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News: Der Zahn der Kreidezeit

Wenig auffällig fristeten während der Kreidezeit kleine Säugetiere ihr Dasein auf dem Erdboden, die jedoch einer glänzenden Zukunft entgegensahen: In dieser Periode kristallisierten sich unter anderem die Beuteltiere heraus, die sich von ihrem vermutlichen Ursprung auf der nördlichen Hemisphäre über Südamerika Zutritt zu Gondwana verschafften. Doch nun deutet ein kleiner, in Madagaskar gefundener Zahn eines Beuteltieres aus der späten Kreidezeit darauf hin, dass jene Tiergruppe den ehemals großen Kontinent der Südhalbkugel schon viel früher besiedelt hat.
Die Beuteltiere oder Marsupialia sind vergleichsweise ursprüngliche Säugetiere, die sich in der Kreide neben den Plazentatieren als eine der beiden großen modernen Säugetiergruppen entwickelten. Ihren Namen verdanken diese Lebewesen dem Umstand, dass sie ihre Jungen in einem frühen Entwicklungsstadium gebären und diese anschließend in einen schützenden Bruttasche verlegen, wo sie weiter heranreifen. Heute kommt die Mehrzahl der Beuteltiere mit einer großen Vielfalt in der australischen Region vor, zu den dort heimischen Arten zählen Känguruh, Wombat und Koala. In der Neuen Welt, vor allem in Südamerika, existieren hingegen nur noch ziemlich einheitlich gestaltete Vertreter der Beutelratten und Opossummäuse.

Vermutlich liegen die Wurzeln der Beuteltiere auf der nördlichen Hemisphäre, von wo aus sie über Südamerika Gondwana eroberten – jenen großen Kontinent der Südhalbkugel, der einst Südamerika, Afrika, Madagaskar, Arabien und Vorderindien umfasste, aber später durch die Kontinentalverschiebung in mehrere Teile zerbrach. Fossilien von Marsupialiern aus Südamerika, der Antarktis, Afrika und Australien deuten auf ein einst großes Verbreitungsgebiet hin, doch stammen diese Funde alle aus Epochen des Tertiärs beziehungsweise Quartärs. Umstritten blieb hingegen, ob es sich bei einigen Fundstücken an verschiedenen Orten Südamerikas wirklich um Überreste von Beuteltieren aus der späten Kreidezeit handelt, denn es gelang weder das Alter der Schichten zweifelsfrei zu bestimmen noch die Proben eindeutig zu identifizieren.

Doch nun machten David Krause und seine Kollegen von der Stony Brook University und der University of Antananarivo im Nordwesten Madagaskars einen spektakulären Fund: Sie entdeckten einen einzigen kleinen Backenzahn, einst schätzungsweise 3,5 Millimeter lang und 2,2 Millimeter breit, der anhand besonderer Kennzeichen eindeutig einem Beuteltier aus der späten Kreidezeit gehörte. Das ist der erste Nachweis eines Marsupialiers auf der Insel.

Diese einzigartige Fundsache blieb nicht ohne Folgen für die Theorien der Biogeographie und der Plattentektonik: Denn der Zahn deutet darauf hin, dass die Beuteltiere auf dem Gondwana-Kontinent bereits am Ende der Kreidezeit weit verbreitet waren, nachdem sie Südamerika durchquert hatten und bis nach Madagaskar vorgedrungen waren. Diese Einwanderung erfolgte vermutlich über die Antarktis, demnach müssen also noch bis in die späte Kreidezeit Verbindungen zwischen den beiden Landmassen existiert haben.

Das Auftreten der Beuteltiere in der späten Kreidezeit liefert zudem einen weiteren Hinweis darauf, dass die Vorfahren der modernen Säugetiere Madagaskars, die alle zu den Plazentaliern gehören, in jenem Erdzeitalter dort noch nicht existierten. Da Madagaskar aber bereits im Maastricht – einer Periode der späten Kreide – eine Insel darstellte, sind die Urahnen der modernen Taxa vermutlich erst nach der Kreidezeit eingetroffen und müssten dabei eine bereits existierende Meeresstraße überquert haben.

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  • Quellen
Nature 412: 497–498 (2001)

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