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Wissenschaftliche Zweifel: Der tiefe Fall eines Ernährungspapstes

Brian Wansink galt als Star der Ernährungsforschung. Doch nun trat er von seiner Universitätsstelle zurück. Mehrere seiner Arbeiten wurden auf einmal zurückgezogen.
Arbeitskollegen essen gemeinsam Pizza

Seine Studien gingen durch die Medien – auch »Spektrum.de« berichtete immer wieder darüber (bisweilen wenigstens mit einem zwinkernden Auge als »Sommerlochmeldung«): Größere Teller sorgen für größere Portionen, gesundes Essen verleitet zu üppigerem Nachtisch, füllige Kellner machen Appetit auf Süßes … So lauteten die Resultate von Brian Wansinks Arbeiten, die der Ernährungspsychologe an der Cornell University durchführte und begleitete. Das Fachmagazin »JAMA« hat nun allerdings gleich sechs seiner Publikationen wegen starker Zweifel an ihrer wissenschaftlichen Validität zurückgezogen – was die Gesamtzahl derart zurückgezogener Studien von Wansink auf 13 erhöht. Zahlreiche weitere seiner Studien mussten zudem nachträglich korrigiert werden. Als Konsequenz trat Wansink von all seinen Posten an der Cornell University zurück, im Juni 2019 geht er in den Ruhestand, meldet »Vox«. Bis dahin lehrt oder forscht er nicht mehr, sondern begleitet nur noch die Aufarbeitung seiner bisherigen Studien, so die Universität.

Wansink gilt als einer der einflussreichsten Ernährungsforscher in den USA und weltweit, seine Arbeiten sollen rund 20 000-mal zitiert worden sein. Dabei ging es während seiner Studien wohl nicht immer valide zu, um es vorsichtig auszudrücken. Im April 2018 äußerte »JAMA« profunde Zweifel, ob überhaupt eine der von Wansink dort publizierten Studien haltbar sei. Das Journal forderte daher die Cornell University auf, in einer unabhängigen Untersuchung die gemeldeten Ergebnisse zu überprüfen. Dies war laut der Hochschule jedoch nicht möglich. »Wir bedauern, Ihnen nicht versichern zu können, dass die Studienergebnisse valide sind. Wir haben keinen Zugriff auf die Originaldaten«, schrieben die Verantwortlichen an »JAMA«. In der Folge blieb dem Journal nichts anderes übrig, als die Veröffentlichungen zurückzuziehen.

Tragisch für den Forscher ist wahrscheinlich, dass er die Lawine wohl selbst ins Rollen gebracht hat. 2016 schrieb Wansink in einem Blog-Post, wie eine seiner Doktorandinnen immer neue Resultate aus einem eigentlich gescheiterten Experiment ziehen und publizieren konnte. Darin ging es um Pizza und Essensmengen, weswegen der Vorgang unter dem Begriff »Pizza Papers« bekannt wurde. Letztlich mussten vier Studien zurückgezogen werden, die mindestens 150 fragwürdige Zahlen enthielten; darunter verdächtige p-Werte und andere statistische Tricksereien.

In der Folge richteten Wissenschaftler ihren Blick auf andere Arbeiten Wansinks und enthüllten mehrfach, dass er mit diesen zweifelhaften Methoden auch an weiteren Forschungsergebnissen gedreht hatte, damit sie zu seinen Hypothesen passten. Zudem verweigerte er unabhängigen Wissenschaftlern den Zugriff auf seine Originaldaten, so dass sie diese nicht selbst neu analysieren konnten. Brian Wansink betrachtet Cornells fehlgeschlagene Überprüfung seiner Daten hingegen als Ordnungsproblem. »Alle wiederholten Analysen, die Cornell überprüft hatte, kamen zum gleichen oder einem sehr ähnlichen Ergebnis wie wir. Was wir als Einziges nicht mehr finden konnten, waren die ursprünglichen Aufzeichnungsgeräte, von denen manche 18 Jahre alt waren. Wir besaßen die elektronischen Kopien der Daten, jedoch nicht mehr die Originalausdrucke«, äußerte sich der Wissenschaftler gegenüber »Retraction Watch«. Er sei zuversichtlich, dass andere Arbeitsgruppen seine Analysen reproduzieren werden.

39/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 39/2018

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