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Hirnforschung: Der Sprachschalter

Problemlos schalten Zweisprachler von einer Sprache in die andere, ein plötzlicher Sprung in fremdes Vokabular ist meist schnell korrigiert. Was hält die sprachliche Verwirrtheit in Grenzen?
Zu beneiden sind sie, unsere Mitmenschen, die mit zwei Muttersprachen aufgewachsen sind: Während uns im ausländischen Eiscafe die Vokabeln ausgehen, bleiben die Zweisprachler souverän. Ihr bilinguales Gehirn lässt sie selten sprachlos. Zwei Wörterbücher im Kopf können aber auch zum Mischen von Vokabeln und Grammatik einladen. Wie schaffen es die Bilingualen, zwei Sprachen in einem Kopf unter einen Hut zu bringen?

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Hirnaktivität bei Bilinguisten | Bei den zweisprachigen Probanden, deutsch-englisch (A und C), japanisch-englisch (B), welche die Wortpaare auf dem Monitor sahen, zeigte sich eine ähnliche Hirnaktivität. Dieses Experiment führten die Forscher als Vortest durch. Die Versuchspersonen in (A) und (B) nahmen an der Magnetresonanztomografie teil, die in (C) an der Positronen-Emissions-Tomografie.
Die Zweisprachler könnten natürlich zwei Hirnregionen besitzen – für jedes Idiom eine. Diese Annahme erwies sich allerdings als falsch. Hirnforscher wissen schon länger, dass im bilingualen Gehirn immer dieselben Sprachzentren aktiv sind. Doch wie unterscheidet das Gehirn Deutsch von Englisch? Warum kommt es dabei nicht durcheinander? Mit diesen Fragen begann das Forscherteam um Cathy Price vom University College in London ihre Experimente.

Die Neurologen präsentierten drei Gruppen von Zweisprachlern auf einem Monitor Wortpaare. Diese besaßen entweder einen inhaltlichen Bezug zueinander, wie "Forelle" und "Lachs", oder waren völlig zusammenhangslos, wie beispielsweise "Löffel" und "Dusche". Beide Begriffe erschienen in der gleichen oder in unterschiedlichen Sprachen. Welche Neuronen im Gehirn die optischen Reize weiter leiteten, beobachteten die Forscher dann genauer: Durch Positronen-Emissions-Tomografie analysierten sie eine Gruppe deutsch-englischer Bilingualer, mit Magnetresonanztomografie schauten sie deutsch-englischen und japanisch-englischen Zweisprachlern ins Gehirn.

Hirnaktivität im Nukleus caudatusLaden...
Hirnaktivität im Nukleus caudatus | Im oberen Bild ist die Hirnregion des linken Nucleus caudatus zu sehen. Die unteren Abbildungen zeigen die neuronale Aktivität im Nucleus caudatus der deutsch-englischen (A und C) sowie der japanisch-englischen Zweisprachler (B).
Wie zu erwarten, zeigten sich die Sprachzentren im linken Schläfenlappen ähnlich geschäftig – egal mit welcher Sprache die Bilingualen konfrontiert wurden. Doch dann fiel den Wissenschaftler ein Hirnbereich ins Auge, den sie vorher nie in Zusammenhang mit der Zweisprachigkeit gesehen hatten: der linke Nucleus caudatus. Nahmen die Probanden Begriffe wahr, die voneinander abweichten, weil sie Unterschiedliches bedeuteten oder einer anderen Sprache angehörten, feuerten die Neuronen dieses Hirnbereichs deutlich stärker. Offensichtlich haben die Wissenschaftler im Nucleus caudatus gefunden, was sie suchten: das Kontrollzentrum der Zweisprachigkeit.

Wie der Bahnwärter seine Züge, erkennt der Nucleus caudatus offenbar eintreffende Sprachreize und stellt die Weichen, damit die Botschaft spezifisch weitergeleitet werden kann. Zeitgleich blockiert das Gehirn Wörter anderer Sprachen, um eine Vokabelmischung zu vermeiden. Nur so ist es möglich, dass in derselben Hirnregion zwei Wörterbücher schlummern.

Die Forscher konnten ihre Theorie bei einer dreisprachigen Frau bestätigt sehen, deren linker Nucleus caudatus beschädigt war. Diese Frau hatte ihre Vielsprachigkeit zwar nicht verloren, sprang jedoch – oft unkontrolliert – von einer Sprache in die andere.

Hätten wir den Nucleus caudatus nicht, so könnten wir uns vielleicht den Fremdsprachenunterricht in der Schule sparen – und müssten unser Urlaubseis mit Händen und Füßen erkaufen. Selbst wenn es also mal wieder nur für einige fremdsprachige Brocken langt – solange diese einer einzigen Sprache angehören, hat unser Gehirn schon einiges geleistet.
14.06.2006

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 14.06.2006

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