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Ornithologie: Der Zug zur neuen Art

Großbritannien hat beste Voraussetzungen - für Vögel, ihre Liebhaber und Ornithologen, die ihre Leidenschaft zum Beruf machen. Das alles denken sich anscheinend auch Mönchgrasmücken, die ihnen nun neue Erkenntnisse zur Evolution bescheren.
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Es gibt kaum einen vogelverrückteren Menschenschlag als das Volk des Vereinigten Königreichs: Die vielen Twitcher genannten Ornithophilen geben Unsummen aus, um einmal in ihrem Leben einen Tristanfinken zu sehen, der nur auf einer tristen, unwirtlichen Insel im Südatlantik haust. Oder sie lassen alles stehen und liegen und rasen von Cornwall auf die Orkney-Inseln, weil ein telefonischer Vogelalarm die Ankunft eines Dreifarben-Waldsängers auf den Wellen umtosten Eilanden vor Schottlands Küste vermeldet hat – der seltene Irrgast stammt eigentlich von jenseits des Atlantiks.

Und alljährlich beteiligen sich Zehntausende an speziellen Vogelmessen oder zählen am Gartenvogeltag die anwesenden Arten in ihrem Grün hinterm Haus. Doch was wie der Spleen eines schrulligen Inselvolks wirkt, lässt sich durchaus auch wissenschaftlich nutzen: Die Hobby-Ornithologen sind verlässliche Statistiker der heimischen Avifauna. Sie wissen genau, wann welche Art wo zum ersten oder letzten Mal im Jahr aufgetreten ist oder wer sich wie oft am Futterhäuschen an den ausgelegten speziellen Vogelfuttermischungen delektiert hat.

Ein Datenschatz, der eigentlich nur darauf wartet, von Wissenschaftlern gehoben und ausgewertet zu werden. Für Stuart Bearhop von der Queen’s University in Belfast und seine Kollegen war dies zumindest ein Teil ihrer Arbeit über das sich ändernde Zugverhalten von Mönchsgrasmücken (Sylvia atricapilla) in Europa.

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Mönchsgrasmücke | Entwickelt sich die Mönchsgrasmücke in zwei Arten auseinander? Schon jetzt paaren sich eher Tiere untereinander, die im selben Winterquartier waren.
Noch vor fünfzig Jahren besuchten die kleinen Singvögel Mittel- und Nordeuropa nur zur Brutzeit im Sommer. Den Winter dagegen verbrachten sie in den warmen Regionen rund um das westliche Mittelmeer, wo es ganzjährig ausreichend Insektennahrung und Beeren gibt. Zu Beginn der sechziger Jahre begannen jedoch erst einzelne, später dann immer mehr Individuen von ihrer üblichen Zugbahn gen Iberien abzukehren und stattdessen den wesentlich kürzeren Weg nach Britannien einzuschlagen.

Nun, im 21. Jahrhundert, beehren Grasmücken regelmäßig in teils hoher Zahl die winterlichen Schnellimbisse in englischen Gärten: Ein Drittel aller befragten Vogelfreunde des Königreichs bejahte so die Frage nach der Anwesenheit der Tiere auf ihren Grundstücken. Der kürzere Weg von hier nach Süddeutschland, wo die von Bearhops Mannschaft beobachteten Mönchsgrasmücken im Sommer brüten, verschafft ihnen dann im Frühling womöglich einen wichtigen Vorteil gegenüber den Fernreisenden.

Sie sind robuster gegenüber schlechtem Wetter, kommen früher an, besetzen die besten Brutreviere, sind weniger erschöpft und können gleich mit Paarung und Eiablage beginnen, weil ihre Geschlechtsorgane bereits knapp zehn Tage eher in Brutstimmung sind als die der Konkurrenz aus Südeuropa. Wegen der besseren Ressourcennutzung bekommen die zeitweiligen Wahlinsulaner größere Gelege und bringen mehr Junge durch: Ihre Population wächst – so die Theorie.

Wenn aber kurz ziehende Mönchsgrasmücken früher in Fortpflanzungseifer geraten, müssen sie sich dann nicht auch vornehmlich untereinander paaren? Und die Mittelmeerresidenten blieben als Partner außen vor? Um das zu klären, nahmen sich die Forscher eine charakteristische chemische Signatur vor: das Wasserstoff-Isotopen-Verhältnis im Gefieder und den Krallen verschiedener europäischer Stand- und Zugvögel.

Artübergreifend lagern die Tiere die entsprechende regionale Verteilung im Regenwasser über die Nahrung in ihrem Gewebe ein. Da die Relation in mediterranen Gefilden wesentlich höher ist als in nördlichen Regionen, weisen überwinternde Mönchs- und standhafte Samtkopfgrasmücken (Sylvia melanocephala) in Spanien folglich eine ganz andere Isotopen-Signatur auf als winterliche Mönchsgrasmücken sowie Meisen in England und Irland.

Mit diesem Wissen fingen die Ornithologen in der anschließenden Brutzeit die in ihre deutsche und österreichische Heimat zurückgekehrten Mönchsgrasmücken kurz nach der Paarung, aber vor der Eiablage wieder ein und testeten sie erneut auf die Wasserstoffisotope. Und siehe da: Ein Nord-Süd-Partnertausch ist eher selten. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Angehörigen der jeweiligen Gruppen unter sich blieben, lag 2,5 Mal so hoch wie die für eine Mischehe.

Mit der Isotopen-Analyse und Nestbeobachtungen wiesen die Forscher zudem erstmals tatsächlich nach, dass die Zugvögel aus dem Königreich ihren Startvorteil nutzen und mehr Nachwuchs zeugen, den es wiederum im Winter ebenfalls nur über den Ärmelkanal verschlägt. Entwickeln sich demnach die Populationen von Sylvia atricapilla bereits auseinander?

Noch können sich beide Gruppen erfolgreich miteinander verpaaren und vitalen Nachwuchs zeugen – eine zwischenartliche Barriere ist also lange nicht errichtet. Sollten sich die erwähnten Gegensätze aber weiter verschärfen und Paarung ausschließlich jeweils untereinander vorkommen, so könnte irgendwann in ferner Zukunft eine neue Grasmückenart in Europa entstehen.

Das wiederum würde die Nachfahren der heutigen Twitcher erfreuen, denn sie stehen untereinander im Wettbewerb um die längsten Beobachtungslisten – jede Art zählt. Übrigens: Die scheinbar sonderliche Freizeitbeschäftigung der Briten ist auch hierzulande stark im Wachstum begriffen. Gerade wird die Sichtung eines zentralasiatischen Steppenkiebitzes in Hessen gemeldet…

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