. »Dadurch, dass er Schauspiele sehr häufig veranstaltete, diese sich durch ihre bunte Vielfalt und ihren Prunk auszeichneten, hat er alle übertroffen«, schrieb der Historiker Sueton (um 70–nach 122 n. Chr.). »Spenden an das Volk gab er häufig, gewöhnlich schwankten dabei die Geldbeträge (…) Wenn man Schwierigkeiten mit der Getreideversorgung hatte, ließ er Getreide häufig zu einem Spottpreis, manchmal kostenlos an jedermann verteilen.«
Nach der Eroberung der Alleinherrschaft konnte Octavian über die gesamten Ressourcen des Reichs verfügen, was es ihm ermöglichte, auch den Bedürfnissen der auf ihn persönlich vereidigten Truppen zu entsprechen – neben einem hohen Sold war dies vor allem die Veteranenversorgung.
Als Augustus 14 n. Chr. nach mehr als 40 Regierungsjahren starb, folgte ihm sein Adoptivsohn Tiberius als Kaiser über das Römische Reich – von einer Wiederherstellung der Republik war da längst keine Rede mehr.
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