Direkt zum Inhalt

Meteoriteneinschlag in Schottland: Der wandernde Krater

Ein kosmischer Treffer, zwei Erklärungen: Liegt ein kleiner Krater unter Wasser - oder wurde einst ein Gigant hunderte Kilometer weit verschoben?
Künstlerische Darstellung des Blicks aus dem Orbit auf einen gerade auf dem Erdenrund einschlagenden Meteoriten, der eine Art symbolischen Schweif hinter sich herzieht. Real wäre das Bild komplett weiß, weil so ein Impakt doch ein bisschen heller ist als hier suggeriert.Laden...

Eine Schicht geschmolzener Gesteinstrümmern an der Küste des Minchkanals zwischen den schottischen Highlands und den Äußeren Hebriden hat zwei radikal unterschiedliche Interpretationen hervorgebracht. Einig sind sich die zwei Arbeitsgruppen, die ihre Ansichten nun im »Journal of the Geological Society« veröffentlicht haben, nur in der Feststellung, dass vor 1,2 Milliarden Jahren dort ein Asteroid einschlug und die als Stac-Fada-Formation bekannte, bis zu 11 Meter dicke Trümmerschicht erschuf. Doch von da an scheiden sich die Ansichten. Kenneth Amor von der University of Oxford, der im Jahr 2008 in der Schicht erstmals die Spur eines Meteoriteneinschlags erkannte, deutet das Ereignis als vergleichsweise kleinen Einschlag, dessen Krater nicht weit entfernt in Richtung Nordwesten unter dem heutigen Meeresboden zwischen Highlands und Inseln lag.

Dagegen vertreten Michael J. Simms von den National Museums of Northern Ireland und Kord Ernstson von der Universität Würzburg eine gewagte und spektakuläre Vermutung: ihrer Ansicht nach gibt es einen Zusammenhang zwischen der Stac-Fada-Formation und einer nicht weit östlich liegenden, kreisförmigen Schwereanomalie um den Ort Lairg in den Highlands. Anhand von Messungen des lokalen Schwerefelds interpretieren sie die Struktur als Überrest eines komplexen Kraters mit rund hundert Kilometer Durchmesser – für einen kleineren Einschlag sei die Störung im Schwerefeld zu stark. Dann aber läge die Stac-Fada-Formation innerhalb des einstigen Kraters, und das ist nicht der Fall.

Die von Simms und Ernstson angebotene Erklärung für diese Diskrepanz klingt abenteuerlich: Der Krater sei mindestens einige Dutzend Kilometer weiter östlich entstanden und habe sich in den seither 1200 Millionen Jahren an seinen heutigen Ort bewegt. Allerdings sind derartige Vorgänge keineswegs selten in der Erdgeschichte. Wenn Kontinente miteinander zusammenstoßen, werden gigantische Gesteinsschollen zu Gebirgen übereinander geschoben – zum Beispiel liegen Gesteine in den nördlichen Alpen wohl einige hundert Kilometer entfernt von ihrem Ursprung. Dass Vergleichbares auch im heutigen Schottland geschah, ist unstrittig – vor 400 Millionen Jahren schloss sich dort ein Ozean, und die Grenzen zwischen den übereinander gleitenden Gesteinsmassen sind bis heute zu erkennen.

Dieser als Kaledonische Gebirgsbildung bezeichnete Prozess habe auch den schon damals uralten Krater verschoben – entlang einer unbekannten, noch zu findenden Verwerfungslinie, die weit tiefer in die untere Erdkruste reicht als bisher angenommen. Die Vermutung der beiden Wissenschaftler würde zu einer erstaunlichen Schlussfolgerung führen: Europas vermutlich schwerster Meteoriteneinschlag fand in Nordamerika statt – denn vor 1,2 Milliarden Jahren gehörte der Nordwestrand der Highlands noch zu dessen Vorläufer Laurentia. »Eingemeindet« wurde dieser Fetzen erst, als sich der heutige Atlantik zu öffnen begann. Allerdings hängen all diese Vermutungen lediglich an einer speziellen Interpretation von Schweredaten.

Das Team um Kenneth Amor dagegen hat zwar keinen Krater vorzuweisen – dafür aber eine ganze Liste von Belegen, die seine Interpretation eines kleineren Einschlags nordwestlich der Küste stützen. So identifizierte die Arbeitsgruppe in den Trümmern die chemischen Signaturen zweier unterschiedlicher Teile des Grundgebirges, die beide in der Region vorkommen und  – so die Vermutung – durch die Stoßwelle des Einschlags aus Nordwesten herangetragen wurden. Gleichzeitig zeigen einerseits die genaue Struktur der Stac-Fada-Formation und andererseits subtile Unterschiede in der Magnetisierbarkeit der geschmolzenen Trümmer nach Ansicht der Arbeitsgruppe, dass auch die glühende Trümmerwolke selbst von Nordwesten kam. Weiter südlich sei die Trümmerschicht dünner, so die Arbeitsgruppe. Nun will das Team um Amor unter Wasser nach dem Krater suchen – Simms und Ernstson dagegen müssen darauf hoffen, dass die von ihnen postulierte tiefe Bruchlinie auftaucht.

24/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 24/2019

Lesermeinung

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnervideos