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Verhaltensbiologie: Der Treiberkönig

Verschiedene Säugetiere jagen in Gruppen, aber selten übernimmt dabei ein Individuum immer dieselbe Rolle. In der Wasserwelt sieht das offenbar ein wenig anders aus.
Tümmler
Gäbe es einen Pokal für den besten Treiber bei der Fischjagd, TLFN würde ihn bestimmt bekommen. Allerdings: Was will ein Großer Tümmler schon mit einem solchen Ding anfangen? Das zugehörige Rampenlicht mit Fototerminen und Videoaufnahmen hat der marine Säuger, der sich vor der Küste Floridas zu Hause fühlt, jedenfalls klaglos über sich ergehen lassen. Und damit Stefanie Gazda von der Universität von Massachusetts in Dartmouth und ihren Kollegen spannende Einblicke ins delfinische Jägerlatein gegeben.

Die Wissenschaftler waren täglich mit ihrem Boot hinausgefahren, um Tümmlergrüppchen bei der Nahrungssuche zu beobachten. Anhand der Finne lassen sich die einzelnen Tiere gut identifizieren, und so konnten Gazda und ihre Mitarbeiter mit Hilfe von Fotosequenzen die Tümmler bei ihren Fischzügen verfolgen. Dabei stellten sie erstaunt ein eher seltenes Phänomen in der Säugerwelt fest – manche Individuen haben sich offenbar auf eine bestimmte Aufgabe spezialisiert.

Tümmler bei der Jagd | Mit heftigen Schwanzschlägen scheuchen Große Tümmler Fische auf, die daraufhin in die Luft springen. Dort werden sie von den Meeressäugern ergriffen und gefressen.
Wie TLFN. Er gehörte mit zwei weiteren Individuen zu Gruppe A, einer Clique, die bei der Jagd immer unter sich blieb. TLFN übernahm dabei stets die Aufgabe, die Fischschwärme mit kräftigen Schlägen der Schwanzflosse auf die Wasseroberfläche aufzuscheuchen und in Richtung der beiden Kollegen zu treiben, die sie nebeneinander wie eine Art Barriere erwarteten. Die so getriebenen Fische springen meist in die Luft, wo sie dann allerdings von den hungrigen Meeressäugern aufgefangen und gefressen wurden.

Auch bei einer zweiten Gruppe agierte stets dasselbe Tier – PNT – als Treiber. Allerdings schwankte hier die Gruppengröße von insgesamt zwei bis sechs Angehörigen, womit die Barrieremannschaft immer wieder unterschiedlich ausfiel. Und zu guter Letzt gab es noch einen Einzelgänger namens CECR, der sich manchmal Gruppe B anschloss, häufig aber die Fische auch nur für sich allein trieb und verspeiste.

Und wie sah es mit dem Jagderfolg aus? Hier stach Gruppe A und insbesondere Pokalanwärter TLFN deutlich hervor: Keiner erbeutete so viel wie er. Überhaupt zählten die Forscher bei Jagdzügen dieser Gruppe deutlich mehr Fische in der Luft als bei Gruppe B oder CECR auf Individualtrip. Kein Wunder, dass sich Gruppe A auch reichhaltiger ernährte als Gruppe B. Ein gut eingespieltes Team wie unter TLNF scheint sich also besonders zu bewähren.

Oder aber die Treiberqualitäten. Denn CERC machte ähnlich reichen Fang wie PNT, der Treiber von Gruppe B – so er denn allein loszog. Damit scheint das unter Tümmlern durchaus beliebte Scheuchen der Beute in Richtung einer Barriere – sei es Artgenosse, Sandbank, Hafen oder gar die Netze ansässiger Fischer, die sich dann entsprechend erkenntlich zeigen – offenbar nicht unbedingt nötig. Warum aber CERC sich bei Gruppenaktionen zurückhielt und dem anderen das Vorrecht des Treibens mit entsprechenden Erfolgsaussichten überließ, müssten sicherlich Delfinpsychologen untersuchen. Vielleicht übt er ja noch, um TLFN nacheifern zu können.

Nicht vergessen aber sollte man, das mahnen die Autoren selbst, die jeweiligen Jagdgründe: Gruppe A bevorzugt ein Gebiet mit Seegras bedecktem Grund, in dem sich zahlreiche Fische verstecken. Die heftige Unruhe, die TLFN hier auslöst, scheucht entsprechend viele noch schwimmende Nahrung auf und vergrößert so schon ganz allein den potenziellen Erfolg. Gruppe B hingegen nimmt mit einem Gebiet vorlieb, dessen Boden von Schlamm und Sand bedeckt ist – hier ähnliche reiche Beute aufzuspüren, ist höchst unwahrscheinlich. Vielleicht könnten PNT oder CERC unter vergleichbar günstigen Bedingungen durchaus auch Pokalanwärter werden. So es ihn denn gäbe.

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