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Anthropologie: Der Zwerg

Wenn eine bisher unbekannte Menschenart entdeckt wird, ist das schon Aufsehen erregend genug. Sensationell dürfte jedoch die jugendliche Frische des Neuen sein: Erst vor 18 000 Jahren - und damit fast historische Zeiten erreichend - soll "Homo floresiensis" in Indonesien gelebt haben.
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Wir sind schon lange allein. Von der Gattung Mensch – wissenschaftlich Homo genannt – hat nur eine einzige Art überlebt: Homo sapiens. Der letzte nahe Verwandte, der Neandertaler oder Homo neanderthalensis, musste diesen Planeten vor schätzungsweise 30 000 Jahren räumen. Spätestens seit jener Zeit wurde es einsam für uns.

Oder doch nicht? Lebte vielleicht bis vor kurzem in einem entlegenen Winkel der Erde eine Menschenart, die sich grundsätzlich von Homo sapiens unterschied? Genau das behaupten Anthropologen aus Australien und Indonesien. Wenn sich ihre Deutung bewahrheiten sollte, dann müsste die Geschichte der Gattung Mensch ein wenig umgeschrieben werden.

Peter Brown von der Universität von New England im australischen Armidale berichtet zusammen mit anderen Forschern von einer Entdeckung, die sie im September 2003 auf der indonesischen Insel Flores gemacht haben: In der vierzig Meter tiefen Höhle Liang Bua unter sechs Meter Schutt begraben stießen sie auf Knochen, die eindeutig menschlichen Ursprungs sind – darunter Schädel, Kiefer, Oberschenkel, Schien- und Wadenbeine sowie Überreste von Becken, Wirbeln, Rippen, Schulterblättern, Händen und Füßen. Während Browns Kollegen um Michael Morwood die Fundstätte, zu der auch Tierknochen und Steinwerkzeuge zählen, genauer beschreiben [1], nutzen die Forscher um Brown die Skelettteile – die zunächst den provisorischen Namen "LB1" erhielten – für eine Artbeschreibung [2]. Der Name des neuen Menschen: Homo floresiensis.

Ein gewagter Schritt. Aber an Selbstvertrauen scheint es den Forschern nicht zu mangeln, und Morwood ordnet den Fund auch gleich dementsprechend ein: "Es gibt keine vergleichbare Homininen-Entdeckung in Südostasien, seit Eugène Dubois auf Java das Typusexemplar von Homo erectus in den 1890er Jahren gefunden hat."

Spannend ist vor allem das Alter des Fundes. Auf Grund von Radiokarbon- und anderen Datierungsmethoden schätzen die Forscher, dass Homo floresiensis vor 38 000 bis mindestens vor 18 000 Jahren gelebt haben muss. Damals, mitten im Jungpaläolithikum, sollten eigentlich alle Homo-Arten längst das Zeitliche gesegnet haben – mit Ausnahme von Homo sapiens.

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Homo floresiensis und Homo sapiens | Der nur 18 000 Jahre alte Schädel des Typusexemplars LB1 (links), mit dem die Forscher die neue Art Homo floresiensis beschrieben haben, ist deutlich kleiner als der Schädel eines heutigen Homo sapiens (rechts).
Doch um Homo sapiens – da sind sich die Forscher sicher – handelt es sich bei den merkwürdigen Flores-Menschen nicht, zeichneten sie sich doch durch einen außergewöhnlichen Zwergenwuchs aus: Das Typusexemplar LB1 – vermutlich eine ausgewachsene Frau – erreichte vielleicht gerade einen Meter Körpergröße, und das Hirnvolumen war mit 380 Kubikzentimetern geradezu winzig. Selbst "Lucy", die vor 3,2 Millionen Jahre durch die äthiopische Steppe streifte und später unter den Namen Australopithecus afarensis berühmt werden sollte, besaß mehr Hirn. Und mit heutigen Pygmäen, die zwar nur etwa 1,50 Meter groß werden, aber ein normal großes Gehirn haben, ist Homo floresiensis ebenfalls nicht zu vergleichen.

Nun ist ein Zwergenwuchs bei Säugetieren nichts Ungewöhnliches – wenn sie nur lange genug isoliert leben. So existierten auf Flores bis vor 5000 Jahren Elefanten der Gattung Stegodon – von der die Forscher ebenfalls Überreste gefunden haben –, die mit einer Schulterhöhe von etwas über einem Meter auch nicht gerade zu den Giganten zählten. Die Forscher sehen daher in Homo floresiensis einen unmittelbaren Nachfahren von Homo erectus – jenes "Javamenschen", den Eugène Dubois 1891 entdeckt hatte. Irgendwann und irgendwie hat es wohl Homo erectus auf Flores verschlagen – im Gegensatz zu anderen indonesischen Inseln bestand hier keine Verbindung zum asiatischen Festland – und könnte sich dann, abgeschnitten von der Außenwelt, zum Zwerg entwickelt haben.

Den "Multiregionalisten" unter den Anthropologen, welche die Idee eines rein afrikanischen Ursprungs von Homo sapiens ablehnen, dürfte diese Deutung nicht ganz behagen. Gehen sie doch davon aus, dass unsere Wurzeln weltweit verteilt lagen, mit großen Populationen, die lange zusammenlebten und sich miteinander vermischten – für isoliert lebende Menschengruppen wäre da wenig Platz. "H. floresiensis schlägt einen weiteren (den letzten?) Nagel in den multiregionalen Sarg", sind die Anthropologen Marta Mirazón Lahr und Robert Foley aus Cambridge überzeugt.

Doch die spannende Frage bleibt: Sind sich Homo sapiens und sein zwergenhafter Vetter jemals begegnet? Möglich wäre es, schließlich breiteten sich die modernen Menschen vor 100 000 bis 50 000 Jahren in Südostasien aus. Ob sie auf ihrem Weg zum australischen Kontinent, den sie vermutlich vor 45 000 Jahren erreichten, einen Zwischenstopp auf Flores eingelegt hatten, weiß niemand.

Und niemand ahnt, wie die Begegnung der beiden Menschenarten ausging, wenn sie denn jemals stattgefunden hat. Genauso rätselhaft bleibt, warum die Zwergenmenschen wieder verschwanden. Morwood und seine Kollegen spekulieren zwar, dass sie katastrophalen Vulkanausbrüchen zum Opfer fielen, doch auch Homo sapiens könnte an ihrem Untergang nicht ganz unbeteiligt gewesen sein.

Wenn auch ihr Schicksal wohl nie ganz aufgeklärt werden wird – falls die Zwerge von Flores tatsächlich als eigene Menschenart existiert haben sollten, dann sollten wir ein wenig umdenken, wie Lahr und Foley betonen: "Für die meiste Zeit seiner 160 000 Jahre langen Geschichte scheint H. sapiens den Planeten mit anderen zweibeinigen, kulturellen Wesen geteilt zu haben. Unsere globale Dominanz könnte wesentlich jünger sein, als wir geglaubt haben."

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