Direkt zum Inhalt

Domestikation: Der Stammbaum der Hunde reicht bis ins eiszeitliche Europa

Zwei aktuelle Studien bringen die Suche nach dem Ursprung der Haushunde deutlich voran: Sie liefern die bislang ältesten Gendaten der Tiere – und zwei verblüffende Erkenntnisse.
Eine künstlerische Darstellung einer prähistorischen Gemeinschaft vor einer Höhle. Mehrere Personen sind in alltäglichen Aktivitäten vertieft, darunter das Zubereiten von Nahrung und das Pflegen von Tieren. Im Vordergrund sind zwei Erwachsene, die einen Schädel betrachten, während im Hintergrund getrocknetes Fleisch an einem Gestell hängt. Ein Hund und seine Welpen sind ebenfalls zu sehen. Die Szene vermittelt ein Gefühl von Gemeinschaft und Alltag in einer natürlichen Umgebung mit Blick auf eine Landschaft mit Wasser und Vegetation.
Zur Gemeinschaft der Menschen, die am Ende der Altsteinzeit vor rund 16 000 Jahren nahe der heutigen türkischen Ortschaft Pınarbaşı lebten, gehörten eindeutig Hunde, wie diese Rekonstruktion zeigt. Dass die Tiere zusammen mit Menschen oder allein bestattet wurden, belegt die bedeutende Rolle der Tiere.

Als erstes Tier, das vom Menschen domestiziert wurde, nehmen Hunde bis heute einen speziellen Platz in unserer Geschichte ein. Noch immer sind sie allgegenwärtig in der menschlichen Gesellschaft. Doch woher stammen sie eigentlich? Wie sahen die frühesten Hunde aus? Und wo fand ihre Domestikation statt? Das Rätsel der Herkunft dieser Tiere blieb – trotz zahlreicher innovativer Studien aus den verschiedensten Fachgebieten – bislang ungelöst. Nun jedoch haben es Forscherteams in zwei separaten Fachartikeln in »Nature« ([1][2]) geschafft, näher an den Ursprung der Hunde heranzurücken als je zuvor. Gemeinsam zeichnen sie die frühe Entwicklung der Hunde im Westen Eurasiens nach.

In einer beeindruckenden Forschungsleistung analysierte und verglich ein Team um Anders Bergström von der University of East Anglia im englischen Norwich das komplette Erbgut von mehr als 200 Angehörigen der Hundefamilie [1]. Dabei fanden sie Dutzende Hunde (Canis lupus familiaris), die in den Jahrtausenden vor und nach dem Beginn der Landwirtschaft in Europa lebten. Diese prägende neue Lebensweise breitete sich zwischen etwa 10 000 und 4000 Jahren vor heute über den Kontinent aus.

Beim Menschen ist dieser Übergang durch einen großräumigen Zuzug von Bevölkerungsgruppen aus Südwestasien gekennzeichnet, der sich vielerorts klar in der Genetik niederschlägt ([3][4]). Bemerkenswerterweise gilt das Gleiche für frühe Hunde jedoch nicht, wie das Team um Bergström zeigt: Die Hunde, die zu den bäuerlichen Kulturen gehörten, stammten von Artgenossen ab, die vor mehr als 14 000 Jahren mit Jäger-und-Sammler-Gruppen durch Europa streiften.

Menschheitsgeschichte und Hundegeschichte verliefen in diesem faszinierenden Fall einmal nicht parallel zueinander; ganz anders als etwa in Asien [5] und Amerika [6], wo die Genetik der Hunde im Großen und Ganzen die Wanderungsbewegungen der Menschen und ihre kulturellen Umbrüche nachzeichnet. In Europa dagegen gab es zwar zwischenzeitlich immer wieder klar erkennbare genetische Beiträge anderer Hundepopulationen, doch davon abgesehen lässt sich das Erbgut heutiger europäischer Hunde immer noch direkt auf das der frühesten bekannten Tiere jener Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften zurückführen.

Verblüffende Ähnlichkeit

In der zweiten Studie [2] berichtet eine Gruppe um Laurent Frantz von der Ludwig-Maximilians-Universität München über das bislang älteste sequenzierte Hundegenom. Es stammt aus Anatolien und ist fast 16 000 Jahre alt. Mithilfe dieses Genoms und dem eines Hundes, der vor rund 14 000 Jahren in Großbritannien lebte, gelingt es dem Team um Frantz, die frühe Geschichte der Hunde in Europa nachzuzeichnen. Beide Genome gehören zur westeurasischen der beiden großen Hunde-Abstammungslinien, was darauf hindeutet, dass sich diese Linie fast 16 000 Jahre zurückverfolgen lässt.

Ein verblüffender Befund ist, dass der von ihnen untersuchte Hund aus Anatolien eng mit jenem von den Britischen Inseln verwandt ist – trotz der 3000 Kilometer, die ihre jeweilige Heimat trennen. Demzufolge breitete sich wohl die gemeinsame Population der beiden rasch über enorme Distanzen aus. Hunde scheinen zwischen sehr unterschiedlichen Kulturen und Menschengruppen weitergegeben worden zu sein.

Indem sie die gewonnenen Gendaten zeitlich und räumlich in die Geschichte von Mensch und Hund einordnen, liefern die beiden Teams zugleich neue Einblicke in die Hundedomestikation. Bereits vor etwa 10 000 Jahren waren die Tiere in Asien und Nordamerika weitverbreitet, das haben zahlreiche Erbgutanalysen der vergangenen Jahre gezeigt ([7][8]). Auch hatten sich die Hunde zu diesem Zeitpunkt schon in unterschiedliche genetische Gruppen aufgegliedert, folglich muss ihre Domestikation früher stattgefunden haben – wahrscheinlich in Eurasien, dem Zentrum dieser Aufspaltung.

Wo wurde der Wolf zum Hund?

Heutzutage findet man die größte genetische Vielfalt unter Hunden in Ostasien. Deshalb hat die Fachwelt lange angenommen [9], dass auch der Ursprung der Hunde dort zu finden sein müsste. Allerdings fehlen entsprechende Nachweise: Es gibt bislang keinen einzigen – genetisch eindeutigen – Fund eines Haushunds im Osten Eurasiens, der älter als 10 000 Jahre ist. [5]

Die beiden neuen Studien hingegen weisen Hunde für die Zeit vor 14 000 und 16 000 Jahren in Europa und Südwestasien genetisch nach. Das rückt den Westen Eurasiens wieder ins Blickfeld der Suche nach dem Ausgangspunkt der Hundedomestikation.

Hundekieferfragment | Unter den 216 Wolfs- und Hundeüberresten, die die Gruppe um Bergström analysierte, war dieser Kiefer der älteste. Gefunden wurde er in der Kesslerloch-Höhle in der Schweiz. Laut Radiokarbondaten ist er rund 14 200 Jahre alt.

Was kommt als Nächstes? Bislang ist es niemandem gelungen, die genaue Population jener Wölfe (Canis lupus) zu identifizieren, von der alle Hunde abstammen. Offen ist auch, wo und wann diese wilde Population existierte. Beide Studien zeigen jedoch in dieselbe Richtung: nach Westeurasien.

So teilt etwa der älteste, aus der heutigen Schweiz stammende Hund, den Bergström und Kolleginnen und Kollegen untersuchten, Erbgutanteile mit heutigen Hunden in Europa. Was dafür spricht, dass diese Linie in Europa seit mindestens 14 000 Jahren fortbesteht, statt erst später mit anderen Hundepopulationen eingewandert zu sein.

Der Stammbaum reicht bis in die Eiszeit

Nicht zuletzt hilft die Studie des Teams um Frantz auch bei der Interpretation älterer Daten zu mitochondrialem Erbgut. Mitochondrien sind Bestandteile von Zellen mit eigenem Erbgut, das sich ausschließlich über die mütterliche Linie weitervererbt. Andere Forschergruppen hatten bereits mtDNA gewonnen, die mutmaßlich von frühen Hunden stammte, was die neue Studie nun mithilfe ihrer eigenen mtDNA-Daten bestätigt: Die beiden neu untersuchten ältesten Hunde waren mit den früher identifizierten, ebenfalls rund 14 000 Jahre alten Tieren, nahe verwandt.

Das macht noch einmal deutlich, dass Hunde vor 14 000 Jahren im Westen des eurasischen Kontinents bereits weitverbreitet gewesen sein dürften – von den Britischen Inseln über Mitteleuropa und die Italienische Halbinsel bis nach Anatolien. Zusammengenommen zeigen die beiden Veröffentlichungen in »Nature«, dass die Wurzeln heutiger westlicher Hunde weit in die Vergangenheit zurückreichen: bis ins späte Pleistozän, also bis in eine Epoche, in der die letzte Eiszeit noch nicht vollständig zu Ende gegangen war.

WEITERLESEN MIT »SPEKTRUM +«

Im Abo erhalten Sie exklusiven Zugang zu allen Premiumartikeln von »spektrum.de« sowie »Spektrum - Die Woche« als PDF- und App-Ausgabe. Testen Sie 30 Tage uneingeschränkten Zugang zu »Spektrum+« gratis:

Jetzt testen

(Sie müssen Javascript erlauben, um nach der Anmeldung auf diesen Artikel zugreifen zu können)

  • Quellen
[1] Bergström, A. et al., Nature 10.1038/s41586–026–10112–7, 2026
[2] Marsh, W. et al., Nature 10.1038/s41586–026–10170-x, 2026
[3] Skoglund, P. et al., Science 10.1126/science.1216304, 2012
[4] Allentoft, M. et al., Nature 10.1038/s41586–023–06865–0, 2024
[5] Zhang, S. et al., Science 10.1126/science.adu2836, 2025
[6] Ní Leathlobhair, M. et al., Science 10.1126/science.aao4776, 2018
[7] Bergström, A. et al., Science 10.1126/science.aba9572, 2020
[8] Sinding, M. et al., Science 10.1126/science.aaz8599, 2020
[9] Wang, G. et al., Cell research 10.1038/cr.2015.147, 2016

Schreiben Sie uns!

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte

Bitte erlauben Sie Javascript, um die volle Funktionalität von Spektrum.de zu erhalten.