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Fruchtbarkeit: Der Westen in der Spermakrise?

Männer aus Industrienationen produzieren nur halb so viele Spermien wie vor 40 Jahren, so eine neue Studie. Doch das Ergebnis ist umstritten - wie jede Spermastudie bisher.
Illustration von Spermien bei der KollektivbewegungLaden...

Männer aus westlichen Industrienationen produzieren nur noch halb so viele Spermien wie zu Beginn der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts. Zu diesem Ergebnis kommt eine Arbeitsgruppe um Hagai Levine von der Hebräischen Universität Jerusalem in einer jetzt in der Zeitschrift "Human Reproduction Update" veröffentlichten Analyse. Aus etwa 7500 Untersuchungen zum Thema wählte die Gruppe 185 geeignete Studien aus, um eventuelle Störfaktoren auszuschließen. Anhand dieser Daten kommt sie bei der Spermienkonzentration auf einen Rückgang von etwa 52 Prozent und sogar nahezu 60 Prozent bei der Spermienanzahl. Der Trend sei zusätzlich im gesamten Zeitraum gleich geblieben, es gebe also keine Anzeichen, dass das Problem nachlasse, heißt es in der Publikation. Dagegen zeige sich im Rest der Welt keine derartige Abnahme. Welche Ursache hinter dem gemessenen Spermienrückgang steckt, darüber gibt die Studie allerdings keine Auskunft. Entsprechend ist unklar, ob die niedrigeren Zahlen tatsächlich einen Rückgang der Fruchtbarkeit anzeigen.

Berichte über sinkende Spermienzahlen bei Männern gibt es immer wieder, die Befunde reichen bis in die frühen 1990er Jahre zurück – waren jedoch von Anfang an umstritten. Es steht der Verdacht im Raum, dass Selektionseffekte für die geringeren Zahlen verantwortlich sein könnten, zum Beispiel weil Männer mit Fruchtbarkeitsproblemen in solchen Studien überrepräsentiert sind oder unauffällige Befunde seltener veröffentlicht werden. Derartige Effekte sollte die neue, groß angelegte Studie ausschalten.

Das sei gelungen, befindet der Reproduktionsmediziner Stefan Schlatt von der Universität Münster: "Diese Studie ist die beste Neuberechnung, die es wohl derzeit gibt", methodisch sei der Ansatz einwandfrei. Die Studie zeige außerdem, dass der Negativtrend bei der Spermienzahl stabil sei. Wie der Forscher zu bedenken gibt, lassen derartige Zahlen aber keinen Rückschluss auf eine Abnahme der männlichen Fruchtbarkeit zu.

Die Andrologin Sabine Kliesch von der Universitätsklinik Münster stellt sogar die Möglichkeit in den Raum, dass der gemessene Trend nur ein Artefakt der Veränderungen in den Messmethoden ist: Erst seit Anfang des Jahrtausends existierten überhaupt Mechanismen zur Qualitätskontrolle, und auch die Apparaturen, mit denen die Daten erhoben werden, hätten sich im fraglichen Zeitraum verändert, so die Medizinerin. Und selbst wenn die Zahlen stimmen, seien sie nicht zwangsläufig ein Alarmsignal. "Die gezeigten Veränderungen befinden sich alle in einem hochnormalen Bereich", eine Einschränkung der Zeugungsfähigkeit sei anhand dieser Zahlen nicht zu erwarten.

Sollte der Rückgang allerdings real sein, wäre das auch bei bisher nicht eingeschränkter Zeugungsfähigkeit ein Warnsignal im Bezug auf die Gesundheit. Verschiedene Faktoren können die Zeugungsfähigkeit mindern, darunter Lebensstileffekte wie Rauchen, Stress oder Übergewicht. Auch Umweltchemikalien stehen auf der Liste der Verdächtigen für den Rückgang der Spermienzahl – doch außer im Fall des Rauchens gibt es für die Einflüsse all dieser Faktoren lediglich Indizien.

30/2017

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 30/2017

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